Diese Verdienste um die Kultur aller slawischen Völker und Nationen machen das Werk der Glaubensverbreitung der heiligen Cyrill und Methodius in einem gewissen Sinn ständig gegenwärtig in der Geschichte und im Leben dieser Völker und Nationen.
Papst Johannes Paul II., Enzyklika „Slavorum Apostoli“ (1985)
Zwei unterschätzte Heilige
Zwar ist die Person des Slavenmissionars Methodius gemeinsam mit dessen Bruder Kyrill seit den 1970er Jahren alljährlich Gegenstand des feierlichen Gedenkens im baden-württembergischen Ellwangen, doch wird das Wirken der beiden Missionare, die Papst Johannes Paul II. 1980 zu „Patronen Europas“ proklamierte und 1985 durch die Enzyklika „Slavorum Apostoli“ ehrte, im deutschsprachigen Raum ungebührlich vernachlässigt und spielt selbst in den hierzulande verbreiteten kultur- und kirchenhistorischen Darstellungen der frühmittelalterlichen Zeit noch immer nur eine Nebenrolle. Dabei lohnt das transkulturelle und im besten Sinne des Wortes ökumenische Wirken der beiden Brüder eine sehr viel intensivere Betrachtung. Nicht erst seit dem EU-Beitritt Bulgariens ist der kulturelle Ertrag der Arbeit der Slavenmissionare gemeinsamer Besitz Europas. Es ist deshalb Emil Ivanov und dem Südosteuropäisch-Bulgarischen Kulturinstitut zu danken, dass es mit dem vorliegenden Band, der anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Methodiustage Ellwangen und des 10-jährigen Jubiläums des Südosteuropäisch-Bulgarischen Kulturinstituts Methodiuszentrum Ellwangen in Zusammenarbeit mit der Theologischen Fakultät Sofia und dem Forschungszentrum Kyrill und Method der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften entstanden ist, Einblick in ein spannendes und zugleich kulturell äußerst folgenreiches Geschehen im Herzen Europas gibt, das dessen östliche und westliche Kammern vereint.
Den Herausgebern der Reihe „Eastern Church Identities“ möchte es scheinen, dass das Thema der Mission Kyrills und Methods, die – verglichen mit der karolingischen Missionspraxis (vgl. Einhard, Vita Caroli Magni 7) – zugleich als Inkulturation bezeichnet werden kann, ein in seiner Bedeutung kaum zu überschätzender Schritt für die Herausbildung der kirchlichen und kulturellen Identitäten Mittel-, Ost- und Südosteuropas war, dessen reiche Facetten die vielfältigen Beiträge des Bandes entfalten. Mit Blick auf Bulgarien sei hier nur an das Wirken der Schüler Kyrills und Methods und die Rezeption ihrer liturgischen und patristischen Übersetzungen auf bulgarischem Territorium sowie auf die Entstehung der „kyrillischen“ Schrift ebendort und ihre Verbreitung unter Süd- und Ostslaven erinnert. Auch die neuzeitliche Rezeption der Heiligen und ihres Werkes in ihrer Bedeutung für das Selbstverständnis der Südslaven und insbesondere der Bulgaren dürfte schwerlich zu überschätzen sein.1
Aufbau und Inhalt des Bandes
Wichtigster Bezugspunkt für alle historischen Rekonstruktionen zu Kyrill und Method bleiben deren Viten, von denen die Vita Kyrills zu Recht die intensivste Aufmerksamkeit in den vorliegenden Beiträgen erfährt. So widmet sich Ivan Christov der Frage nach der zeitgenössischen Bedeutung der Bezeichnung Kyrills als „Philosoph“, die uns bereits in dessen Lebensbeschreibung begegnet, während Atanas Stamatov einen Blick auf die Definition der Philosophie wirft, welche die Vita Kyrill zuschreibt. Ebenfalls mit Blick auf die Vita Kyrills ordnet Rossen Roussev die Auslegung der ebendort vom Slavenapostel im Gespräch mit den chazarischen Juden angeführten Bibelpassage Exodus 34.9 in ihre religions- und geistesgeschichtlichen Zusammenhänge ein. Schließlich beschäftigt sich Peter Schreiner mit dem Bericht der Vita über den Aufenthalt Kyrills in Venedig und arbeitet die politischen und diplomatischen Zusammenhänge heraus, in denen die Ausführungen der Vita stehen.
