Einleitung
Warum sollte ein Katholik oder ein Orthodoxer sich für Martin Luther interessieren? Hat Luther den Katholiken nicht groÃe Probleme bereitet, die zu einer Kirchenspaltung im Westen führten? Für die Orthodoxen ist Luther weitgehend ein Fremdkörper, wie auch umgekehrt. Zwar schätzte Luther die altkirchlichen Konzilien und hielt an ihren Lehrentscheidungen fest, aber die orthodoxen Kirchenstrukturen mit Patriarchen, Erzbischöfen und Metropoliten, sowie der Verehrung von Ikonen spielten für Luther keine Rolle. Weshalb dann Luther für Nichtlutheraner? Dies erinnert mich an eine Episode während meines Studiums. Da ich neben Theologie auch Anglistik studierte, musste ich einige Scheine in Französisch erwerben. Im Sprachkurs für Französisch kamen dann auch solche Ausdrücke wie Altar, Fronleichnamsfest und Hostie vor. Einige Kommilitonen protestierten, dass man solche Ausdrücke ja wohl nicht lernen müsste, wenn man mit der Kirche nichts am Hut hätte. Doch die Lektorin, Frau Zöbelein, entgegnete, dass man sie sehr wohl lernen müsse, denn sie gehörten zur Allgemeinbildung. Somit gehört auch eine Grundkenntnis von Martin Luther und seinen wichtigsten Aussagen zur Allgemeinbildung von Nichtlutheranern, wie das auch auf die Kenntnis von Thomas von Aquin und Karl Rahner für Lutheraner zutrifft. Ich erinnere mich noch, wie ein gebildeter und mit mir befreundeter griechisch-orthodoxer Abt mich einmal fragte: âHans, habt ihr [Lutheraner] denn auch Sakramente?â Als ich ihm dann erklärte, wir haben zwei Sakramente, nämlich Taufe und Abendmahl, aber daneben noch andere Riten, wie EheschlieÃung, Konfirmation, Ordination usw., die wir zwar nicht Sakramente nennen, aber doch für sehr wichtig halten, meine er: âDas ist ja dann fast wie bei uns.â Unkenntnis der anderen Konfessionen führt oft zu Vorurteilen und vertieft die Gräben zwischen den Konfessionen. Deshalb ist es für Nichtlutheraner wichtig zu wissen, was es denn mit diesem Luther auf sich hat. War er wirklich ein Ketzer und Kirchenspalter, von dem man sich möglichst fernhalten sollte?
Auch wenn einen das als Nichtlutheraner nicht interessiert, kann man sich Luther und seiner Reformation so leicht nicht entziehen. Er hat damit eine solche Breitenwirkung entfaltet, dass ihre Wirkung selbst dort sichtbar wird, wo man es überhaupt nicht vermutet. Dies zeigte sich auch bei dem 500-jährigen Jubiläum des Thesenanschlags Martin Luthers, ein Ereignis dessen man 2017 weltweit gedachte und auf das eine zehnjährige sogenannte Lutherdekade hinführte. Diese Dekade lud seit 2008 bis einschlieÃlich 2016 mit vielfältigen Veranstaltungen und Reiseangeboten zur Spurensuche von Luther und der Reformation an wichtigen Originalschauplätzen ein. In ganz Deutschland widmeten sich Ausstellungen, Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen den verschiedenen Aspekten der Reformation. Jedes Jahr stand unter einem anderen Motto, wie Reformation und Freiheit (2011), Reformation und die Musik (2012) und Reformation und Politik (2014). Weil Luther im Herbst 1508 zum ersten Mal nach Wittenberg kam, an den Ort, der seine wichtigste Wirkungsstätte werden sollte, wurde die Lutherdekade feierlich in der Schlosskirche zu Wittenberg eröffnet. Da Luther als Mönch, wie im 16. Jahrhundert üblich, mit einem Kahn über die Elbe nach Wittenberg gekommen war, so setzte am 20. September 2008 âMartin Lutherâ mit einem Kahn über die Elbe und wurde von Bürgern und Gästen der Stadt feierlich begrüÃt. Teil der Eröffnungsveranstaltung war auch der Beginn eines Luthergartens, in dem Kirchen aus aller Welt die Patenschaft für je einen der 500 Bäume übernehmen konnten, die dort gepflanzt werden sollten. Dies war als Symbol gedacht für die weltweite Ausstrahlung der Reformation sowie für die Verbundenheit, Vernetzung und Versöhnung der christlichen Kirchen weltweit. Im Gegensatz zu früheren Reformationsfeiern wollte man bewusst die Einheit und Versöhnung der christlichen Kirchen in den Mittelpunkt der Feiern stellen und nicht etwa Gegensätze zwischen den Lutheranern und den Katholiken. Deswegen sprach man oft von einem Reformationsgedenken statt von einer Reformationsfeier. Das 500-jährige Jubiläum der 95 Thesen Martin Luthers wurde also nicht mehr als eine lutherische Sache verstanden, von der sich die Katholiken distanzierten, sondern als ein Jubiläum, das sowohl Lutheraner als auch Katholiken anging. War im 16. Jahrhundert konfessionelle Abgrenzung und Selbstbehauptung angesagt, so ging es 500 Jahre später um Ãberbrückung der konfessionellen Gegensätze. Damit sollte das Vergangene nicht einfach ungeschehen gemacht und unter den Teppich gekehrt werden, sondern man sah das Vergangene in seinem damaligen Kontext und fragte sich, ob dieser für uns noch relevant und gültig sei.
