Im Archiv des Augustiner Chorherrenstiftes St. Florian befindet sich der Nachlass des Bibelwissenschaftlers und Orientalisten Hermann Stieglecker, der in der hauseigenen Hochschule die Stätte seines Forschens und Lehrens hatte. Besucht man diesen überaus prunkvollen Gebäudekomplex hochbarocker Kirchentradition, stellt sich unweigerlich die Frage, was die Hintergründe dafür waren, dass gerade hier, etwa 20 Kilometer von Linz entfernt, schon früh ein Ort arabistischer Studien entstand. Hier verfasste Stieglecker sein bis heute unentbehrliches Standardwerk âDie Glaubenslehren des Islamâ.
Die einstimmige Hochschätzung und weite Verbreitung des Werkes Stiegleckers ist beeindruckend. Nur gelegentlich hörte man â wie damals nach neutestamentlichem Zeugnis in der Synagoge in Nazareth â Bemerkungen, wie: âWoher will er diese Weisheit denn haben?â (Mk 6, 2) Diese Frage führte das Forum für Weltreligionen zu seinem letzten, damals noch lebenden Professorenkollegen DDr. Karl Rehberger nach St. Florian: â⦠ein angenehmer Mitbruder, ein fröhlicher Geselle, ein sehr tiefschürfender und anfordernder Alttestamentler!â, so erinnerte sich dieser.
Da galt es nachzuforschen: Hat Stieglecker nicht jede Bibelstelle nebenher mit Talmudstellen und mit Passagen aus dem Koran ergänzt? Nach Auskunft der damaligen Archivarin der Diözese Linz, Dr. Monika Würthinger, war er schon als Student im Priesterseminar ein auffallend begabter und zielstrebiger Student. Später durfte er als Kleriker mit Erlaubnis seines Bischofs nach Wien, um sich in Orientalistik, besonders in Arabistik zu qualifizieren, und lernte den berühmten Orientalisten Rudolf Geyer kennen, dessen umfangreiche Fachbibliothek ihm später noch groÃe Dienste erweisen sollte. Der junge Priester Stieglecker war auch pastoral tätig und in dieser Verantwortung ein empfindsamer Beobachter der katastrophalen Zwischenkriegszeit mit ihren soziopolitischen Revolutionen in Ost und West. Stieglecker erfasste den Kern der marxistischen Ideologie und suchte ihrer Entwicklung sein Leben lang nachdenklich zu folgen. Er lernte sie â besonders unter dem flachen, harten Dach des kirchlichen Antimodernismus â auch als eine Art Befreiungsversuch zu verstehen. Am Totenbett noch überlegte er, wie diese typisch westliche Ideologie sich weltweit ausbreiten und mit dem Maoismus verbünden konnte.
Im Zuge der Aufarbeitung seines Nachlasses begann das Forum für Weltreligionen gemeinsam mit dem Institut für Orientalistik der Universität Wien, eine Tagungsreihe zum âMonotheismusâ in St. Florian zu veranstalten. Die Beiträge des vorliegenden Bandes enthalten Vorträge der ersten Tagung, die zu ausgewählten Schriften Stiegleckers in Bezug stehen, letztere sind ebenfalls hier zu finden.
Ein geistig-geistlicher Aufbruch
Die Zeit der Aufbrüche nach den beiden Weltkriegen war eine, in der ein Kollege einer theologischen Hauslehranstalt und eher Stubenforscher sich seiner Grenzen durchaus bewusst sein musste: Gab es nicht andere Karrieren und Foren, als das angesehene, weltoffene und akademisch engagierte Chorherrnstift St. Florian, in dem Anton Bruckner so gerne weilte und auch begraben sein wollte? Im Stift steht heute noch das wackelige Tretharmonium, auf dem Bruckner seine wuchtigen und erschütternden Symphonien entwarf. â Zu all dem der erste Teil dieses Bandes mit einer umfassenden Biographie Stiegleckers: âHermann Stieglecker im Kontext seiner Zeitâ.
