Die hier zusammengestellten Quellen behandeln exakt die vierzehn Jahre der Weimarer Republik von 1918/19 bis 1933. In dieser Zeit gab es an der Spitze des deutschen Heeres – des Hundertausend-Mann-Heeres – vier Chefs: Walther Reinhardt, Hans von Seeckt, Wilhelm Heye und Kurt von Hammerstein-Equord. Der erste – Reinhardt – hatte die Aufgabe, das Millionenheer des geschlagenen Deutschland zu demobilisieren und es durch die Fährnisse der Novemberrevolution hindurchzusteuern. Der zweite, v. Seeckt, mußte das dezimierte neue Heer in unruhiger Zeit, von 1920 bis 1926, zusammenschweißen; der dritte, Heye, konnte das neugeformte Heer in relativer innen- und außenpolitischer Ruhe konsolidieren; der vierte. v. Hammerstein-Equord, mußte das Heer durch die schweren Gefahren der innenpolitischen Gärung und Radikalisierung von 1930 bis 1934 führen und es durch den Ansturm der Wehrverbände der Parteien – von der SA bis zum Rotfrontkämpferbund – hindurchlotsen.
Quellen zur Aufbauarbeit Seeckts sind durch eine Paralleledition bereits vom selben Herausgeber zusammengestellt worden1, bleiben hier also unberücksichtigt.
Die vorliegende Edition schöpft aus den Nachlässen der drei übrigen Chefs der Heeresleitung, soweit sie im Bundesarchiv/Militärarchiv Freiburg überliefert sind. Die Nachlässe sind von unterschiedlichem Umfang und enthalten recht unterschiedliche Quellengenres. Am schmalsten ist der Nachlaß Hammerstein. Aus ihm wurden hier nur zwei recht kurze Stücke aufgenommen und wegen ihrer Kürze im Anhang untergebracht. Auch der Nachlaß Reinhardt ist sehr übersichtlich; aus ihm wurden hier (im ersten Teil) drei Aufzeichnungen von einigem Umfang entnommen und an den Anfang der Edition gestellt. Das Hauptstück sind die Lebenserinnerungen Heyes, die dieser nach seiner Entlassung geschrieben hat und die neben den vierzehn Weimarer Jahren auch die Jahre des Weltkriegs 1914–18 abdecken. Der Gehalt dieser drei Nachlaßquellen soll im folgenden in der gebotenen Kürze beleuchtet werden.
1. Walter Reinhardt 1918/19
Oberst Reinhardt war 1917/18 als Chef des Stabes der 7. Armee in Frankreich eingesetzt. Am 4. November 1918 wurde er in das Preußische Kriegsministerium abkommandiert; er übernahm dort den Posten eines Departementdirektors (etwa eines Staatssekretärs). In Berlin angekommen, erlebte er in zwei dramatischen Tagen, daß der Kaiser am 9. November abgedankt hatte, Friedrich Ebert zum provisorischen Reichskanzler berufen, ihm zur Seite ein „Rat der Volksbeauftragten“ gestellt wurde und Hindenburg sich bereit erklärte, das Feldheer friedlich in die Heimat zurückzuführen. Am Sonntag, 10. November, wurde Reinhardt vom Kriegsminister Heinrich Scheüch in eine Sitzung des Kriegskabinetts mitgenommen; er erlebte dort die dramatischen Augenblicke, in denen mit Rückdeckung der Obersten Heeresleitung (Hindenburg) die Waffenstillstandsbedingungen der Ententemächte angenommen wurden. Auf den Straßen herrschte Unruhe. Reinhardt gelang es mit Hilfe des Kommandeurs der Volksmarinedivision in Johannistal am Rande von Berlin, eine Wachmannschaft für die Reichskanzlei in der Wilhelmstraße zusammenzusuchen. Mit ihrer Hilfe konnte dort Ruhe in dem allgemeinen Chaos hergestellt werden, so daß sich unter den sechs Volksbeauftragten „ein Gefühl der Sicherheit“ einstellte2. Reinhardt hat damit, wie er in einer später angefertigten Aufzeichnung vermerken konnte, „das Vertrauen der Volksbeauftragten erworben, die hier zum ersten Mal die Bedeutung der militärischen Hilfe erkannten“.
In einer wohl zur selben Zeit – 1928 – in der Rückschau angefertigten Aufzeichnung läßt Reinhardt die Anfänge der Reichswehr vom Dezember 1918 bis zum Kapp-Putsch im März 1920 Revue passieren. Ende Dezember 1918 erfuhr er von Kriegsminister Scheüch, daß dieser sein Amt aufgeben wolle und ihn zum Nachfolger vorgeschlagen habe. Die Übernahme der neuen Verantwortung machte Reinhardt von der Zustimmung Hindenburgs, des Chef der Obersten Heeresleitung, abhängig, die auch sogleich erteilt wurde. Die zweite weitaus größere Schwierigkeit für die Annahme war die Stellung zu den sogenannten Hamburger Beschlüssen, die der Erste Rätekongreß am 18. Dezember 1918 in Hamburg verabschiedet hatte. Diese enthielten seitens der Revolution Forderungen, die aus der Sicht eines Offiziers aus der alten Armee höchstens teilweise zu akzeptieren waren, nämlich Abschaffung der Gradabzeichen, Auflösung der Kommandogewalt der Offiziere zugunsten der Soldatenräte, Wahl der Vorgesetzten durch die Truppe, Ablegen der Waffe außer Dienst, Ablegen der Orden, Abschaffung des Adels und des Grußzwangs. Reinhardt tat bei der Abwägung der Antwort einen klugen Schachzug, indem er einen Teil der Forderungen als Kriegsminister ablehnte und einen Teil annahm. Nicht verhandelbar war für ihn das Beibehalten der Gradabzeichen und der Kommandogewalt der Offiziere. Die Volksbeauftragten erklärten sich bereit, für Reinhardts Grundsätze einzutreten, und daraufhin übernahm dieser am 2. Januar 1919 das Amt des Kriegsministers. Trotz eines Aufschreis sowohl in linken (revolutionären) als auch in rechten Kreisen (alten Offizieren, von denen Reinhardt Morddrohungen erhielt) kam es zu einer Einigung zwischen den Volksbeauftragten und dem Zentralrat. Reinhardt konnte damit rechnen, daß nach Abflauen der Revolution die Hamburger Beschlüsse insgesamt unwirksam werden würden. Und damit hatte er Recht. Mitte des Jahres waren die Beschlüsse Vergangenheit.
Reinhardt machte sich nun daran, den Neuaufbau des Heeres „im Rahmen der neuen Lage“ zu organisieren3. Von den späteren 100.000 Mann war jetzt noch nicht die Rede. Das deutsche Heer zählte Mitte 1919 noch rund 400.000 Mann. In seiner ersten Aufzeichnung (von 1928) geht Reinhardt auf die (militärischen) Bestimmungen des Versailler Vertrages überhaupt nicht ein. Vielmehr kümmerte er sich um den inneren Aufbau des neuen Heeres. Er rief einen Organisationsausschuß ins Leben, der den Namen „Reichswehrausschuß“ bekam. Reinhardt behauptet, daß damit auch der Titel für den Volksbeauftragten Gustav Noske als „Reichswehrminister“ geschaffen wurde. Das ist aus anderen Quellen sonst nicht verbürgt. Auf jeden Fall taucht der Begriff im Reichsgesetz vom 6. März 1919 über die Bildung einer vorläufigen Reichswehr auf. Die Verkündung dieses Gesetzes kann als die eigentliche Geburtsstunde der Reichswehr angesehen werden. Es folgten weitere Erlasse über die militärische Befehlsgewalt, das Unterstellungsverhältnis der höheren Heeresformationen (Generalkommandos usw.) und die Auflösung der Freiwilligenverbände, die nach dem Abflauen der inneren Unruhen die Neuformierung des Heeres stören mußten. Mit dieser Organisationsarbeit machte Reinhardt sein eigenes Ministerium, das Preußische Kriegsministerium, je länger je mehr überflüssig. Im Oktober 1919 war es so weit, daß an dessen Stelle das Reichswehrministerium treten konnte. Damit war eine zentrale Reorganisationsaufgabe gelöst. Drängend wurde nun ein anderes Problem, das vom Versailler Friedensvertrag und Nachverhandlungen herrührte.
