Es lagen schon viele Schichten Geschichten unter dem Pflaster der kleinen Stadt […]. Man hat die Steine fester reingedrückt, hier und da geflickt. Es sah aus wie eine Narbenlandschaft, denn viel hatte man nicht zum Ausbessern. […]
Die frischen Furchen und die Fehler der Vergangenheit kamen unter das schöne Pflaster, das man so lange festtrat, bis alles wieder plan war.
Anne Rabe: Die Möglichkeit von Glück, S. 333.
Deindustrialisierung und Strukturwandel sind einschneidende, langfristige Prozesse, durch die sich nicht nur die Wirtschaftsstruktur von Städten und Regionen gravierend verändert, sondern auch das soziale, kulturelle und räumliche Gefüge. Die Schwerindustrie hat weltweit zur Entstehung menschlich überformter Arbeitslandschaften1 geführt, und ihr Rückzug (über-)formt diese Arbeitslandschaften erneut. Die gebietsweise Konzentration von Steinkohlenbergbau und Stahlproduktion, aber auch anderer Großindustrien im Ruhrgebiet und im Rust Belt wirkte sich in besonderem Maße auf die Kultur der beiden Regionen aus. Mit dem Strukturwandel entstanden vor allem im Ruhrgebiet Bestrebungen zur Förderung einer regionalen postindustriellen Erinnerungskultur, also einer Ästhetisierung der Industriekultur im Sinne einer „kulturellen Inwertsetzung und Aufladung“2, deren Realisierung auf zivilgesellschaftliches Engagement, gezielte finanzielle Förderung und institutionelle Verfahren angewiesen war. Im Rust Belt wählten viele Politiker:innen und Städteplaner:innen andere Überlebens- und Zukunftsstrategien. Städte wie Chicago, Cleveland oder Pittsburgh setzten darauf, sich neu zu erfinden und – auch für touristische Zwecke – ein anderes Image fern von der einstigen Schwerindustrie zu etablieren oder nostalgisch an frühere Industrie-Formen anzuknüpfen. Die mediale oder architektonische Kultur dieser inzwischen deindustrialisierten bzw. strukturell veränderten Räume scheint unterschiedlich stark auf ein industriell geprägtes Identitätsrepertoire angewiesen zu sein.
Die neuen Industriekulturlandschaften wirken sich verschiedenartig auf die Repräsentation regionaler Identitäten aus und werden in der künstlerischen Auseinandersetzung mit ihnen häufig mit (nostalgischem) Rückgriff auf ihre Vorgänger verhandelt, den ‚verloren gegangenen‘, inzwischen nur noch ansatzweise erkennbaren, industriell geprägten Räumen. Dieses von vielen Wechselwirkungen, aber auch Abgrenzungen, Überzeichnungen, Übersetzungen, Überformungen, Parallelitäten, Negationen, Wiederholungen und vor allem von Schichtungen gezeichnete Verhältnis zwischen Räumen, Identitäten und Repräsentationen nehmen die Artikel des Bandes in vielfältiger Weise in den Blick.
Regionen als Konstrukte
Als analytisch-begrifflicher Ausgangspunkt des Bandes werden das Ruhrgebiet und der Rust Belt zunächst als Regionen gefasst – kein neuer Zugang, zumindest in soziokultureller Hinsicht nicht, werden doch diese beiden Lebensräume von außen hauptsächlich als Regionen wahrgenommen und thematisiert. Davon ausgehend wird nach den Vorstellungen, Konnotationen und Bildern gefragt, die zur Konstitution von Regionen evoziert, herangetragen werden. Diese beiden – realen bzw. diegetischen – Räume eignen sich nicht nur aufgrund der steten Regionsbezogenheit ihrer Einzelteile als Vergleichsgegenstände einer transatlantischen Forschungsperspektive; vielmehr werden die beiden Räume maßgeblich über die Themen Arbeit, Industrie, Deindustrialisierung und kreatives Potenzial, also über ökonomische Zusammenhänge jeweils als sozio-kulturelle Einheiten konstituiert.
