Der zweite Korintherbrief ermöglicht einen Einblick in frühchristliche Missionstätigkeit: Paulus, der Gründer der korinthischen Gemeinde, und die dortigen Christusgläubigen liegen – so jedenfalls stellt Paulus es dar – im Streit miteinander. Anlass dieses im Brief dargestellten Konfliktes ist, dass judenchristliche1 und rhetorisch begabte Missionierende2 zwischenzeitlich3 in die Gemeinde gekommen sind und mit dem abwesenden Paulus konkurrieren. Worum es nun tatsächlich in dieser Auseinandersetzung geht, bleibt auf der (für uns lediglich paulinisch greifbaren) Textebene aber vage. Denn Paulus spricht weder klar aus, was das eigentliche Problem ist, noch wer die ‚anderen‘ sind. Keineswegs vage sind dagegen die vielen Versuche der Auslegungsgeschichte diese ‚Gegner4 und Gegnerinnen‘5 zu identifizieren. Allerdings konnten die v. a. religionsgeschichtlichen Hypothesen – bis auf die wenigen oben genannten Axiome6 – die (erst von Paulus postulierten) negativ konnotierten Eigenschaften oder Handlungsweisen der ‚anderen‘7 Missionierenden nicht plausibilisieren.
Auffällig ist, dass über die Grenzen der verschiedenen (Re-)Konstruktionsversuche8 hinweg in vielen dieser exegetischen Annäherungen immer wieder ein und dasselbe dualistische Muster begegnet, das Paulus als orthodoxen / orthopraktischen ‚Kreuzestheologen‘9, seine Konkurrenten und Konkurrentinnen dagegen als heterodoxe / heteropraktische ‚Herrlichkeitstheologen und -theologinnen‘ zeichnet. Eben diese ‚kreuzestheologischen‘ Lesarten des 20. und 21. Jahrhunderts sollen in der vorliegenden Studie mittels ‚archäologischer Methode‘10 angefragt werden, denn sie berufen sich für ihre (Re-)Konstruktionen auf Luthers theologia crucis, wenngleich sie weniger dessen Lesarten der paulinischen ‚Gegner und Gegnerinnen‘-Darstellungen in 2Kor 10–13 rezipieren.
Bindeglied – so meine im Folgenden zu rechtfertigende These – zwischen diesen ‚kreuzestheologischen‘ Auslegungen, Luthers theologia crucis und der paulinischen Darstellung der ‚anderen‘ Missionierenden ist, dass es sich je um polemische Phänomene handelt, die allerdings nicht differenziert, sondern vereinheitlichend zur (Re-)Konstruktion der paulinischen Konkurrenten und Konkurrentinnen herangezogen werden. Damit einhergehende Feindbilder der ‚anderen‘ Missionare und Missionarinnen versucht die vorliegende Untersuchung mittels sprach- und literaturwissenschaftlicher Annäherung an die jeweiligen polemischen Momente aufzulösen. Dabei geht sie wie folgt vor:
In Teil I werden hermeneutische und methodische Grundfragen erörtert. In den ersten beiden Unterkapiteln werden v. a. begriffsgeschichtliche Annäherungen an die ‚Container-Begriffe‘ ‚Kreuzestheologie‘ (Kap. 1) und ‚Polemik‘ (Kap. 2) vorgelegt. Denn – so eine erste in dieser Untersuchung vertretene These – weil in der Auslegung von 2Kor 10–13 ‚Kreuzestheologie‘ (immer noch) häufig als notwendig ‚polemisch‘ bestimmt wird,11 aber nicht zwischen den mit diesen beiden Begriffen einhergehenden Mehrdeutigkeiten differenziert wird, werden Vorverständnisse in den Text eingetragen. Rekonstruktionsversuche der Konfliktsituation und damit auch der ‚Gegner und Gegnerinnen‘ werden so erschwert. Neben den begriffsgeschichtlichen Infragestellungen werden in Kap. 2.1–2 aber auch methodische Rückfragen an 2Kor 10–13 als polemischen Text gestellt, nämlich ob er eindeutig von einer Apologie unterschieden werden kann (Kap. 2.1) und welche Bedingungen beim sog. ‚Mirror Reading‘ beachtet werden müssen (Kap. 2.2). Insofern in Teil II sprach- und literaturwissenschaftliche Polemikerkenntnisse der Gegenwart für 2Kor 10–13 fruchtbar gemacht werden sollen, wird in Kap. 3 begründet, dass rhetorische Theorien auch für einen Brief eingeholt werden können, und in Kap. 4 wird mit Beispielen antiker Briefpolemiken belegt, warum moderne Polemik-Theorien auf antike Briefe wie 2Kor 10–13 angewendet werden können. Zuletzt wird in Kap. 5 die Funktion des Literarischen in polemischen Briefen beleuchtet, die auf Öffentlichkeit hin angelegt sind. In einem Zwischenfazit (Kap. 6) werden die Ergebnisse aus Teil I resümiert, um die Bedingungen für die in Teil II folgenden Polemikanalysen zu fixieren.