Der Heeresaufbau mußte der Zwangsjacke von Versailles und Spa angepaßt werden. In den Nachverhandlungen ging es zunächst um eine Höhe von 200.000 Mann. Die Marke von 100.000 Mann wurde erst für 1921 festgesetzt. Das bedeutete für die deutsche Innenpolitik die Auflösung zahlreicher Formationen. Die Riesenschwierigkeit wird allein daran deutlich, daß es um 40.000 Offiziere ging, von denen die meisten entlassen und in ein ungesichertes Zivilleben geschickt werden mußten. Hier entwickelten sich die Konflikte, welche die militärische Seite des Kapp-Putsches vom 13. März 1920 ausmachen.
Reinhardt hatte das Preußische Kriegsministerium, das ebenso wie die anderen Länderministerien für Krieg (in Bayern etc.) nach der Reichsverfassung vom 11. August 1919 ihre Berechtigung verloren hatten, am 19. September 1919 für aufgelöst erklärt und war nun – immer noch mit dem Grad Oberst – der erste Chef der Heeresleitung der neuen Reichswehr geworden. Knapp zwei Monate später wurde er vom Reichswehrminister Gustav Noske zum Generalmajor befördert. Der Aufgabenbereich blieb umfangreich: Das alte Heer mußte weiter aufgelöst und das neue formiert werden; die Freiwilligenverbände mußten kontrolliert werden; im Innern war Putschversuchen vorzubeugen; an der Ostgrenze mußte den Übergriffen der Polen Paroli geboten werden; das Baltikumunternehmen war abzuwickeln; im Westen trieben Separatisten ihre Minierarbeit.
In der zweiten Märzwoche 1920 machte sich die allgemeine Unzufriedenheit im Heer in einem Putsch unter General Walther von Lüttwitz und dem ostpreußischen Politiker Wolfgang Kapp Luft. Unter Vorsitz von Minister Noske fand am 12. März im Reichswehrministerium eine Sitzung statt. Reinhardt und mehrere seiner Amtschefs nahmen daran teil. Der Ablauf ist seit langem bekannt. Gegen den Widerstand Reinhardts und zur Enttäuschung Noskes rieten die meisten Offiziere davon ab, dem Marsch der Ehrhardt-Brigade auf das Zentrum Berlins mit Truppengewalt zu begegnen. Die letzte Entscheidung wurde im Reichskabinett gefällt. Dort trat Reinhardt erneut dafür ein, Waffengewalt gegen Waffengewalt zu gebrauchen. Die Regierung entschied anders, beschloß, nach Dresden auszuweichen und die regierungstreuen Truppen in Berlin vom Kampf zu entbinden. Reinhardt konnte diese Entscheidung nicht mittragen und bat den Reichspräsidenten Ebert umgehend, ihn von den Pflichten als Chef der Heeresleitung zu entbinden.
Aus Reinhardts Aufzeichnung und derjenigen seines Adjutanten Wolfgang Fleck geht hervor, daß General v. Seeckt, Chef des Truppenamtes, bei diesen Vorkommnissen überhaupt nicht die prominente Rolle gespielt hat, die ihm die historische Forschung bisher zugesprochen hat. Seeckt war bei der entscheidenden Kabinettssitzung gar nicht dabei, sondern mußte in einem Vorraum der Reichskanzlei einfach warten. Es war das Kabinett, das der Reichswehr anheimstellte, über ihr Verhalten selbst zu entscheiden. Die meisten Offiziere waren im vorhinein der Meinung, die Putschisten würden sich einfach totlaufen, wenn sie erst einmal in Berlin angekommen seien. Die Unfähigkeit des Generals Lüttwitz, sowohl vom politischen als vom militärischen Gesichtspunkt aus, was das Entscheidende, daß der Putsch im Sande verlief. Die Ausrufung des Generalstreiks durch die SPD tat ein übriges, daß der Kapp-Lüttwitz-Putsch schnell und gründlich versagte.
Nun erst kam Seeckts Stunde. Reinhardt schreibt, man suchte auf beiden Seiten einen militärischen Führer, der als „Soldat-Diplomat“4 die Ehrhardt-Brigade neutralisieren und die ordnungsliebenden Reichswehrtruppen wieder zur Macht bringen sollte, ohne es zwischen beiden zum Kampf kommen zu lassen. Es war General Seeckt, „der bisher keine verantwortliche Führerstellung eigenommen hatte und dessen militärisches Ansehen daher noch nie in Anspruch genommen worden war“, der diese schwierige Aufgabe übernahm. Und er war dazu bestens geeignet, wußte man doch, daß er schon in der Türkei 1917/18 eine eminent politische Rolle als Generalstabschef erfolgreich gespielt hatte. Es gelang ihm, so Reinhardt, „Ehrhardt gewissermaßen aus Berlin hinauszukomplimentieren und die Reichswehr wieder an ihren Platz zu stellen“5. Von dem vielzitierten Spruch Seeckts, „Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr“, ist keine Rede. Davon ist auch in den neustens herausgegebenen Papieren Seeckts keine direkte oder indirekte Spur zu finden. Dieser Spruch, an den viele (oft akkusatorische) Konnotationen gebunden sind, sollte in der Wissenschaft nicht mehr ernsthaft verwendet werden.
Reinhardt empfahl Reichspräsident Ebert dringend, Seeckt zum Chef der Heeresleitung zu machen. Reichswehrminister Noske wollte aufgrund der unguten Erfahrung mit dem Kapp-Lüttwitz-Putsch sein Amt zur Verfügung stellen. Nachfolger sollte auf Drängen Eberts Reinhardt werden, der aber ablehnte, da er die Organisationsarbeit für die neue Reichwehr nur mit der politischen Unterstützung Noskes hatte leisten können. So trat das Gespann Reinhardt – Noske zurück. Reinhardt ging in die Provinz und übernahm die Führung der 5. Division in Stuttgart. Nachfolger in Berlin wurde Hans von Seeckt.
2. Wilhelm Heye
Über Seeckt ist soeben eine umfangreiche Edition erschienen, welche die Jahre 1917 bis 1935 abdeckt. Die Jahre Seeckts als Chef der Heeresleitung (1920–1926) bilden deren Herzstück. Da also die Seeckt-Edition nun vorliegt, kann die Linie der Weimarer Chefs der Heeresleitung sogleich zu Seeckts Nachfolger, Wilhelm Heye, übergeleitet werden.
Wilhelm Heye hat nach seiner Verabschiedung 1930 die folgenden Jahre damit verbracht, zunächst die Geschichte des Landwehrkorps Woyrsch, bei dem er bis 1917 Generalstabschef war, zu schreiben. Sie erschien 1935/37 in zwei Bänden und umfaßt 950 Seiten. Danach setzte sich Heye daran, seine Lebenserinnerungen zu Papier zu bringen. Sie waren etwa 1939/40 abgeschlossen und nehmen im Schreibmaschinenmanuskript etwa 1.300 Seiten ein. Das ist allein vom Umfang her eine respektable Leistung.