So lesen wir etwa im Ergebnisprotokoll der ersten Sitzung der Gemeinsamen Ãkumenischen Kommission, die am 6.-7. Mai 1981 in München tagte: âKardinal Ratzinger hält eine entsprechende Ãberprüfung von Lehrentscheidungen des Trienter Konzils für notwendig. Es muss dabei formuliert werden, was im evangelisch-katholischen Gespräch immer schon vorausgesetzt wird, dass neue Realitäten entstanden sind, der alte massive Dissens faktisch nicht mehr existiert.â1 Bei dieser ersten Sitzung dieser Kommission, die aufgrund des Besuchs von Papst Johannes Paul II. in Deutschland konstituiert wurde, zeigte sich, dass die im 16. Jahrhundert von der einen Kirche über die andere abgegebenen Urteile, die dann Aufnahme in die Bekenntnisschriften der lutherischen und reformierten Kirchen bzw. in die Lehrentscheidungen des Konzils von Trient gefunden hatten, ânach allgemeiner Ãberzeugung nicht mehr den heutigen Partnerâ treffen.2 So nannte schon 1983 der katholische Theologe Peter Manns (1923-1991), bei einer Vortragsreihe des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, anlässlich des 500. Geburtstags von Martin Luther, diesen als ââVater des Glaubensâ für die gesamte Christenheitâ.3 Seine Glaubensgrundsätze, allein Christus, allein die Schrift, allein die Gnade und allein der Glaube seien auch die Glaubensgrundsätze der ganzen Christenheit. Auch habe er niemals die eine Kirche verlassen und habe keine eigene Kirche gründen wollen.
Am 31. Oktober 1999, also am Reformationsfest, wurde in Augsburg von Kardinal Edward Idris Cassidy und Bischof Walter Kasper für die römisch-katholische Kirche und vom Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, Bischof Christian Krause, und vom Generalsekretär des LWB, Ishmael Noko, sowie von sechs Vizepräsidenten/innen des Lutherischen Weltbundes die Gemeinsame Offizielle Feststellung zur âGemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehreâ unterzeichnet. In der Präambel der Gemeinsamen Erklärung wird darauf hingewiesen, dass aus reformatorischer Sicht in dem unterschiedlichen Verständnis der Rechtfertigungslehre der Kernpunkt aller Auseinandersetzungen war: Wie wird der sündhafte Mensch mit Gott versöhnt? Hierüber kam es in den lutherischen Bekenntnisschriften und im Konzil von Trient zu entgegengesetzten Erklärungen, die bis heute gültig sind und kirchentrennende Wirkung haben. Auf Grund des bisherigen Dialogs zwischen der katholischen und der lutherischen Kirche konnte man nun offiziell feststellen, dass es âeinen Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehreâ gibt und âdass die weiterhin unterschiedlichen Entfaltungen [der Rechtfertigungslehre] nicht länger Anlass für Lehrverurteilungen sindâ.4 Man stimmte nun auch offiziell in den wesentlichen Punkten der Rechtfertigungslehre überein. Papst Johannes Paul II. hatte also Recht, wenn er bei seinem Deutschlandbesuch 1996 feststellte, dass Gräben überbrückt wurden, âdie frühere Generationen für unüberbrückbar hielten. Dieser Fortschritt ist möglich geworden, weil methodisch sorgsam darauf geachtet wurde, zwischen dem Glaubensgut selbst und der Formulierung, in der es ausgedrückt wird, zu unterscheiden.â5 Es reicht also nicht, wenn man bestimmte Aussagen miteinander vergleicht, sondern man muss gleichzeitig fragen, was mit diesen Aussagen gemeint ist. Man muss also den Gesprächspartner wirklich kennenlernen, damit man die inhaltlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestimmen kann. Somit ist es sinnvoll, wenn nicht sogar notwendig, dass man sich als Nichtlutheraner über Martin Luther informiert, denn auch Katholiken trennt nichts Wesentliches mehr von diesem Wegbereiter einer weltweiten Reformation. Was waren und sind also bis heute noch die Grundprinzipien lutherischen Glaubens und sind diese anderen Glaubensüberzeugungen, wie etwa den römisch-katholischen oder den reformierten, wirklich fremd?
Lehrverurteilungen â kirchentrennend? Rechtfertigung, Sakramente und Amt im Zeitalter der Reformation und heute, hg. v. Karl Lehmann und Wolfhart Pannenberg (Freiburg: Herder, 1986), 177.
Ebd., 178f.
So Peter Manns in seinem bedenkenswerten Aufsatz, âWas macht Martin Luther zum âVater des Glaubensâ für die eine Christenheit?â, in Martin Luther âReformator und Vater im Glaubenâ. Referate aus der Vortragsreihe des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Peter Manns, Hg. (Wiesbaden: Franz Steiner, 1985), 15.
Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre (Frankfurt am Main: Otto Lembeck / Paderborn: Bonifatius Verlag, 1999), 9.
Ansprache von Johannes Paul II. an die Vertreter der Evangelischen Kirche und der Arbeitsgemeinschaft christlichen Kirchen in Deutschland, Paderborn 1996. https://www.vatican.va/content/john-paul-ii/de/speeches/1996/june/documents/hf_jp-ii_spe_19960622_incontro-ecumenico.html Zugriff 9.5.2020.