In Teil II werden mittels ‚archäologischer‘ Methode wie bei einem Tell drei Schichten der Wirkungs- und damit auch Auslegungsgeschichte ‚ausgegraben‘:12 In ‚Stratum I‘ werden jene ‚kreuzestheologischen‘ Lesarten der Exegese des 20. und 21. Jahrhunderts aufgedeckt, die den ‚Gegnern und Gegnerinnen‘ eine Heterodoxie (Kap. 7.2) und / oder Heteropraxie (Kap. 7.3) unterstellen. Weil die meisten dieser Auslegungen auf Ernst Käsemann rekurrieren, wird eine detaillierte Analyse seiner Deutung der letzten vier Kapitel des 2. Korintherbriefes in Stratum I vorangestellt (Kap. 7.1). Stratum II fördert Luthers aktualisierende Lesarten der paulinischen ‚Gegner- und Gegnerinnen‘-Konstruktionen zu Tage. Hier können folgende ‚Funde‘ differenziert werden: Luther aktualisiert die ‚anderen‘ Missionierenden aus 2Kor 10–13 auf formaler Ebene (Kap. 8.2), in seiner Schriftkommentierung (Kap. 8.3) sowie in subjekt- (Kap. 8.4) und handlungsbezogener (Kap. 8.5) Perspektive. In Stratum III dienen sprach- und literaturwissenschaftliche Einsichten über Polemik als Spatel, Kelle und Pinsel, um paulinische ‚Gegner- und Gegnerinnen‘-Konstruktionen ‚freizulegen‘. Folgende vier Aspekte lassen sich in dieser Schicht ‚ausgraben‘: ‚(Paulinische) Polemik ist öffentlich‘ (Kap. 9.2), sie verdoppelt die polemische Situation (Kap. 9.3), sie zielt auf die Destruktion der ‚gegnerischen‘ Integrität (Kap. 9.4) und sie ist argumentativ und metakommunikativ (Kap. 9.5).
Der dritte Teil führt die Ergebnisse der einzelnen Kapitel zusammen und reflektiert sie methodisch vor der Frage nach dem Verhältnis von Konstruktion und Rekonstruktion im polemischen Text 2Kor 10–13.
Konsens in der Forschung zu 2Kor ist, dass es sich bei den Fremdmissionierenden um „Judenchristen [handelt], denen ihr jüdisches Erbe wichtig ist (11,22)“ (Schmeller, Thomas, Der zweite Brief an die Korinther [2Kor 1,1–7,4] [EKK VIII/1], Neukirchen-Vluyn 2010, 156). Insofern Beschneidung, Speisevorschriften etc. aber nicht Gegenstände der Kontroverse in 2Kor 10–13 sind, kann nicht auf Judaisten rückgeschlossen werden. Vielmehr bleibt offen, „[o]b aus der Selbstbezeichnung der Gegner in 2Kor 11,22 (‚Hebräer‘ usw.) etwas über ihr theologisches Programm auszumachen ist“ (Berger, Klaus, Die impliziten Gegner. Zur Methode des Erschließens von ‚Gegnern‘ in neutestamentlichen Texten, in: Dieter Lührmann / Georg Strecker [Hg.], Kirche, Festschrift für Günther Bornkamm, Tübingen 1980, 372–400, 385 Anm. 81, in Rückbezug auf Machalet, Christian, Paulus und seine Gegner. Eine Untersuchung zu den Korintherbriefen, in: Wolfgang Dietrich [Hg.], Theokratia II, Festschrift für Karl Heinrich Rengstorf, Leiden 1973, 183–203,196).