Band 1 endet mit Kriegsausbruch 1914, Band 2 mit Heyes Ausscheiden aus dem Dienst 1930. Band 2 ist für die allgemeine Geschichte der weitaus wichtigere, da er dessen Dienstzeit in hohen Stellungen im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik umfaßt. Es gibt Anhaltspunkte, daß er auch die Jahre ab 1931 bis ins eigene hohe Alter schreiben wollte oder geschrieben hat. Es ist aber nichts überliefert. Da Heye seine „Erinnerungen“ dem renommierten Leipziger Verlag v. Hase & Köhler angeboten hat und eine Fassung von Band 2 vorliegt, in dem der Name Adolf Hitler Dutzende Male vorkommt, mußte er expurgiert werden, damit nach 1945 überhaupt Chancen für eine Veröffentlichung gegeben waren. Vermutlich ist dann auch das Kapitel XIV, von dessen Existenz einmal die Rede ist6 und das offensichtlich die Jahre 1931 bis 1939/45 behandelt hat, vernichtet worden, da es für eine Veröffentlichung nach 1945, die Heye immer noch anstrebte, schlechterdings nicht in Frage gekommen wäre.
Band 2 ist in einem entschieden deutschnationalen Duktus geschrieben. Das tritt für die Jahre 1914–1930 immer wieder hervor. Ende der 1920er Jahre hat Heye sogar deutliche Sympathie für den Nationalsozialismus geäußert. Das ergibt sich nicht so sehr aus den „Erinnerungen“, sondern vielmehr aus dem Schriftverkehr zwischen Heye und Reichswehrminister Wilhelm Groener über den Ulmer Reichswehrprozeß, der im Anhang abgedruckt ist. Groener hat nicht lange gezögert, die drei Ulmer Offiziere wegen verbotener Werbung für die NSDAP vor das Reichsgericht zu bringen, während Heye diesen Schritt zutiefst bedauerte, weil damit die Sympathien so mancher Offiziere für die neuen nationalen Ziele der Hitler-Bewegung nicht aus der Welt geschafft werden könnten. Heye fand sich zutiefst verletzt, daß er von Groeners Schritt vor dem Reichsgericht als Chef der Heeresleitung nicht im vorhinein ins Bild gesetzt worden ist. Groener wird aber gewußt haben, daß er dann mit höchst unliebsamen Querschüssen seitens des obersten Offiziers zu rechnen gehabt haben würde.
In den folgenden Ausführungen sollen Heyes Dienstjahre als Offizier von 1914 an in der gebotenen Kürze zusammengefaßt werden. Sie sollen klären, wie Heye als Generalstabsoffizier die Jahre des Krieges, dann die verworrenen ersten Nachkriegsjahre und schließlich die Zeit als Chef des deutschen Hunderttausend-Mann-Heeres erlebt und sie aus seinem persönlichen Blickwinkel beschrieben hat.
Bei Kriegsausbruch Anfang August 1914 war Heye als Oberstleutnant im Bataillon „Haudruff“ in Hannover stationiert. Bei der Mobilmachung bekam er den Auftrag, sich als Generalstabschef des Landwehrkorps in Breslau zu melden. Dem Ruf dorthin folgte er nur sehr ungern, weil er nach seiner Meinung dann in den Etappendienst verbannt worden wäre. Als Kriegsbegeisterter wollte er lieber an vorderster Kampfesfront stehen. Das Landwehrkorps war das einzige Korps innerhalb des deutschen Heeres, das nur aus Landwehrverbänden bestand. Es war, wie Heye erfahren mußte, „ein in jeder Beziehung etappenmäßig immobil ausgerüstetes Landwehrkorps“7. Das änderte sich bald, da es zu mobiler Kampfführung gegen die russischen Truppen gezwungen war. An der Spitze des Korps stand General Remus von Woyrsch, der zu Kriegsbeginn reaktiviert werden mußte. Dessen Chef wurde Heye. Das Korps, das aus rund 36.000 Landwehrsoldaten bestand, bekam den neuen Auftrag, den linken Flügel des österreichisch-ungarischen Heeres zu decken. Da die Russen vor dem Korps Polen räumten, kam es nicht sogleich zur Gefechtsberührung. Dann entwickelte sich aber ein Bewegungskrieg, der bis ins Jahr 1917 an der Ostfront andauerte. Am 21. August 1914 erhielt das Landwehrkorps Nachricht, daß der linke österreichisch-ungarische Flügel in schwerem Kampfe stände; das Landwehrkorps solle rechts abdrehen und helfen. Bei Tarnawka (südlich Lublin) stand es in schweren Kämpfen (7.–9. September) und deckte so den Rückzug der Österreicher nach Süden: Obwohl das Korps mit den zurückflutenden österreichisch-ungarischen Truppen mitgehen mußte, nennt Heye den Kampf um Tarnawka „das größte Ruhmesblatt für das schlesische Landwehrkorps“8. Nur Seiten später heißt es dann: „Die Grenzen Schlesiens lagen nun aber dem Feinde offen.“ In den folgenden Wochen konnte das Korps Woyrsch die Linie (südlich) Thorn – Kalisch – (nördlich) Oppeln halten. Die russische Dampfwalze konnte nicht weiter vorrücken, da ihr Nachschub versagte. Heye bezeichnet das als „großen deutschen Erfolg“9.
Bewegung in die deutsch-russische Front kam erst wieder, als im Mai 1915 Generaloberst August von Mackensen mit seinem Stabschef Hans von Seeckt einen tiefen Einbruch bei Gorlice-Tarnów errang, von dem sich das russische Heer nicht mehr erholte. Am Nachstoßen war das Korps Woyrsch, nunmehr durch Verstärkung zur „Armeeabteilung Woyrsch“ erweitert, beteiligt. Wichtiger als die Beschreibung der Kämpfe ist das für Heye aufwühlende Erlebnis, wie der Russe seinen Rückzug vornahm. Als normal ist es im Kriegsgeschehen, daß beim Zurückweichen das Gelände, also auch Ortschaften, zerstört werden, um dadurch den Verfolger aufzuhalten. Aber besonders grausam war es, wie die Russen mit den eigenen Bewohnern verfuhren10 : „Die unglücklichen Bewohner aus diesen zerstörten Orten schleppten die Russen mit sich oder trieben sie vor sich her. [ … ] Der Krieg zeigte sich uns in seiner scheußlichsten Gestalt. Viele, viele der armen Heimatlosen sind am Wege liegengeblieben.“
Im September 1915 erhielten Woyrschs Truppen Befehl, die Verfolgung einzustellen und sich einzugraben. Über die folgenden zwei Jahre Generalstabsdienst läßt Heye sich bemerkenswert kurz aus. Für 1916 wagt er sich einmal vorübergehend aufs politische Parkett. Über die Ausrufung des Königreichs Polen am 5. November 1916 übt er sehr verhaltene Kritik. Ludendorff habe in diesem Schritt „nur das Soldatische gesehen“, gesehen11, „von dem er einen Zuwachs von 600.000 polnischen Streitern erhoffte. […] Aber Ludendorff schaute sich vergeblich nach der polnischen Verstärkung um.“ Richtig ist, daß er indirekt Ludendorff zwar als Autor dieses gänzlich falschen Schrittes benennt, dann sich aber nur zu einem wachsweichen kritischen Wort herbeiläßt. Zurückhaltung in der Kritik findet sich auch sonst immer wieder. Als Heye im Frühjahr 1917 für kurze Zeit an die österreichische Südfront abkommandiert wurde und dort die Schrecknisse der dortigen Kriegführung erlebte, beschreibt er sie abschließend so12 : „Ich habe solchen fürchterlichen Kriegsschauplatz selbst nicht im wildesten Afrika kennen gelernt.“ Er kam dabei auch mit dem neuen österreichisch-ungarischen Kaiser Karl I. in Kontakt und schreibt verbrämend über ihn13 : „Als Kaiser hat dieser Fürst aber Deutschland nicht die Treue gehalten, die wir […] von ihm erwarteten.“ Das spielt auf die „Sixtus-Affäre“ von 1917/18 an, als bekannt wurde, daß der Kaiser im Frühjahr 1917 ohne Wissen der deutschen Reichsleitung Kontakt mit Frankreich aufnahm und dabei seine Unterstützung der französischen Ansprüche auf Elsaß-Lothringen anbot.
