nein, wir glauben auch am 150. Tag des von Vladimir Putin mit kruden historischen Wahnvorstellungen begründeten Kriegs gegen ein unabhängiges Nachbarland nicht daran, dass im Jahre 2022 in Europa militärische Stärke ein legitimes Mittel zur Heilung imperialer Phantomschmerzen sein darf. Gerade den Menschen hier im Baltikum ist klar, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer auch ihren Krieg kämpfen – den Kampf um die Freiheit von imperialen russischen Vormachtansprüchen, der im Nordosten des Kontinents bislang dank des NATO-Schirms nur mit Wirtschaftssanktionen, Cyber-Attacken und diversen Mitteln aus den rhetorischen Arsenalen geführt wird. So sehr wir hoffen, dass dies auch zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Bandes noch so ist, so sehr fürchten wir, dass dann auf ukrainischem Boden immer noch gekämpft werden wird.
Sich in dieser Situation mit Livonica-Beständen in deutschen Archiven, Hungerwellen im 17. Jahrhundert oder dem Jagdwesen in der Estnischen SSR zu beschäftigen, fällt nicht leicht. Üblicherweise wurde dieses Vorwort stets um Ostern herum geschrieben. Nun haben wir schon Juli. In der Tat hat die Redaktion noch nie die sich selbst und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gestellten Fristen so oft nach hinten verschieben müssen wie dieses Jahr. Allen ging es ähnlich: Der Kopf war woanders, die Motivation daher gering und wichtiger war die Frage, ob Kyiv noch steht. Viele Fachkolleginnen und -kollegen rangen mit dem eigenen Verhältnis zur imperialen Vergangenheit des russländischen Staats bzw. dessen Kultur – hätte ich nicht schon längst meine Vorlesung ändern müssen, warum habe ich nicht spätestens 2014 gesehen, was kommt, sollte man nicht noch einmal genauer „Krieg und Frieden“ lesen?1 Umso bemerkenswerter die Stimmen eines alternativen Russlands wie etwa die der Sängerin Zemfira, die in ihrem Lied „Schießt nicht!“ (Ne streljajte!) singt: „Schweigt nicht / In dieser bröckeligen Stille / werde ich sterben“. Bemerkenswerterweise ist dieses Lied bereits 2005 geschrieben worden. Im März 2022 lud Zemfira ein neues Video hoch, in dem ihr Lied mit Bildern aus zerbombten ukrainischen Städten unterlegt ist, aber auch mit Aufnahmen aus Moskau, die zeigen, wie im Zentrum der Hauptstadt Antikriegsdemonstranten verhaftet werden.2
Aber auch dieses Jahr können wir unserer geneigten Leserschaft einiges Wissenswerte aus dem Bereich der baltischen Geschichte präsentieren. Kurioserweise kommen alle sechs Artikel dieses Mal aus Tartu und Tallinn, was auch für fast alle Mitteilungen und Rezensionen gilt. Wir hoffen sehr, dass dies eine Ausnahme bleibt. In der Tat stecken manche Texte aus Lettland und Litauen noch im peer-review-Prozess oder konnten allen Verzögerungen im Ablauf zum Trotz doch noch nicht rechtzeitig fertig übersetzt werden.
So ist es jedes Jahr wieder ein Abenteuer, diese Zeitschrift zu machen, aber wir machen das ja nicht alleine. Bei den treuen Freunden, die auch dieses Jahr wieder dabei waren, möchten wir uns an dieser Stelle ganz herzlich bedanken. Dazu zählen die Übersetzerinnen Anu Aibel-Jürgenson und Tea Vassiljeva. Für die sprachliche Durchsicht der englischsprachigen Texte sind wir Siobhan Kattago und James Baxenfield zu großem Dank verpflichtet. Die Prüfung der deutschen Beiträge lag in den bewährten Händen von Martin Pabst. Die Zusammenarbeit mit dem Verlag lief im dritten Jahr reibungslos, wofür an dieser Stelle stellvertretend einmal mehr Diethard Sawicki gedankt sei.
Wir können uns nur wünschen, dass Sie auch diesmal wieder interessante neue Details aus der Vergangenheit der Region finden. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen und Euch erhebliches Lesevergnügen und immensen Erkenntnisgewinn.
23. Juli 2022
Karsten Brüggemann
Mati Laur
Was der russische Angriffskrieg für die Erforschung der baltischen Geschichte bedeutet, diskutiert Karsten Brüggemann: Baltic History after February 24, 2022 – The Charm of Transnational Peripheries?, in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 71 (2022), Nr. 3, S. 424–431.
URL des Videos: https://www.youtube.com/watch?v=4rynqvi4tS0 (letzter Zugriff 17.7.2022).