Dass es sich ebenfalls um christliche (Wander-)Missionare handelt, zeigt sich an ihrer Verkündigung eines – aus paulinischer Perspektive ‚anderen‘ – Jesus (2Kor 11,4; vgl. 11,23: Diener Christi), sowie an den Empfehlungsschreiben anderer Gemeinden, die sie bei sich tragen und ebenfalls von den Korinthern und Korintherinnen einfordern (2Kor 3,1).
Die meisten Ausleger und Auslegerinnen gehen von folgender Chronologie aus: „Zwischen dem kanonischen 1 und 2Kor liegen ein Zwischenbesuch, ein Zwischenfall (ἀδικήσας) und ein Zwischenbrief. Neue Gegner sind von außerhalb der Gemeinde nach Korinth gekommen (…) [dabei ist es allerdings] nicht mehr möglich festzustellen, ob und wie Zwischenfall und Gegnerfrage zusammenhängen“ (Bieringer, Reimund, Die Gegner des Paulus im 2. Korintherbrief, in: ders. / Jan Lambrecht [Hg.], Studies on 2 Corinthians [BETL 62], Leuven 1994, 181–221, 220; vgl. Bieringer, Reimund, Der 2. Korintherbrief in den neuesten Kommentaren, in: ETL 67 (1991), 107–130).
Insofern es sich bei jenen Personen m. E. mehr um Feindbilder denn um (in einem historischen Sinne) ‚reale‘ Feinde des Paulus handelt, wird bei diesem Begriff mittels einfacher Anführungszeichen die Konstruiertheit desselben angezeigt. Es wird nicht nur gefragt werden müssen, wieviel schon Paulus, sondern vor allem auch, wieviel moderne Exegeten und Exegetinnen zum Bild der ‚Gegner und Gegnerinnen‘ beigetragen haben. Mit einer solchen Herangehensweise ist aber keinesfalls gesagt, dass die in 2Kor begegnenden Konkurrenten und Konkurrentinnen nicht existiert hätten (so aber Thurén, Lauri, Paul had no Antagonists, in: Antti Mustakallio [Hg.], Lux Humana, Lux Aeterna. Essays on biblical and related themes in honour of Lars Aejmelaeus (SESJ 89), Göttingen 2005, 268–288, in Bezug auf den Galaterbrief). Vgl. z. B. Murray J. Harris, der den Bergriff der ‚Gegner‘ kritisch reflektiert, aber eben nicht prinzipiell hinterfragt: „In this context we must distinguish ‚opponents‘ from recalcitrant church members. When visitors infiltrate a church with a view to undermining the leadership, they are clearly ‚opponents.‘ But this term may also be appropriately applied to any segment of a Pauline church that on a long-term and principial basis rejected apostolic doctrine or practice“ (Harris, Murray J., The Second Epistle to the Corinthians [NIGTC], Grand Rapids 2005, 80 Anm. 193). Ferner Grünstäudl, Wolfgang, Die Stimme der Anderen hören. Zur Methode des Erschließens von Gegner(inne)n in neutestamentlicher Briefliteratur, in: Gerd Häfner / Konrad Huber / Stefan Schreiber [Hg.], Die historische Rückfrage in der neutestamentlichen Exegese. Quellen – Methoden – Konfliktfelder [QD 317], Freiburg i. Br. 2021, 138–158, 155: „Sollen wir weiter von ‚Gegnern‘ bzw. Gegner(inne)n sprechen? Oder sind Alternativen wie ‚Antagonisten‘, ‚Andere‘ oder ‚Gegenspieler‘ präziser, zweckmäßiger und heuristisch ertragreicher?“
Vgl. zu (Ehe-)Frauen in der frühchristlichen Mission Müller, Christoph Gregor, Frühchristliche Ehepaare und paulinische Mission (SBS 215), Stuttgart 2008. Insofern „angenommen werden [muss], dass Paulus und die frühe Kirche egalitärer ausgerichtet waren, als lange Zeit angenommen wurde“ (Kok, Kobus, Art. Aussendung / Mission / Apostel, in: Das Wissenschaftliche Bibellexikon im Internet [www.wibilex.de], 2012. URL: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/49951/; letzter Zugriff: 03.05.2022), soll im Folgenden auch von ‚Gegnerinnen‘ die Rede sein, um nicht ausschließlich Männer der ‚Gegnerschaft‘ zu verdächtigen.