Am 11. September 1917 wurde Heye als Chef des Generalstabes zur Heeresgruppe „Herzog Albrecht von Württemberg“ an die Westfront versetzt. Der kurze Bericht über die ereignisarmen folgenden zwölf Monate und dann der sehr ausführliche Bericht über die dramatischen Wochen, die Heye im Großen Hauptquartier im belgischen Spa zubrachte, wohin er am 21. September 1918 von Ludendorff beordert worden war, sind bereits in einer Paralleledition veröffentlicht14 und brauchen hier nur sehr kurz charakterisiert zu werden.
Während Heye in Straßburg beschauliche Monate verbrachte, in denen er sogar Vorlesungen an der dortigen Universität besuchen konnte, wurde er in Spa auf einmal mit der großen Politik konfrontiert. Als er dort ankam, war die große Märzoffensive – Ludendorffs letzter verzweifelter Versuch, das Blatt im militärischen Ringen mit der Entente zu wenden – schon völlig fehlgeschlagen. Es ist wieder typisch für Heye, wie äußerst verhalten er (auch in der Rückschau) die fundamentalen Fehler der Kriegführung Ludendorffs charakterisiert. Zwei Beispiele seien hier nur vermerkt. So sagt Heye einmal zu Recht, daß während der Märzoffensive zahlreiche Divisionen im Osten (im Baltikum, Weißrußland, Südrußland, der Krim, im Kaukasus) verblieben seien, die man besser im Westen hätte gebrauchen können. Er nennt die Zahl von 30 Divisionen. Aber nach neuesten Quellenhinweisen waren es im Sommer 1918 noch eine Million deutsche Soldaten, die den riesigen Raum im Osten besetzt hielten und sich sogar auf neue Abenteuer vorbereiten sollten (Persien, Indien). Daß im Osten, wie Ludendorff sogleich nach Kriegsende verbreiten ließ (so in seinen rasch erschienenen „Kriegserinnerungen“15 ) nur abgekämpfte Truppen verblieben seien, aus denen alles Brauchbare für den Westen ausgekämmt sei, ist eine Legende, die immer wieder nachgebetet wird. Im Kaukasus, um nur ein Beispiel zu nennen, waren im September 1918 noch preußische Sturmtruppen und bayerische Gebirgsjäger im Einsatz.
Ein weiteres Beispiel für Heyes zahnlose Kritik an Ludendorffs Kriegführung ist der Eintritt der Vereinigten Staaten in den Weltkrieg. Heye sagt dazu, die Amerikaner hätten Deutschland gehindert, den Weltkrieg zu gewinnen16. „Im ganzen sind 2 Millionen an Streitern übers große Wasser der Entente zu Hilfe geeilt, ohne daß unsere U-Boote es haben hindern können, so daß wir erliegen mußten.“ Kein Wort verliert Heye darüber, warum denn die Amerikaner in den Krieg eingetreten seien und warum denn die Uboote nichts hätten ausrichten können. Den unbeschränkten Ubootkrieg hat nun einmal Ludendorff gebieterisch gefordert (im Jahr 1917); er hat die Fähigkeiten der Amerikaner, Truppen über den Atlantik befördern zu können, ins Lächerliche gezogen. Intern hat er jeden, der den amerikanischen Kriegseintritt als großen Fehler bezeichnete, einen „Verbrecher“ genannt17.
Man muß natürlich berücksichtigen, daß Heye seine „Erinnerungen“ Ende der 1930er Jahre und sogar noch im Zweiten Weltkrieg veröffentlichen wollte. Da war massive Kritik an der deutschen Kriegführung im Ersten Weltkrieg unklug, ja hätte die „Reichsschrifttumskammer“ verprellt, davon abgesehen, daß Ludendorff bei Kritik an seinem Verhalten im Krieg umgehend mit einer Beleidigungsklage reagiert hätte.
Heye wurde von Ludendorff Anfang September 1918 ins Große Hauptquartier berufen. Er trat dort seinen Dienst am 12. September in Spa (Belgien) an. Sein Bericht über die Monate seiner Zugehörigkeit zur Obersten Heeresleitung ist für die Forschung ungemein wichtig, da er zahlreiche Einzelheiten über das Geschehen im Hauptquartier bietet. Nur wenige seien hier herangezogen. An erster Stelle steht Heyes Bericht über die Vorkommnisse am 9. November in Spa. Hier wurde Heye beauftragt, den eilig herbeigerufenen obersten Frontoffizieren – 39 waren erschienen – zwei Fragen zu stellen und darüber ein Protokoll anzufertigen. Hindenburg selbst wollte die Sitzung leiten, wurde aber zum Kaiser in eine andere Villa des Hauptquartiers gerufen. Die erste Frage lautete: Wie steht die Truppe zur Kaiserfrage? Kann der Kaiser an der Spitze der Truppen die Heimat wieder im Kampf erobern? Die zweite Frage war: Wie steht die Truppe zum Bolschewismus? Wird sie den Kampf gegen den Bolschewismus in der Heimat aufnehmen? Die Antworten auf beide Fragen waren für Heye unerwartet. Der allgemeine Tenor war Gleichgültigkeit. Als Heye mit dem Protokoll in die Kaiservilla fuhr, mußt er dem Kaiser wahrheitsgemäß eröffnen, daß die Truppe seiner Person gegenüber gleichgültig sei, daß sie auch nicht gegen den Bolschewismus kämpfen wolle, sondern einfach müde sei und nach Hause strebe. Die Reaktion des Kaisers war, er wolle zwar als Kaiser abdanken, aber nicht als König von Preußen.
In diese Beratung platzte die Nachricht aus Berlin, daß Reichskanzler Max von Baden die Abdankung des Kaisers (auch als König von Preußen) von sich aus bekanntgegeben und Scheidemann vom Balkon des Berliner Schlosses die Republik ausgerufen habe. Im Großen Hauptquartier war es dann der Staatssekretär des Auswärtigen Hintze, der dem Kaiser den Rat zur Abreise („Flucht“) nach Holland gegeben habe. Und noch am Abend dieses Tages, so Heye, hatte der Kaiser selbst seinen Entschluß zur Fahrt nach Holland gefaßt.
In den folgenden Tagen ging Heye zusammen mit Hintze und den Herren der Obersten Heeresleitung nach Kassel-Wilhelmshöhe wo sie unter der Aufsicht von Abgesandten des „Rates der Volksbeauftragten“ (der neuen Regierung, die sich in der Revolution in Berlin am 9. November gebildet hatte) standen. Am Schluß dieses dramatischen Kapitels faßt Heye einige persönliche Gedanken über das Feldherrnduo Hindenburg – Ludendorff zusammen. Über Hindenburg ist er voll des Lobes; Hindenburg ist ihm sakrosankt. Über Ludendorff – den „Willenstitan“ – zieht er sich geschickt aus der Affäre, indem er ihn als verwegenen Feuerkopf bezeichnet. Über Hindenburg steht am Schluß zusammenfassend das – beinahe poetische – Diktum18 : „Als charakterlich menschliche Größe muß man jedenfalls dem weisen, frommen Feldmarschall die Palme erteilen.“
Mit dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 und der Rückführung des Millionenheeres aus dem Westen über den Rhein war der Krieg noch nicht zu Ende. Monatelang wurde im Osten an den Grenzen zum neuen Polen und zu den baltischen Ländern weiterhin Krieg geführt. Dort standen „Grenzschutztruppen“, die von der Obersten Heeresleitung in zwei „Armeeoberkommandos“ eingesetzt waren: „Süd“ und „Nord“.