In seinen Schriften spiegelt sich ein Lernprozess durch Jahrzehnte wider. Stieglecker blieb nicht unbeeinflusst, gelegentlich auch belastet von Denkweisen seiner Zeit und war doch zugleich prophetisch und vorausblickend. Die Vermittlerrolle des Volkes Israel in seiner Diaspora unter den Völkern empfand auch er als einen Auftrag. Wie sehr dieser zur Fracht seines Prophetenschicksals werden kann, spiegelt sich im hier wiedergegebenen Ausschnitt aus âDie menschlichen Züge im Alten Testamentâ, dem die Bedeutung der Gottesgegenwart in der Geschichte Israels gegenübergestellt wird. â Dies im zweiten Teil: âLehrer des Alten Testamentsâ. Im dritten Teil (âEntdecker des Islam und seine Suche nach Verständigungâ) findet sich in zwei markanten Schriften Stiegleckers ein Beleg seiner groÃen Empathiefähigkeit zwischen âHingabe und Abgrenzungâ (Klaus von Stosch), sowie eine Einordnung seiner Hauptschrift âGlaubenslehren des Islamâ in den breiten Kontext islamischer Lehrtradition und Theologie (YaÅar Sarıkaya).
Für Thomas von Aquin ist eine der wichtigsten Quellen der Erkenntnis die Connaturalitas im Sinne einer empathischen Sympathie. Eine solche liegt nie einfach in der Luft des âZeitgeistesâ, sondern muss sich â mühsam â einen Weg des Glaubens aus Liebe bahnen â veritas ex caritate. Hermann Stiegleckers Ãberlegung einer âAnalogie von untenâ entsprang einer direkten, oral fassbaren Wahrnehmung: Wie alle Menschen sich gegenseitig verstehen und verständigen können, so müssen auch ihre Sprachen übertragbar sein. Die Völker haben ihre je eigenen geschichtlichen Wege, Prägungen und ihre sie beeinflussende Umgebung, tragen also spezifische Kennzeichen und Eigenheiten an sich. Diese sind zuerst religiöser Natur und vom einen Heiligen her zu deuten. Es war offenbar wie eine Eingebung für Stieglecker, die in seinem gesamten Wirken präsent blieb: Sprache als Weg zum Heiligen. Ohne eigene sprachphilosophische Ausführungen verfasst zu haben, ist die Interessenslage Stiegleckers aus seinem Nachlass gut erschlieÃbar. Die heiligen Schriften der Völker, ihre je besonderen Erfahrungen sind allesamt als eine Botschaft zu deuten und verstehen. Stiegleckers Ãberzeugung der Bedeutung von Sprache führte ihn, das Sprachengenie, das über 60 Sprachen verfügte, zu den heiligen Schriften und von dort aus zu seinen lernenden Studenten und Gemeinden. Im Mittelpunkt standen immer das Wort und die Sprache als Medium der Empathie. Darum wollte Stieglecker zusätzlich zu seiner Kenntnis semitischer Sprachen mithilfe des Sanskrit die vedischen Kultschriften erforschen. Als Sprachwissenschaftler meinte er, etwas von einer alle Menschen verbindenden religiösen Achse der Völker zu erahnen und wollte sein eigenes monotheistisches Glaubensverständnis als ein allen Religionen verwandtes prüfen und einsetzen. Bis zum letzten Atemzug las Stieglecker beides, die Hebräische Bibel und die âMao-Bibelâ. Sein nachhaltiges Forschen zu diesen Fragen wird im vierten Teil (âMonotheismus in Begegnung mit Panentheismus und Pragmatismus Asiensâ) angesprochen und dargestellt.
Eine Seelenverwandtschaft
Stiegleckers Lebensentwurf war zu seiner Zeit schwer vermittelbar und dem Zeitgeist weit voraus. Kardinal Franz König war einer, der Stieglecker aus eigener Connaturalitas und Experientia spontan verstand.