Vgl. die gegenwärtige Tendenz, in der Exegese die Aussagen auf die „einigermaßen deutlichen Kennzeichen zu beschränken: Die Gegner waren eindeutig Judenchristen, sie waren stolz auf ihre Wurzeln, sie verstanden sich als ‚Apostel‘ und als ‚Diener Christi‘. Die Selbstbeschränkung auf solche Punkte hat wahrscheinlich mit einer gewissen Erschöpfung und Skepsis zu tun, ob denn diese Frage überhaupt zu klären ist“ (Schmeller, Thomas, Der Konflikt in Korinth. Sozialgeschichtliche Überlegungen zu den Gegnern im zweiten Korintherbrief, in: Wolfgang Stegemann / Richard E. DeMaris [Hg.], Alte Texte in neuen Kontexten. Wo steht die sozialwissenschaftliche Bibelexegese?, Stuttgart 2015, 33–52, 33; vgl. ders., Der zweite Brief an die Korinther [2Kor 7,5–13,13] [EKK VIII/2], Neukirchen-Vluyn 2015, 165.250; Vollenweider, Samuel, Kreuzfeuer. Paulus und seine Konflikte mit Rivalen, Feinden und Gegnern, in: Jens Schröter / Simon Butticaz / Andreas Dettwiler [Hg.], Receptions of Paul in early Christianity. The Person of Paul and his Writings through the Eyes of early Interpreters [BZNW 234], Berlin 2018, 649–676, 662).
Hier gilt dasselbe wie für die einfachen Anführungszeichen der ‚Gegner und Gegnerinnen‘, vgl. Anm. 4.
Wie bei den Annäherungen an die ‚Gegner und Gegnerinnen‘, so handelt es sich auch bei dieser Studie um Plausibilisierungsversuche zur Frage danach, wie sich die Konfliktverhältnisse in Korinth dargestellt haben könnten. Als geschichtstheoretische Grundlage vgl. Troeltsch, Ernst, Ueber historische und dogmatische Methode der Theologie, in: Friedemann Voigt (Hg.), Ernst Troeltsch Lesebuch. Ausgewählte Texte (UTB 2452), Tübingen 2003, 2–25.
Auch dieser Begriff und seine Äquivalente begegnen in dieser Untersuchung in einfachen Anführungszeichen (‚‘) (vgl. Anm. 4), um darauf aufmerksam zu machen, dass es sich keineswegs um fest definierte Termini handelt. Das mag für den Lesefluss anstrengend sein, ist m. E. für die stetige Bewusstmachung der Konstruiertheit aller Bestimmungsversuche einer Theologie und / oder – auch allgemeiner – eines Verhaltens konkurrierender Missionierender unabdingbar. Für inhaltliche Annäherungen an ‚Kreuzestheologie(n)‘ vgl. Kap. 1.
Vgl. Kap. 1.3.
Vgl. Kap. 7.3.2; dort besonders am Beispiel von Ulrich Luz.
Vgl. zur hier vorgenommenen ‚archäologischen Methodik‘ v. a. Kap. 1.3. Dieser Herangehensweise ist zu eigen, dass eigentlich erst zum Schluss das Ganze in seinen Korrelationen einsichtig wird. Für Lesende dieser Untersuchung, die sich nicht bis dorthin gedulden möchten, habe ich jeweils querverwiesen auf jene Kapitel, in denen ihnen ein synchrones Lesen ermöglicht wird (das gilt v. a. für die sprach- und literaturwissenschaftlichen Annäherungen an das Phänomen ‚Polemik‘ in Kap. 9.2, 9.3, 9.4 und 9.5).