Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte
(Friedrich Schiller)
Symon Petljura gehört zu den wichtigsten und bekanntesten Akteuren des Russischen Bürgerkriegs. Ohne Symon Petljura und die Geschichte der Ukrainischen Volksrepublik (UNR) existierte heute keine unabhängige Ukraine, denn nach dem Sieg der Bol’ševiki im Bürgerkrieg und der Gründung der UdSSR bildete auch eine Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik einen Bestandteil des nationalterritorial konstruierten Nachfolgestaats des Zarenreichs.
Die Ukraine war der entscheidende Kriegsschauplatz des Bürgerkriegs gewesen, auf dem der Versuch einer unabhängigen ukrainischen Staatsgründung am Widerstand der 1917 in Petrograd an die Macht gekommenen russischen Kommunisten unter Vladimir I. Lenin und Lev D. Trockij scheiterte. Deren gefährlichster Widersacher war der ukrainische Sozialdemokrat Petljura, der nach Revolution und Besetzung der Ukraine durch die Mittelmächte seit November 1918 als Holovnyj Otaman (Oberbefehlshaber) den Unabhängigkeitskrieg der demokratisch verfassten UNR führte. Ihr schlossen sich im Januar 1919 die gegen die Polen um Ostgalizien kämpfenden Westukrainer an.
Mit Petljura an der Spitze und zwischen allen Fronten des Bürgerkriegs standen die Soldaten der UNR in einem wenig aussichtsreichen Kampf, weil sie ihn ohne Unterstützung und von der internationalen Politik isoliert führen mussten. Es war das Verdienst Petljuras, der nicht nur Führungsqualitäten mit politischen Visionen vereinte, sondern auch ein erstaunliches Durchhaltevermögen bewies, dass allen Niederlagen und materiellen Nöten zum Trotz die ukrainischen Farben bis zum Ende des Bürgerkriegs über dessen Kampfplätzen wehen konnten. Auch Diskreditierungen als „Erfüllungsgehilfe Berlins“ oder als „Bolschewik“ bzw. „Bandit“ konnten Petljura nicht von der Verfolgung seines Zieles abhalten, die Selbstbestimmung der Ukraine und ihre Unabhängigkeit zu erreichen. Nationalkommunisten wie Vlas Ja. Čubar (1891–1939), Oleksander Ja. Šums’kyj (1890–1946), Mykola Skrypnyk (1872–1933) u. a. erhoben nach Gründung der UdSSR zum Missfallen Moskaus ebenfalls Autonomieforderungen für die Sowjetukraine. Dadurch rückten sie aus bolschewistischer Sicht in die Nähe Petljuras, dem gefährlichsten Gegner der Sowjetmacht im Exil. Er verkörperte wie kein anderer das Bestreben der Ukraine nach Trennung vom Roten Imperium. Daher wurde er bekämpft und vertrieben. Heute stehen Petljura- Denkmale an vielen Orten der Ukraine als Symbole für die nationale Selbstbehauptung und den Widerstand gegen Sowjetisierung und russischen Imperialismus. Dagegen überlebte von den Nationalkommunisten und sowjetischen „Ukrainisierern“ keiner die Stalinschen Säuberungen der 1930er Jahre. Auch aus der Erinnerungskultur des Sowjetstaates wurden sie gelöscht.
