dass die „Forschungen zur baltischen Geschichte“ wieder einmal etwas später als erwartet erscheinen, ist bedauerlich, aber es hat wie stets vor allem damit zu tun, dass wir eine Feierabendredaktion sind, die die Zeitschrift zwar auf professionellem Niveau aber doch eher als Hobby betreibt. Dass wir in dieser Form die FzbG nun schon im zwanzigsten Jahr produzieren, in dieser Zeit 6.400 Seiten mit 157 Artikeln, 77 Mitteilungen, zwei Debatten, zwei Quellenpublikationen und 344 Rezensionen vorbereitet und ein weit über die drei baltischen Staaten (und den Atlantik) hinaus reichendes wissenschaftliches Netzwerk aktiviert haben, ist im Rückblick immer noch erstaunlich. Es gibt Grund genug, uns gegenseitig auf die Schultern zu klopfen und zu gratulieren, schon weil wir uns weiterhin kollegial und freundschaftlich verbunden sind.
Die Situation ist heute aber eine völlig andere als vor zwanzig Jahren, und das liegt nicht allein an dem russischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine, welcher den Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen dort verhindert. Auch die Wissenschaftslandschaft hat sich seither radikal verändert. Von den Zwängen der Bibliometrie, dem administrativ erzeugten Druck immer mehr zu publizieren, wurde in den Vorworten der vergangenen Nummern immer wieder geschrieben. Die zuweilen absurden Vorgaben der Konzerne, um in ihre Datenbanken aufgenommen zu werden, sind auf diesen Seiten geschildert worden. Die Herausforderungen durch die rasante Entwicklung der KI sind demgegenüber noch nicht abzusehen, greifen aber bereits auf das wissenschaftliche Zeitschriftenwesen über, wie Matthew Kott, langjähriger Schriftleiter des Journal of Baltic Studies, kürzlich beschrieb:
the unrelenting, bibliometrics-driven economy of ‘publish or perish’ retains its iron grip on career trajectories within academia. The pressure on researchers to turn out constant streams of publications, preferably in ‘high impact’ journals, in order to retain their current positions, let alone advance, increases the tendency for individuals to choose actions that, while personally beneficial in the short term, can help serve to eventually undermine the quality and legitimacy of science and scholarship in the eyes of the very publics on whom the funding for research relies.1
Zwar haben wir noch keinen Text erhalten, der aufgrund seiner generischen Sprache und fehlerhaften Bibliografie auf die intensive Nutzung von KI verwiesen hätte. Zugleich wird es aber immer schwieriger, qualitativ ansprechende Artikel zu akquirieren. Das liegt vielleicht an unserem geringeren Status im finsteren Reich der Bibliometrie, es liegt sicher nicht an der Sprache. Waren wir zu Beginn eher auf deutsche Texte fixiert, sind wir mittlerweile für englische Beiträge offen.
Dieses Vorwort ist auch ein Aufruf, uns frische Forschungsarbeiten, gerne auch aus der Feder von Doktorandinnen und Doktoranden, zu schicken. Das weitere Erscheinen unserer Zeitschrift hängt davon ab. Wer dieses Vorwort liest und Interesse daran hat, uns bei der Redaktion der Texte zu helfen, ist zudem herzlich eingeladen sich zu melden. Nach zwanzig Jahren machen sich auch bei uns Zeichen der Erschöpfung breit; die Redaktion kann nicht mehr von sich behaupten, hoffnungsvoller „Nachwuchs“ zu sein; biologisch vorhersehbar gehören wir 20 Jahre später zur älteren Generation. Soll die Zeitschrift auch in absehbarer Zukunft noch erscheinen, brauchen wir neue Kräfte, wir leben nicht ewig. Zugleich ist und war es uns ein Vergnügen, gerade jüngeren Kolleginnen und Kollegen bei ihrer ersten wissenschaftlichen Publikation beizustehen, ihnen ein internationales Publikum zu bieten. Diese Forumsfunktion, für die ja auch die Baltische Historische Kommission (BHK) steht, die uns alljährlich die Produktionskosten zu tragen hilft, ist für die internationale Baltikumforschung essentiell.
Aber neben der formalen Frage der Bibliometrie und der Überwindung weiterer bürokratischer Hemmschuhe ist es doch vordringliches Interesse der Redaktion, erkenntnisreiche und warum nicht auch spannende Lektüre zu bieten. Spannend ist in dieser Nummer z.B. die minutiöse Schilderung des Scheiterns des kommunistischen Putschversuchs in Estland am 1. Dezember 1924, höchst erkenntnisreich die Quellenpublikation einiger Texte von Reinhard Wittram aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Wir entführen Sie in die nur von wenigen Quellen erhellte Frühgeschichte Tartus und schildern die frühneuzeitlichen Eheprobleme livländischer Paare. Darüber hinaus können Sie lernen, wieviel an Informationen über mittelalterliche Netzwerke im Ostseeraum anhand von einigen wenigen kleinen Pilgerabzeichen erschlossen werden kann.
Auch dieses Jahr haben uns viele Partner unterstützt. In finanzieller Hinsicht waren das wie gewohnt die verschiedenen Instanzen der Universitäten Tallinn, Tartu sowie der Lettischen Universität in Riga wie auch die BHK. Anu Aibel-Jürgenson fertigte die Übersetzungen ins Deutsche an, James Montgomery Baxenfield prüfte die englischen Texte. Im Verlagskonsortium De Gruyter Brill, zu dem ja auch das Haus Schöningh gehört, werden wir nun von Kirsti Doepner betreut, auch ihr gilt ein herzlicher Dank.
Wie immer bleibt uns nur zu wünschen, dass Sie auch mit diesen verspäteten Forschungen zur baltischen Geschichte einige entspannte Lesestunden verbringen werden. Der Redaktion indes bleibt zum Ausruhen keine Zeit, denn wir hoffen sehr, die nächste Nummer pünktlich fertigstellen zu können.
1. Dezember 2025
Karsten Brüggemann
Mati Laur
Matthew Kott: From the Editor, in: Journal of Baltic Studies 55 (2024), H. 3, S. 477–478.