Heye wurde Ende April 1919 von Hindenburg als Chef des AOK Nord nach Bartenstein in Ostpreußen abkommandiert. Er war hoch zufrieden, wieder im praktischen Truppengeneralstabsdienst an der Front verwendet zu werden. Hauptaufgabe war, mit den Freikorps im Baltikum unter der Hand zusammenzuarbeiten, ferner einen Plan zur Wiedereroberung des polnisch besetzten Teils der Provinz Posen auszuarbeiten. Doch der Plan wurde ausgehebelt, weil die zuständige Stelle in Weimar, das „Ostparlament“, ein Wiederaufflammen des offenen Krieges nicht wünschte (18./19. Juni 1919). Heyes Zeit in Bartenstein endete bereits im September 191919.
Heye wollte jetzt seinen Abschied nehmen. Als er das Schreiben fertiggestellt hatte, erhielt er ein Telegramm aus Berlin20 : „General v. Seeckt, Chef des Truppenamtes, bittet Sie, sein Chef im Truppenamt zu werden.“ Der Terminus Truppenamt war damals eine Tarnbezeichnung für den in Versailles verbotenen Generalstab. Seeckt hatte soeben seine Ernennung zu diesem Amt für den 1. Oktober 1919 erhalten. Heye sollte also gleichzeitig seine rechte Hand werden. Er fuhr nach Berlin, um die neuen Anforderungen mit Seeckt, „diesem klaren, zielstrebigen Manne“21, persönlich zu beraten. Das Ergebnis war, daß er sein Abschiedsgesuch zurückzog, um von nun an mit Seeckt zusammenzuarbeiten.
Heye äußert sich in seinen „Erinnerungen“ mehrmals über Seeckt in den höchsten Lobestönen. Das dürfte bei den Herren in der „Reichsschrifttumskammer“, die 1939 sein Manuskript zu begutachten hatten, keinesfalls auf Wohlwollen gestoßen sein. Heyes Äußerungen über Seeckt, z.T. verstreut über das Manuskript, sollen hier mit markanten Beispielen illustriert werden.
Seeckt beeindruckte durch sein „Schweigenkönnen“22. Sein linkes Auge war mit einem „Einglas“ bewaffnet, durch das er „scharf und durchdringend“ sein Gegenüber anschauen konnte. Mit stundenlangem Schweigen flößte er in Verhandlungen und Zusammenkünften Respekt ein. Immer wurde er als „Sphinx“ bezeichnet. Ein anderes Bild war „die einsame Pappel“23 nach einem Baum, der auf dem Truppenübungsplatz von Döberitz zu sehen war. Schwer nachzuvollziehen ist es angesichts dieser Eigenschaft, daß sich Seeckt zwei Jahre lang (1930–132) in den Reichstag wählen ließ, ohne dort auch nur ein einziges Wort zu sagen. Heye deutet das Schweigen wohl richtig als Maske, hinter der Seeckt weiche Regungen verbarg. Heye nennt dafür einige Vorkommnisse, bei denen sich Seeckt ungemein gelöst geben konnte. Heye lernte ihn bei privaten Einladungen als glänzenden Gesellschafter kennen. Allerdings wirkte er, so Heye24, unter den unteren Offiziersgraden „vielfach wieder drückend, während er unter seinen Altersgenossen ausgelassen heiter sein konnte im Anhören von Geschichten und Witzen“. „Niemals“, so lautet einmal Heyes Fazit, „hätten wir Offiziere in der ersten Nachkriegszeit einen besseren Oberbefehlshaber bei dem schwierigen Wiederaufbau der Wehrmacht finden können als v. Seeckt.“
In dem Zusammenhang muß man sich klar machen, daß die Reichswehr in den Anfangsjahren der Republik in der Gesellschaft ein Paria-Dasein führte. Das Ansehen der Reichswehrangehörigen war denkbar schlecht. Von diesem Gesichtspunkt aus gewinnt man auch ein wenig Verständnis für den nebulösen, eigentlich nichtssagenden Ausdruck, die Reichswehr sei in der Weimarer Republik ein „Staat im Staate“ gewesen, der immer wieder im akkusatorischen Sinne verwendet wird. Das geringe Ansehen der Reichswehr äußerte sich darin, daß manche Gesellschaftskreise, wie Heye es formulierte25, offen den Standpunkt vertraten, „daß ihre Söhne zu schade seien, um in der Reichswehr Dienst zu tun“. Heye gesteht selbst, daß die Diensterfüllung einem, wenigstens in Berlin, „zur Leidenszeit werden“ konnte. Gemeint sind besonders die Verhandlungen über militärische Fragen im Reichstag, bei denen die Reichswehr immer wieder beschimpft, beleidigt und niedergemacht wurde. Es wäre für die Forschung einmal wichtig, wie das Bild der Reichswehr in der Öffentlichkeit – in der Presse, im Reichstag usw. – eigentlich wahrgenommen wurde. Heye hat Recht, daß angesichts des miserablen Ansehens der Reichswehr der Hoffnungsanker in Hindenburg, zunächst als dem Held des Weltkriegs und seit 1925 als Reichspräsident, gesehen wurde. In der Aura dieses durch und durch monarchischen höchsten Offiziers konnte sich der gemeine Offizier und Soldat aufrichten. Einer der Reichswehroffiziere hat einmal bei entsprechender Diskussion über das schlechte Bild der Reichswehr unter seinesgleichen gesagt, es gehe eben um das Vaterland, dem er diene, „und wenn ich Dreck fressen muß“26.
Ein weiterer innerer Halt für die Reichswehr, zumal in den Anfangsjahren der Republik, war, daß die Sozialdemokratie, besonders einige ihrer Führer, der Institution Reichswehr zur Seite standen. Heye bescheinigt ihr27, die „seit dem Handstreich des 9. November 1918 äußerlich die Regierung in Händen“ gehabt habe, daß sie von allen Parteien noch die beste gewesen sei. Vor allem zwei führenden Männer der SPD spendet er uneingeschränktes Lob: Reichswehrminister Noske und Reichspräsident Ebert. Noske habe sich, „obgleich Sozialdemokrat“, für eine wirklich tüchtige Reichswehr eingesetzt. Er lobt Noske, in den Novembertagen 1918 gegenüber den meuternden Matrosen in Kiel persönlichen Mut gezeigt zu haben. Und später habe dieser es nicht an der nötigen Zivilcourage fehlen lassen, wenn es darum gegangen sei, im Reichstag gegenüber den Linksradikalen, aber auch seinen eigenen Parteigenossen für die Reichswehr einzutreten und zu kämpfen. Denselben einsichtsvollen Standpunkt habe er als Chef des Personalamtes auch beim Reichspräsidenten Ebert, dem er jede Woche Vortrag zu halten hatte, festgestellt. Er sowohl wie Noske ließen Reinhardt und Seeckt schalten und walten. Ebert überantwortete Seeckt in der Stunde höchster Gefahr für die Republik, im Herbst 1923, die Reichsexekution, um die Umsturzversuche von rechts in München oder links in Sachsen und Thüringen zu parieren.