Einen zweiten inhaltlichen Schwerpunkt bildet die Person Methods, dessen zwangsweisen Aufenthalt im süddeutschen Raum Slavia Barlieva untersucht. Mit dem Erzbistum von Pannonien, in das der Papst Methodius einsetzte, beschäftigt sich Pavel Pavlov, während Tatyana Ivanova nach der Identität des Malers Methodius fragt, der als Maler des Bildes vom Jüngsten Gericht genannt wird, bei dessen Betrachtung sich Zar Boris von Bulgarien der Legende nach zur Konversion zum Christentum entschlossen haben soll (vgl. Theophanes Continuatus IV.15).
Zunächst überraschend mag dem Leser der Beitrag Theodor Stoychevs zu den Apostolischen Vätern anmuten, doch gilt es hier zu bedenken, dass Kyrill und Method mit der Translation der Reliquien des Clemens’ von Rom verbunden sind, die Kyrill in seiner „Rede über die Translation der Gebeine des hochberühmten Klemens“ schilderte, und dass Kyrill seit dem elften Jahrhundert in der Basilica San Clemente in Rom bestattet ist.
In zusammenfassenden Würdigungen des Wirkens Kyrills und Methods unterstreichen Ivan Iliev und Achim Rabus die transkulturelle Vermittlungsarbeit zwischen östlichen und westlichen Traditionen. Wie stark die beiden Missionare die jurisdiktionellen Grenzen in der Region bei ihrer Übersetzungsarbeit achteten, zeigt Ivan Ivanov am Beispiel der ältesten Liturgieübersetzung, die sich an der lateinischen Tradition orientiert. Svetlina Nikolova unterstreicht die Bedeutung der Brüder für die slavische und speziell die bulgarische Schriftkultur des Mittelalters.
Ein weiterer Themenkomplex spürt den Resonanzen des Wirkens der Slavenapostel nach und widmet sich mit Gorazd dem Schülerkreis, bzw. mit dem Erzbistum Ochrid dem ersten Zentrum des Wirkens der Schüler auf bulgarischem Territorium (Ivan Yovchev). Ebenfalls in diesen Zusammenhang der Rezeption gehört die umfangreiche Studie Emil Ivanovs zur Verbreitung der altbulgarischen Inschriften in den bulgarischen Residenzstädten Pliska und Preslav, die zugleich eine Würdigung des Wirkens des Erzpriesters und Professors Ivan Goschev (1886-1965), eines bedeutenden Erforschers dieser Denkmäler, enthält. Nachdem vor mehr als einem halben Jahrhundert Veselin Beševliev (1900-1992) die lateinischen und griechischen Inschriften sowie in einem weiteren Band auch die protobulgarischen Inschriften für ein deutsches wissenschaftliches Publikum edierte,2 führt Emil Ivanov diese bedeutsame wissenschaftliche Tradition durch seinen Beitrag zu den altbulgarischen Inschriften und der Arbeit Goschevs fort.
Damit liegt ein Band vor, der die religiöse, kulturelle und historische Bedeutung des Wirkens der Slavenmissionare zusammen mit Aspekten ihrer Wirkungsgeschichte überzeugend herausarbeitet und so im Sinne der Reihe „Eastern Church Identities“ Einblick gewährt in ostkirchliche Selbstbilder.
Möge das Methodiuszentrum Ellwangen auch zukünftig seine so hilfreiche Brückenfunktion in der Pflege der Beziehungen zwischen Ost und West zum Wohl beider Herzkammern Europas entfalten und damit „auf verständliche Weise in die Wahrheit einführen und darin unterrichten“ – wie dies bereits die Vita des Methodius vor über elf Jahrhunderten formuliert hat.
Gewidmet sei der Band dem Gedenken an drei bedeutende deutsche Kenner der Theologie, Spiritualität und Geschichte Bulgariens, Prof. Dr. phil. Gerhard Podskalsky SJ (1937-2013), Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Hans Rothe (1928-2021) und Prof. Dr. theol. Hans-Dieter Döpmann (1929-2012).
Halle (Saale), im Januar 2022, Martin Illert
Vgl. Beham, Markus-Peter, Rohdewald, Stefan, Kyrill und Method, in: Joachim Bahlke, Stefan Rohdewald, Thomas Wünsch (Hrsg.): Religiöse Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa, Konstitution und Konkurrenz im nationalen und epochenübergreifenden Zugriff, II. Kyrill und Method, 2013, 473-493 sowie: Stefan Rohdewald, Götter der Nationen. Religiöse Erinnerungsfiguren in Serbien, Bulgarien und Makedonien bis 1944, Köln, Weimar, Wien 2014, 233-243 und 610-704.
Beševliev, V. Die protobulgarischen Inschriften. Berliner Byzantinistische Arbeiten 23, Berlin 1963; ders. Spätgriechische und spätlateinische Inschriften aus Bulgarien. Berliner Byzantinistische Arbeiten 30, Berlin 1964.