Im Westen stand Petljuras Bild ganz im Schatten der sowjetischen Geschichte. Bekannter und populärer war der selbsternannte „Bauernbefreier“ und Anarchist Nestor Machno, ein skrupelloser Verbrecher und Menschenschlächter, den der Zeitgeist der Zwischenkriegszeit zu einem Idol des demokratischen Aufbruchs in Europa stilisierte. In diesem Geiste wurde zudem die UdSSR als Projekt der Moderne verstanden, die nationale Selbstbestimmung nur noch unter roten Bannern tolerierte, weshalb die UNR keine Aufmerksamkeit erhielt. Zudem reihte sich die aus UNR-Offizierskreisen hervorgegangene OUN (Orhanizacija Ukrajins’kych Nacionalistiv/Organisation der Ukrainischen Nationalisten) in die Szene des europäischen Terrorismus ein, dessen Attentate und Anschläge von Warschau bis Amsterdam auch die Virulenz der ukrainischen Frage in der Zwischenkriegszeit demonstrierten. Der sich ausbreitende ukrainische Nationalismus erhielt Impulse aus den sich parallel entfaltenden faschistischen Bewegungen sowie den autoritären politischen Denksystemen der Staaten Ostmitteleuropas. Sie bildeten im Zweiten Weltkrieg nicht zuletzt die ideologisch-politischen Voraussetzungen für Kooperation und Kollaboration mit Deutschland und der Wehrmacht.
Petljura war inzwischen längst einem Attentat erlegen, wurde jedoch als bȇte noir von Stalin und der Führung der KPdSU über Jahrzehnte hinweg politisch-propagandistisch instrumentalisiert, während die nationalen Bestrebungen der Ukrainer totgeschwiegen wurden. Lediglich in den Köpfen der ukrainischen Emigranten blieb die Erinnerung an Petljura und die UNR auch nach dem Zweiten Weltkrieg lebendig. Sie beflügelte die Hoffnungen der von München bis Vancouver Zuflucht suchenden Replaced Persons auf eine Befreiung ihres Landes von sowjetischer Beherrschung. Dabei konnte – anders als die Führer der OUN – Symon Petljura als Präsident des ersten unabhängigen ukrainischen Staates und ohne NS-Belastung eine politische Identifikationsfigur darstellen, die für Eigenstaatlichkeit, Demokratie und Befreiung von Fremdbestimmung stand. Seine Bedeutung für die Erinnerungskultur der ukrainischen Emigration dies- und jenseits des Atlantiks belegen zahlreiche Memoiren, Erinnerungsschriften, Dokumentensammlungen und wissenschaftliche Abhandlungen, die von Zeitgenossen des Holovnyj Otaman, Mitarbeitern, Politikern, Militärs und Wissenschaftler/innen verfasst wurden, weshalb viele dieser Publikationen mit kritischem Blick gelesen werden müssen.
Biographische Werke über Petljura waren lange Zeit Desiderata der Forschung. Die raren Publikationen, die zunächst fast ausschließlich auf Ukrainisch verfasst waren, lieferten zudem nur wenige Informationen zu Herkunft und Jugend Petljuras, aber kaum etwas Verlässliches zu dessen politischer Karriere seit 1917. Dies ist nicht zuletzt auch der Tatsache geschuldet, dass Petljura und seine Polenpolitik bis heute unter West- und Ostukrainern sehr kontrovers diskutiert werden. Außerdem waren die meisten Publikationen primär der ehrenden Erinnerung Petljuras gewidmet und sollten den Holovnyj Otaman der UNR vor allem gegen Vorwürfe, Antisemit, „Judenschlächter“ und russophober Nationalist gewesen zu sein, in Schutz nehmen. Heute wissen wir: zu Recht. Zwar sind tatsächlich auch im Machtbereich der UNR wie in der Ukraine insgesamt vor allem 1919 zahlreiche jüdische Menschen furchtbaren Pogromen zum Opfer gefallen, die aber von Petljura und seiner Regierung weder angestiftet noch toleriert, sondern streng verfolgt wurden. In der Arbeit wird dieses Kapitel jüdisch-ukrainischer Beziehungen entsprechend gewürdigt.