Einen schon früher erfolgten Putsch behandelt Heye, obwohl er in Berlin unmittelbar betroffen war, äußerst knapp. Aber die wenigen Worte, die er über ihn – den Kapp-Putsch – verliert, sind doch recht vielsagend. Am 12. März 1920 putschte eine rechtsgerichtete Bewegung; ihr Stoßtrupp war die Marinebrigade Ehrhardt, die schnell das Berliner Regierungsviertel besetzte. Für Heye war es „ein aus schwerster nationaler Bedrängnis erfolgender Versuch aufrechter deutscher Patrioten, die unerträglich gewordene Parteiwirtschaft auf gewaltsame Weise niederzuwerfen“28. Heye empfand seine Rolle am 13. März 1920, die er verkürzend beschreibt (Reinhardt und Seeckt hätten sich zurückgezogen) als „sehr unangenehm, denn was Lüttwitz als endgültiges Ziel erstrebte, war auch mein Herzenswunsch“ (gemeint ist: die Beseitigung der Parteienregierung und ihre Ersetzung durch eine rechtsgerichtete Regierung).
Im Herbst 1923 wurde Heye zum Kommandeur der 1. Division in Königsberg und damit zugleich zum Befehlshaber des Wehrkreises I ernannt. Die drei Jahre, die er hier verbrachte, bezeichnet er mehrfach als seine glücklichste Soldatenzeit im Frieden. Das Kapitel, in dem er die ostpreußischen Jahre beschreibt, ist ein Hohelied auf Menschen und Landschaft dieser schönen Provinz.
Die Isolierung Ostpreußens, das ja geographisch vom übrigen Deutschland abgeschnitten war und mit ihm nur durch den Polnischen Korridor verbunden war, hatte das Gute, so Heye, daß sich die Provinz in ihren nationalen Teilen (die auch Nichtdeutsche – Polen – umfaßten) fest zusammenschloß und daß der Soldat allgemein als der gegebene Mittelpunkt und der Halt der Bewohnerschaft angesehen wurde. Untergründig war die Furcht vorhanden, daß die Polen bei irgendeiner Gelegenheit das Land an sich reißen würden. Das war nicht unbegründet, da 1923 das Memelland – immerhin mit 140.000 Bewohnern – im Zuge der Ruhrbesetzung von litauischen Truppen annektiert wurde. Nirgendwo sonst im Reich war der Soldat so willkommen unter den Bewohnern wie in Ostpreußen. Hinzu kam die Erinnerung an die Besetzung Ostpreußens durch russische Truppen 1914, also kaum zehn Jahre zuvor, die wegen der russischen Zerstörungsmaschine in unliebsamer Erinnerung war.
Neben der besonderen Gastfreundschaft der Ostpreußen genoß Heye die unvergleichliche Landschaft, wie sie auch im Lied der Ostpreußen zum Ausdruck kommt: „Land der dunklen Wälder und der kristall’nen Seen“. Heye findet dafür folgende Worte29 : „Meine unvergeßliche schöne militärische Zeit in Ostpreußen ist mir noch besonders liebgeworden durch die herrliche Natur dieses Landes. Die vielen Wälder, die wie Dome auf unseren Wegen über uns ragten, und die unendlichen weiten Seen schufen im Sommer eine traumhafte Natur, in der Vögel und Wild aller Art sich in nie von mir vorher gesehener Eigenart tummelten.“ Mit einem Wort: In Ostpreußen erlebte Heye das „Paradies auf Erden“.
Aus dem ostpreußischen „Paradies“ wurde Heye jäh herausgerissen, als er Anfang November 1926 durch ein Telegramm des Reichspräsidenten Hindenburg ins „politisch verseuchte und zerrissene Berlin“30 zitiert wurde. Dort wurde ihm eröffnet, er solle Nachfolger des soeben verabschiedeten Generalobersten Seeckt werden. Dieser hatte den Hut nehmen müssen, weil er dem Sohn des preußischen Kronprinzen Wilhelm, Wilhelm, erlaubt hatte, an Übungen der Reichswehr (natürlich in Uniform) teilzunehmen. Seeckt sah seinen eklatanten Fehler nicht ein und mußte gehen. Heye nahm den freigewordenen Posten nolens volens an. Er wußte und fühlte, daß er die eminente moralische Stelle eines Seeckt nie werde ausfüllen können. Hindenburgs Wort stand fest, Heye mußte gehorchen.
Heyes recht langes Kapitel über seine Zeit als Chef der Heeresleitung von 1926 bis 1930 ist, was, die militärische Seite angeht, nicht besonders ergiebig. Viel Neues bietet es aber in den Einblicken in einige hochgestellte Personen, mit denen er in den vier Jahren seiner Amtszeit zu tun hatte.
Da ist zunächst der Reichswehrminister Otto Geßler. Er war nach dem Kapp-Putsch als Mitglied der „Deutschen Demokratischen Partei“ dem zurückgetretenen Gustav Noske gefolgt. Während des Kriegs war er Oberbürgermeister von Nürnberg; politisch stand er den Liberalen um Friedrich Naumann nahe und war 1918 Mitbegründer der „Deutschen Demokratischen Partei“. Als Reichswehrminister ließ er seine Chefs der Heeresleitung, so Heye, frei arbeiten. Er trennte scharf zwischen seinem politischen Dienst, zu dem er Heye gern heranzog, und Heyes militärischen Pflichten, denen er sich vollkommen unterordnete. Nach nahezu acht Jahren, 1928, mußte er im Zuge der Lohmann-Affäre (geheimer Rüstungsfinanzierung) zurücktreten.
An Geßlers Stelle trat Generalleutnant a.D. Wilhelm Groener, der parteilos war. Heye und Groener kannten sich schon, da sie von Ende Oktober 1918 bis April 1919, als Groener Generalquartiermeister als Nachfolger Ludendorffs war, zusammenarbeiteten. Heye schreibt dazu kryptisch31 : „Eine Wiederholung dieser Zusammenarbeit hatte keineswegs in meinen Wünschen gelegen.“ Hindenburg hatte Groener als Reichswehrminister zunächst rundweg abgelehnt, ebenso weitere Kandidaten wie Walther Reinhardt. Nachdem General Detlof von Winterfeldt, dem der Posten angeboten wurde, aus gesundheitlichen Gründen abgelehnt hatte, entschied sich Hindenburg doch für Groener. Heye machte Hindenburg darauf aufmerksam, daß ihm Groener schon deshalb nicht genehm sei, weil dann drei Generäle „mehr oder weniger nebeneinander das Schicksal der kleinen Reichswehr leiteten“32. Damit meinte er wohl außer sich selbst Groener und den Reichspräsidenten, der ja auch oft Uniform trug. Hierauf habe Hindenburg verfügt, „um mir meine Arbeit nicht zu erschweren“, daß Groener als Minister stets nur in Zivil zu erscheinen habe. Tatsächlich sieht man Groener auf allen aus dieser Zeit überlieferten Fotos in Zivil.