Der Alumne des römischen Collegium Germanicum, Franz König, konnte den übernatürlichen Spekulationen der jesuitischen Gregoriana in den 1930er Jahren wenig abgewinnen. Auch die damalige Bibelwissenschaft des nahen päpstlichen Institutes warf zu wenig für seine existentielle Grundfrage ab: Wie kam es überhaupt zu einem Monotheismus? Der Weg Zarathustras schien ihm dazu gangbar. So begann er, die Avesten der Zoroastrier in der Originalsprache zu lesen. Mit diesem geistigen Kapital kehrte er als Priester dann ins heimatliche Niederösterreich, in seine Diözese St. Pölten zurück und überlebte die schwere Kriegs- und Nachkriegszeit in pastoralen Diensten. Dann aber konnte sein eigentliches Anliegen durchbrechen: Der nunmehrige Professor für Moraltheologie an der Universität Salzburg, â in Wien 1946 für Altes Testament habilitiert (âDer alttestamentliche Jenseitsglaube und seine Parallelen in der Religion Zarathustrasâ) mit deutlichem religionswissenschaftlichen, hier an den Avesten orientierten, Einschlag â verfasste ein dreibändiges Standardwerk über âChristus und die Religionen der Erdeâ (1951), das etwa zeitgleich zu Stiegleckers Hauptwerk erarbeitet wurde. König gewann maÃgebliche Religionswissenschaftler als Mitarbeiter. Auch seine Deutungen sind als eine christliche âAnalogie (der Religionen) von untenâ zu verstehen, aus Begegnung und Dialogik erwachsend. In diesem Monumentalwerk ist eine Entwicklung erkennbar, vom eher konventionellen Eingangsartikel Wilhelm Schmidts im ersten Band bis hin zu Königs Feststellung im dritten: âDer Absolutheitsanspruch des Christentums ist keine Behauptung â¦, sondern liegt im Wesen seiner Botschaft. Und die Wurzel dieser Botschaft liegt im Glauben an den einen Gott des Alten Bundes. Dieser Monotheismus, der in der israelitischen Religion zum ersten Mal bekannt geworden ist â¦, ist die Grundlage des Christentums ⦠Es ist daher der einzig mögliche Standpunkt, vom Christentum aus auch in anderen Religionen religiöse Werte zu bejahenâ (III, S. 766 f). Von dort aus ist es wiederum ein Wegstück zu seinem viel beachteten Vortrag an der Al-Azhar-Universität in Kairo über den Monotheismus. Als Erzbischof von Wien setzte König dann alle Kräfte ein, um den Dialog mit den Religionen, spezifisch mit den Monotheismen, voranzutreiben, wozu die Gründung des ersten Afro-Asiatischen Instituts 1959 zu zählen ist. Er wurde schlieÃlich auch mit dem bescheidenen Gelehrten in Oberösterreich bekannt, der schon in den 1930er Jahren versucht hatte, von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass andere Religionen, hier konkret der Islam, zunächst so zu verstehen seien, wie die Anhänger der Religion diese jeweils selber betrachteten. Diese Einsicht, die im epochalen Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzil zu den Religionen (Nostra Aetate) 1965 schlieÃlich zur offiziellen Position der katholischen Kirche wurde. Dazu der fünfte Teil des Bandes: âKardinal Franz König entdeckt Hermann Stiegleckerâ.
Die Reihe der Monotheismustagungen will das Vermächtnis Hermann Stiegleckers weitertragen, das nicht zuletzt darin besteht, in der Gegenseitigkeit der Begegnung vor allem zu lernen: âMonotheismus in interreligiösen Gespräch der modernen Gottesfrageâ, so das Tagungsthema.
An dieser Stelle danken die Herausgeber allen, die einen Beitrag zur Tagung und zu diesem Band beigesteuert haben, besonders Philipp Bruckmayr und dem Institut für Orientalistik der Universität Wien unter der Leitung von Rüdiger Lohlker für die Ãberarbeitung der âGlaubenslehren des Islamâ zur Neuedition des Werkes, das zeitgleich mit diesem Band im Verlag Brill/Schöningh erscheint, ebenso dem Stift St. Florian für die gute Zusammenarbeit und die Ermöglichung des Abdrucks einiger Fotos aus dessen Archiv. Besonderer Dank geht auch an Herrn AleÅ¡ DoskoÄil für das wiederholte Lesen und Korrigieren der Manuskripte.