Was bleibet aber, stiften die Dichter. – Friedrich Hölderlin
Nathan A. Scott (1925–2006) in memoriam
Bei der Lektüre von Weltliteratur, der Werke von Dante oder Shakespeare, Augustinus oder Goethe, Milton oder Dostojewski, ergeben sich viele Fragen. Was bedeutet ihnen Religion? Sind die Autoren gläubig oder ungläubig? Woher nehmen Schriftsteller wie Hermann Hesse, Thomas Mann, Robert Musil, Jean-Paul Sartre und Milan Kundera ihre Stoffe und Anregungen? Wo beziehen sie sich – direkt oder indirekt – auf Einsichten Buddhas, den Weg Gilgameschs, die Leiden Hiobs, die Bilderwelt der Apokalypse? Das vorliegende Buch möchte allen Lesern, besonders Schülern und Studenten, Lehrern und Dozenten, rasch einen Einblick in Bücher wie Die göttliche Komödie, Faust und Meister und Margarita, aber auch den Koran oder das Dhammapada verschaffen oder, besser noch, bei der Lektüre solcher „religionshaltiger“ Werke als erster interpretierender Schlüssel dienen.
Am Thema „Literatur und Religion“ – oder genauer: der literarischen Wahrnehmung von Religion – besteht beträchtliches Interesse. Lesekreise von Laien beschäftigen sich damit. Theologen und Literaturwissenschaftler bieten entsprechende Lehrveranstaltungen an, sprechen auf Akademietagungen, halten Abendvorträge und empfehlen Bücher. Fachleute kennen den Namen des Begründers der modernen theologischen Literaturwissenschaft: Nathan Alexander Scott. Seit Anfang der 1950er Jahre befasste er sich mit moderner Literatur. Als Professor für Literatur und Religion – zuerst an der University of Chicago, später an der University of Virginia – wurde er nicht müde, Studenten mit Albert Camus und anderen modernen Schriftstellern bekannt zu machen. Seine grundlegende Erkenntnis fasst Scott in folgendes Wort: „The literary intelligence is by far the best intelligence of our time, better than the philosophic intelligence, better than the social-scientific, ... and better perhaps even, on the whole, than the theological.“1 – „Die literarische Intelligenz ist bei weitem die beste Intelligenz unserer Zeit. Sie übertrifft die der Philosophen, die der Sozialwissenschaftler ... und vielleicht sogar, aufs Ganze gesehen, die der Theologen.“ Wer keine Literatur liest, versäumt das Beste der intellektuellen Kultur.
Scott selbst hat viele Bücher geschrieben. Sie zeigen, wie sich Literatur und Religion gegenseitig erläutern: Es gibt kein Verständnis von Religion ohne literarische Kompetenz, und kein Verständnis von Literatur ohne religiöses Grundwissen. Mehrere internationale Fachzeitschriften publizieren ausschließlich Forschungsbeiträge über das von ihm angeregte Thema. Fasziniert von allem Neuen, lag Scott selbst und liegt seinen zahlreichen Anhängern in aller Welt mehr an Forschung
Religion und Literatur in drei Jahrtausenden interpretiert hundert Hauptwerke der Weltliteratur. Vielen, die nach Informationen über ein bestimmtes Werk suchen, wird die im Hauptteil gegebene kurze Besprechung genügen. Das letzte, achte Kapitel sowie das Nachwort hat teils einführenden, teils zusammenfassenden Charakter. Dort wird auf Grundfragen eingegangen: die Suche nach Lebensweisheit, die Vorliebe für biographisches Erzählen, den Wandel in Weltbild und Geschichtsverständnis, das Lesen und die emotionale wie intellektuelle Bindung an den Lesestoff. Die entsprechenden Ausführungen ergänzen und vervollständigen die hundert Einzelinterpretationen; sie mögen als Schlüssel zum Thema „Religion und Weltliteratur“ dienen.
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Wer über Literatur von Gilgamesch bis Goethe und von Buddha bis Bultmann schreibt und religionskritische Werke umfassend berücksichtigt, kommt ohne Beratung durch literarisch, theologisch und philosophisch beschlagene Freunde und Freundinnen nicht aus. Das ganze Manuskript lasen und kritisierten Gia Toussaint, Peter Thaddäus Lang und Harald Strohm. Weitere Hilfe kam von Marietheres Döhler, Gabriele Dürbeck, Georg Ewald, Christian Gizewski, Michael Kessler, Ulrike Längle und Jürgen Wehnert. Zuletzt sprangen mir noch Hans Jørgen Lundager Jensen und weitere dänische Freunde bei. Die Genannten sind an Universitäten oder als freie Schriftsteller und Forscher tätig. Ihnen allen gilt mein herzlicher Dank.
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Viele, denen ich etwas von meinem Buchmanuskript zeigte, fragten mich nach meinem literarischen Lieblingswerk. Seltener kam die Frage nach dem Umgang eines Theologen mit Literatur, die der Kirche und allem Religiösen feindlich bis indifferent gegenübersteht. Die erste Frage will ich hier unbeantwortet lassen. Gleichwohl lasse ich soviel durchblicken: Aus jenem kleinen Buche musste ich mehrere muntere Liedstrophen wörtlich anführen, da mir diese, samt Melodie, seit Schultagen durch den Kopf strömen und unweigerlich in den Sinn treten, sobald sich die Sonne am Himmel zeigt und die Welt erleuchtet.
Bernhard Lang