Tatsächlich geriet Heye mit dem neuen Reichswehrminister sofort in Auseinandersetzungen, und zwar über die Abgrenzung ihrer jeweiligen Arbeitsgebiete. Groener vertrat die Auffassung, daß der Chef der Heeresleitung nach den gesetzlichen Bestimmungen lediglich als der Berater des im allgemeinen ja zivilen, parlamentarischen Ministers gedacht sei. Das konnte Heye nicht akzeptieren, nachdem ihm von Geßler weite Arbeitsfreiheit gelassen worden war. Er versuchte daher, zwischen Groener und sich eine klare Abgrenzung der Arbeitsgebiete zu erreichen. Er schlug in langen gemeinsamen Beratungen die Umwandlung der Stelle des Chefs der Heeresleitung in diejenige eines Generalinspekteurs vor, der die Funktionen eines Oberbefehlshabers des Heeres und des Chefs des Generalstabes auszuüben habe. Groener lehnte ab, indem er auf seine gesetzlichen Befugnisse pochte. Heye war resigniert33 : „Ich solle also eigentlich nur spazieren reiten und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen!“
Und nun zieht Heye gegen eine Person vom Leder, wie er es sonst nie in seinen „Erinnerungen“ getan hat – nicht gegen Groener, sondern gegen dessen Untergebenen, Oberst Kurt von Schleicher. „Heute“, so schreibt er34, „habe ich die Erklärung für das seltsame Verhalten des Ministers, die ich damals nicht fand. Er hat nach strikter Anweisung des Obersten v. Schleicher, der ihn schon aus der Nachkriegszeit vollkommen beherrschte und der es auch war, der Hindenburg dazu gebracht hatte, schließlich Groener an Gesslers Stelle zum Reichswehrminister zu machen.“ Was heißt: „Heute habe ich die Erklärung“? Das muß vor oder um 1940 gewesen sein. Der Verdacht drängt sich auf, daß Heye für die Veröffentlichung seiner „Erinnerungen“ Pluspunkte gegenüber der „Reichsschrifttumskammer“ sammelte. Schleicher konnte ja selbst keine Erinnerungen schreiben, weil er im Zuge des Röhm-Putsches 1934 liquidiert worden war. Denn es geht mit Heyes Invektive noch weiter: Schleicher war von grenzenlosem Ehrgeiz besessen; er wollte Minister werden und mußte dafür die Stellung des Chefs der Heeresleitung möglichst niederdrücken. „Sowohl Groener als ich haben es erst sehr viel später erkannt, daß Schleicher solches Streben hatte nicht etwa um Groeners Stellung zu heben, sondern lediglich um den Posten des Reichswehrministers, den er selbst anstrebte, für seine Person besonders einflußreich auszubauen. Deshalb hätten schließlich fast alle ‚militärischen Angelegenheiten einen politischen Charakter’, für die lediglich der Minister zuständig war, bei denen der Chef der Heeresleitung aber gar nicht mitzureden hatte.“ Woher wußte Heye, daß Groener später Schleicher ebenso durchschaut hatte wie er selbst? Aus den eben veröffentlichten Groener-Papieren geht nicht hervor, daß Heye und Groener nach 1930 sich über Schleicher ausgetauscht haben. Für Heye steht fest: Schleicher war der Intrigant durch und durch. Es war für ihn klar35, „daß ich meinen Kampf [um die Arbeitsteilung zwischen Chef der Heeresleitung und Reichswehrminister] anfangs gegen die falsche Stelle richtete, d.h. gegen den Minister selbst. Die Veranlassung allen Unheils war aber Schleicher, den ich lange nicht erkannte, trotzdem er mir täglich Vortrag hielt.“ Immerhin – so sei es zu Heyes Gunsten doch gesagt – läßt er sich in den „Erinnerungen“ nicht dazu hinreißen, die Ermordung Schleichers am 30. Juni 1934 durch SS-Schergen auch noch gutzuheißen oder auch nur zu erwähnen.
Ein anderer Fall, der für Heyes innere Stellung zu den großen Tagesfragen seiner Zeit unmißverständlich Auskunft gibt, ist sein Verhalten zum „Ulmer Reichswehrprozeß“. Im 5. Artillerie-Regiment in Ulm gab es drei Offiziere (zwei Leutnants und einen Oberleutnant), die sich 1929 wegen Verbreitung von nationalsozialistischen Flugblättern und der Zellenbildung in der NSDAP strafbar gemachten hatten. Heye reiste sogleich nach Ulm, ließ sich von den Betreffenden Vortrag halten, besprach sich mit dem Regimentskommandeur und erledigte die Angelegenheit dahin, daß einer der Offiziere wegen Ungehorsams zu bestrafen sei. Den „Sündern“ gab er die Hand und nahm ihnen das Versprechen ab, daß sie in der Truppe keine „Dummheiten“ machen würden. Derart einfältig tat er die Angelegenheit ab. In Berlin wurde sie aber grundsätzlich gesehen. Reichswehrminister Groener sah sie als eminent politische Sache an und wollte ein Exempel statuieren, daß die politische Betätigung, zumal für eine demokratiefeindliche Partei, in der Reichswehr keinen Platz habe. Er brachte die Sache vor das Reichsgericht in Leipzig, wo sie mit einer Bestrafung der drei Leutnants (18 Monate Festungshaft) endete (September 1930).
Heye fühlte sich als Chef der Reichswehr nicht ohne Berechtigung von der Reichsregierung übergangen und wurde deswegen mehrmals vorstellig, doch ohne Erfolg. Nach dem Prozeß richtete er ein Schreiben an Reichswehrminister Groener, in dem er um eine Aussprache bei ihm zusammen mit allen höheren Befehlshabern und Divisionskommandeuren der Reichswehr bat. Sein Schreiben zeigt deutlich, wie er zu der die deutsche Gesellschaft bewegenden politischen Hauptfrage stand. Die drei Offiziere hätten nicht aus „unedlen Motiven“ gehandelt; mit ihren inneren Nöten stünden sie im Offizierskorps nicht allein. Schließlich wurde Heye noch grundsätzlicher, indem er scheibt, „Geistesbewegungen, die das ganze Volk durchziehen“, ließen sich aus der Truppe, die ein Teil des Volkes seien, nicht ausschalten36.
Groener antwortete kurz und bündig am 15. Oktober 1930, er verspreche sich von der Aussprache keinen Nutzen, bedauere die Divergenz der Auffassungen und wolle „ein Zutagetreten dieser Gegensätzlichkeit“ bei einer etwaigen Kommandeursbesprechung vermeiden37.
Heye zog die einzig mögliche Konsequenz und reichte seinen Abschied ein, den er schon seit längerem geplant hatte. Wie in solchen Fällen üblich, wurde er vom Staatsoberhaupt noch befördert, und zwar zum Generaloberst, und erhielt von Hindenburg zum 31. Oktober 1930 seine Entlassungsurkunde.
Bei diesem bemerkenswerten Verhalten Heyes versteht man, was der von ihm so hochgelobte Generaloberst Seeckt mit dem vielbenutzten, aber ebenso oft mißverstandenen Wort von der Reichswehr als „Staat im Staate“ eigentlich gemeint hat: Aus der Reichswehr müsse jegliche politische Betätigung herausgehalten werden; sie habe sich mit Haut und Haaren dem vorhandenen Staat verschrieben; das war nun einmal die Republik, die er nicht liebte, die er aber, koste es, was es wolle, verteidigte. Er setzte sie gegen kommunistische wie auch gegen rechtsgerichtete Putschversuche ein. In der wahrlich nicht stabilen Weimarer Republik war s i e der Garant für deren Überleben. So verstand es auch Groener, den Heye hier wegen des Ulmer Prozesses anklagt, und der schließlich im April 1932 die gefährliche SA-Organisation verboten hat.
Es ist bedauerlich, daß in Heyes „Erinnerungen“ ein Kapitel über seine Zeit der dreißiger Jahre fehlt, das, wie aus dem Schriftwechsel mit dem Verlag, das sein Buch veröffentlichen sollte38, möglicherweise existiert hat, aber nicht überliefert ist. Dann wären Heyes politische Anschauungen wohl noch deutlicher herauszulesen gewesen. Aber auch so gibt es in den „Erinnerungen“ genügend Anhaltspunkte, die Heye in der „Deutschnationalen Volkspartei“ verorten lassen. Daß er Hitler in den „Erinnerungen“ mit vielen zumeist deplacierten Erwähnungen in den Himmel hebt, ist offenbar dem Bestreben geschuldet, die Bedingungen für die Verlegung seines Werkes im Zweiten Weltkrieg zu erfüllen. Einige wenige Nennungen Hitlers sollen aber doch noch folgen.