Nach dem Ende der Sowjetunion ermöglichte die Öffnung der Archive den Historikern und Historikerinnen in und außerhalb der Ukraine neue Zugänge zu langer Zeit nicht erreichbaren Quellen und Materialien, die nun in beachtlicher Zahl eruiert und für die Forschung verfügbar gemacht werden. Dadurch haben sich inzwischen unsere Kenntnisse von den „Ereignissen in der Ukraine“ jener Jahre enorm erweitert. Auch das vorliegende Buch profitierte von der Öffnung der Archive und Repositorien, deren Nutzung bisher den Geschichtswissenschaften vorenthalten worden war. Dessen ungeachtet haben in der Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung die Kollegen Frank Golczewski/Hamburg, Hans-Joachim Torke an der FU in Berlin und Andreas Kappeler/Köln das Verdienst, der Geschichte der Ukraine als erste in der universitären Lehre breiteren Raum eingeräumt zu haben. In der DDR haben sich damals vor allem Rolf Göbner, Peter Kirchner und Claus Rehmer um Geschichte und Kultur der Ukraine einen Namen gemacht.
Das Thema Petljura und die UNR hat den Verfasser seit den 1970er Jahre immer wieder einmal beschäftigt. Als Doktorand meines Mainzer Lehrers Gotthold Rhode (1916–1990) habe ich damals den Zugang zu den Archivalien im Jόzef Piłsudski-Institute of Amerika in New York, erhalten, das von einem ehemaligen Adjutanten des polnischen Marschalls und Staatschefs geleitet wurde. Auch die vorliegende Arbeit basiert zum Teil auf diesen Beständen, die noch nicht alle ediert worden sind. Im Übrigen wurden zur Darstellung weitgehend publizierte Quellen und die erreichbare Literatur zum Thema herangezogen. Da das Buch für einen breiteren Leserkreis gedacht ist, wurde auf die Diskussion der Historiographie sowie neuerer und offener Fragen zum Thema grundsätzlich verzichtet, was nicht bedeutet, dass Letztere im Einzelfall nicht aufgetaucht wären.
Für Personen- und Städtenamen wird im Text die vereinfachte im Russländischen Reich übliche Form des Ukrainischen und Russischen in deutscher wissenschaftlicher Umschrift verwendet. Allerdings werden Lemberg, Kiew und Moskau in deutscher Version anstelle von L’viv, Kyjiv, Moskva geschrieben.
Daten werden – wenn nicht anders vermerkt – nach dem im jeweiligen Land geltenden Kalender wiedergegeben. In Russland bzw. dem Russländischen Reich fand bis zum 31. Januar 1918 der Julianische Kalender (A. S. = alter Stil) Anwendung, der gegenüber der westlichen Gregorianischen Zeitrechnung im 19. Jahrhundert um 12 Tage und im zwanzigsten Jahrhundert um 13. Tage zurücklag.
Dem Buch sind umfängliche Recherchen in deutschen und ausländischen Archiven und Bibliotheken vorangegangen. Verfasst und zum Abschluss gebracht wurde es in Zeiten der Corona-Epidemie. Dass dies möglich wurde, verdanke ich auch dem engagierten Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bibliothek der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg, die trotz zahlreicher Beschränkungen den Fernleihverkehr und die Ausleihe in einem arbeitsgerechten Modus aufrechterhalten haben.
Ein ganz besonderer Dank gilt meinem Nachfolger an der HSU, Jörn Happel, sowie seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für das Interesse, das sie dem Petljura-Thema – nicht zuletzt durch Organisation und Ausrichtung eines Forschungskolloquiums – entgegengebracht haben. Für kritische Begleitung danke ich zudem Frank Golczewski, Nikolaus Katzer, August Pradetto und Halyna Roshchyna. Meine Frau hat wie immer die Entstehung des Manuskripts und dessen sprachliche Form mit kritischem Interesse unterstützt. Im Übrigen bin ich Diethard Sawicki, seinen Mitarbeiterinnen und dem Schöningh-Verlag für ihr engagiertes Lektorat dankbar. Für Mängel und Errata bin ich allein verantwortlich.
Lüneburg, im März 2023.