Über das ganze Manuskript des zweiten Bandes verteilt, lassen sich über vierzig Nennungen feststellen, abgesehen davon, daß dazu noch der Begriff „Führer“ addiert werden müßte. An einer Stelle wird der „Gottbegnadete Führer Adolf Hitler“ apostrophiert39. Hitlers Großdeutschland wird als Vollendung der Reichsgründung Bismarcks von 1871 bezeichnet, oder Hitler wird als der „wahre Mehrer des Reiches“ genannt40. Im Zweiten Weltkrieg wollte sich Heye (mit etwa 70 Jahren) für den militärischen Dienst reaktivieren lassen. Das wurde abgelehnt. Als der Krieg zu Ende war und die „Erinnerungen“ nun endlich veröffentlicht werden sollten, nennt Heye den Krieg einmal Hitlers „unglücklichen Krieg“41. Sein Vorgänger Seeckt hatte zu Hitler ein ganz anderes Verhältnis.
In seinen Jahren außer Dienst erfüllte sich Heye einen Jugendtraum. Er hatte ursprünglich Geschichte studieren wollen; sein Vater, selbst Offizier, hat ihn aber gedrängt, die Offizierslaufbahn einzuschlagen. Nun nach 1930 konnte Heye über seine freie Zeit allein verfügen, und, wie schon oben vermerkt, schrieb er auf Bitten des Generalfeldmarschalls Woyrsch die Geschichte des schlesischen Landwehrkorps in zwei stattlichen Bänden. Danach setzte er sich daran, seine eigenen Erinnerungen zu schreiben, die zu Beginn der 1940er Jahre, ebenfalls in zwei dickleibigen Teilen, im Maschinenskript fertig waren, aber wegen des Krieges nicht mehr gedruckt werden konnten. Aus „politischen Gründen“ wurde ihm das versagt42. Trotz zahlreicher für Hitler lobhudelnder Einsprengsel war der Duktus des Manuskripts nicht auf der NS-Partei-Linie, sondern schlicht deutschnational. Vor allem mußte mißfallen, das sein Vorgänger Seeckt in mehreren Partien unverstellt in den Himmel gehoben wurde. Und Seeckt war alles andere als ein Gefolgsmann der Nazis. In einer Begegnung zwischen Hitler und Seeckt, in der der General in einer neuen Hitler-Regierung sich als künftiger Reichswehrminister zur Verfügung stellen sollte, bekam Hitler die deutliche Antwort, in seinem Alter könne er – Seeckt – sich nicht mehr ein braunes Hemd anziehen43.
Heyes Buch über das Landwehrkorps ist sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Fachwelt derart gelobt worden, daß im März 1939 der Vorsitzende der Historischen Kommission für Schlesien, Professor Hermann Aubin, der damals und nach 1945 bekannte „Ostforscher“, Heye in die Kommission als neues Mitglied aufnahm44. Das war die Krönung für Heyes Lieblingsbeschäftigung – die Arbeit mit der Geschichte. Seine beiden Bücher sind für einen nichtstudierten Freund der Geschichte eine beachtliche Leistung.
3. Kurt Freiherr von Hammerstein-Equord
Heyes Nachfolger als Chef der Heeresleitung war Kurt von Hammerstein-Equord. Sein Nachlaß im Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg ist sehr schmal. Das dürfte daran liegen, daß Hammerstein wegen seiner immer wieder mal naß-forsch geäußerten Feindseligkeit gegenüber Hitler nach 1933 keine kompromittierenden Papiere hinterlassen durfte. Aus dem kleinen erhaltenen Fundus wurden zwei Stücke entnommen und hier im Anhang placiert. Das zweite Stück, das wichtigere, ist eine Aufzeichnung über die letzten Januartage 1933, also unmittelbar vor Hitlers Machtübernahme. Die Aufzeichnung ist zwei Jahre danach, am 28. Januar 1935, verfaßt und hat einen bestimmten Anlaß, von dem der Aussagewert des Stückes zu veranschlagen ist: Im „Völkischen Beobachter“ vom 27./28. Januar 1935 ist von einem Putschplan die Rede, den Schleicher gegen die Nazi-Führung ausgearbeitet haben soll. Hammerstein stellt dazu fest, daß ein solcher nicht existiert haben könne, da er als Chef der Heeresleitung davon gewußt haben müsse. In der Aufzeichnung geht es weiter darum, was Hammerstein in den Tagen vom 26. bis 29. Januar erlebt, wen er besucht und mit wem er Gespräche geführt hat. Es ist die Rede von Gesprächen mit Staatssekretär Meißner (Büro des Reichspräsidenten), mit Schleicher, mit dessen Vertrauten Werner von Alvensleben, mit Hitler selbst. Als Fazit dieser Besprechungen stellt Hammerstein fest, daß der ominöse Putschplan nicht bestanden haben könne.
Die Aufzeichnung ist also offenbar zur Entlastung geschrieben, falls Hammerstein Anfang 1935 für den angeblichen Putschplan hätte belangt werden können. In der Forschung findet sich bisher das eine oder andere Zitat aus der Aufzeichnung. So hat der Sohn, Kunrat Freiherr von Hammerstein, einige Passagen veröffentlicht, und der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat an verschiedenen Stellen seiner romanhaften Studie über Hammerstein daraus zitiert45.
Nachdem über Hans von Seeckt, Chef der Heeresleitung von 1920 bis 1926, eine umfangreiche Paralleledition, vom selben Herausgeber betreut, veröffentlicht ist, werden ihr nun einige Aufzeichnungen des ersten Chefs der Heeresleitung, Walther Reinhardt, und die „Erinnerungen“ des Nachfolgers Seeckts, Wilhelm Heye, dieser Edition zur Seite gestellt, ergänzt durch zwei Aufzeichnungen von Kurt Freiherr von Hammerstein-Equord.
Seeckt, Aufzeichnungen.
S. 6. Das folgende Zitat s. ebenda.
S. 9.
S. 16.
Ebenda.
Vgl. unten S. 137.
S. 30.
S. 35. Das folgende Zitat S. 38.
S. 45.
S. 47.
S. 49.
Ebenda.
S. 50.
„Kleine Götter“ im Großen Hauptquartier S. 291–372.
Ludendorff, Meine Kriegserinnerungen S. 459–460.
„Kleine Götter“ im Großen Hauptquartier S. 299.
„Kleine Götter“ im Großen Hauptquartier S. 257. – Vgl. auch: Lersner, Hinter den Kulissen S. 257–258, 457–458.
„Kleine Götter“ im Großen Hauptquartier S. 363.
Hier ist der Überblick über Heyes bereits gedruckten Auszug aus seinen „Erinnerungen“ zu Ende, und es folgen nun Schlaglichter aus der hier weitergeführten Fortsetzung der ungedruckten „Erinnerungen“.
S. 53.
Ebenda.
S. 56. Die folgenden Zitate ebenda.
S. 75.
S. 76. Das folgende Zitat S. 56.
S. 57. Das folgende Zitat ebenda.
Ebenda.
S. 59. Das folgende Zitat ebenda.
S. 66. Das folgende Zitat S. 67.
S. 87. Das folgende Zitat S. 88.
S. 96.
S. 112.
S. 112, das folgende Zitat ebenda.
S. 114.
Ebenda, das folgende Zitat ebenda.
S. 115.
S. 121.
S. 122.
Unten im Anhang S. 147–148.
S. 127.
S. 128.
S. 137.
S. 147–148.
Seeckt, Aufzeichnungen S. 307.
S. 131.
Hammerstein, Spähtrupp S. 34–36, 39–40, 55–56. – Enzensberger, Hammerstein passim.