Mit dem Begriff der Region verhält es sich ähnlich wie mit dem der ‚Arbeit‘ oder der ‚industriellen Kulturlandschaft‘: Er wird häufig verwendet, eine einheitliche und klare Definition gibt es jedoch nicht. Begrifflich ist ‚Region‘ eine Sammelbezeichnung für Verschiedenes. Zunächst kann man sie als analytischen Begriff verstehen, der hinsichtlich seines Raumbezugs offen ist, oder wie Carl-Hans Hauptmeyer es formuliert: „Eine Region ist eine sich wandelnde sozialräumliche Einheit, die modellhaft ähnliches Handeln und Wirken einer menschlichen Gesellschaft abbildet. Allerdings entstehen je nach Erkenntnisinteressen, Materialaufbereitung und Darstellungsweise des Forschenden unterschiedliche Raumzuordnungen.“3 Der Soziologe Detlev Ipsen versteht ‚Region‘ in Anlehnung an die Definition des Geographen Gerhard Hard als ein Konstrukt, das erst dann wirksam wird, wenn es in die soziale Kommunikation einfließt und die vorherrschenden Lebensstile, ethischen Verhaltensweisen und eine Verbundenheit der Bevölkerung mit ihrem Lebensumfeld widerspiegelt: „Eine ‚Region‘, das ist der Output einer Tätigkeit, die man ‚Regionalisieren‘ nennen kann, und ‚Regionalisieren‘ heißt, Begriffe und Bilder von Regionen herzustellen und diese mit mehr oder weniger Erfolg in die soziale Kommunikation einzufädeln.“4
Daraus ergeben sich bereits konkrete Forschungsfragen: Wie werden durch literarische, mediale oder künstlerische Konstruktionen von Räumen bestimmte Bilder, Phänomene, Motive regionalisiert? Und wie werden (industrie-)kulturelle Vorstellungen und Bilder in die soziale und künstlerische Kommunikation eingefädelt? Als konstruierter Sinnraum ist die Region gewissermaßen eine „Objektivierung und Naturalisierung vergangener wie gegenwärtiger sozialer Verhältnisse“5, die sich in Schichten identifizieren lassen. Ein Blick auf deren Ästhetiken eröffnet einen neuen Zugang zur Betrachtung dieser beiden Regionen im Prozess der Deindustrialisierung.
Das Prinzip von Schichtungen
In seinen Vorlesungen über die Ästhetik (1770–1831) setzt sich Georg Wilhelm Friedrich Hegel unter anderem mit dem Vermögen verschiedener Künste auseinander, Raum und Räumliches in der Zeit darzustellen und zu reflektieren – und nimmt dabei im Ergebnis eine Hierarchisierung vor: Auf der untersten Stufe dieser Hierarchie befinde sich die Architektur als die ‚ungeistigste‘ Kunstform; auf sie folge die plastische oder Bildhauerkunst (bei Hegel: Skulptur); die dritte Stufe besetze die Malerei; auf der vorletzten Position befinde sich die Musik; die absolute Spitzenposition kommt in Hegels Hierarchisierung der Literatur (bei Hegel: Poesie) zu, zumal sie es aufgrund ihrer Dreiteilung in Epik, Lyrik und Dramatik vermöge, Darstellungen des Objektiven in die subjektive Welt der Vorstellung zu überführen, und das unter möglichst gering gehaltenem materiellem Einsatz. Auf „andere unvollkommene Künste“, wie er sie nennt, so etwa „Gartenbaukunst, Tanz usf.“, geht Hegel in seinen Überlegungen nicht mehr ein.6 Ausgehend von dieser bis weit ins 20. Jahrhundert wirkungsmächtigen, aber natürlich auch kritikwürdigen Hierarchisierung Hegels, die – bezogen auf ein und denselben Untersuchungs- oder Betrachtungsgegenstand – zugleich als ästhetische Schichtung betrachtet werden kann,7 fragt der Band anhand zweier Industrieregionen, dem Ruhrgebiet und dem Rust Belt, danach, wie in unterschiedlichen Kunstformen und Medienformaten Phänomene des Urbanen inszeniert und verhandelt werden, Phänomene also, die stets in Bewegung begriffen sind.
Raum und Räumliches fungieren dabei nicht nur als Kategorien, die zur Unterscheidung des Darstellungsvermögens verschiedener Kunstgattungen herangezogen werden (wie bei Hegel, aber auch bei Lessing, Goethe, Schlegel, Novalis, Schelling und selbst noch bei Adorno). Vielmehr lässt sich anhand dieser beiden Industrieregionen stellvertretend, aber auch zugespitzt herausarbeiten, wie beispielsweise Landschaft, Architektur, soziale Gefüge, Materialität, Immaterialität unaufhörlichen Dynamiken und Transformationsprozessen unterworfen sind und dies auch und vor allem mit Blick auf textuell reflektierte oder eingefangene Ästhetiken.
Die Stadtforscher und Theologen Gotthard Fuchs und Bernhard Noltmann haben im Vorwort ihres 1995 mitherausgegebenen Bandes Mythos Metropole festgehalten, dass in urbanen Räumen „auf eigentümliche Weise Geschichte präsent“ ist und es nun „darauf an[käme], das Gesicht der Stadt wieder zu lesen und Spuren des Vergangenen, die teils verschüttet, teils hinter dem Gewohnten versteckt sind, aufzudecken“.8 Während diese Formulierungen implizit den Anspruch erheben, archäologisch in verschüttete Tiefen vorzudringen und solchermaßen zu ‚Ursprüngen‘ vorzustoßen, geht der vorliegende Band davon aus, dass Schichtungen mindestens in dreierlei Hinsicht zu verstehen sind und somit multidirektional das Konzept der Regionalität hinterfragen können. Aus der Geologie stammend, bezeichnet der Begriff zunächst Sedimentierungen, die bestimmte Texturen und Strukturen herausbilden. Dieser Strukturbegriff wird insoweit auch aus soziologischer Perspektive interessant, als es hier um Strukturen innerhalb bestimmter Schichten geht, wie der Soziologe Theodor Geiger schon 1932 in seiner Abhandlung Soziale Schichtung des deutschen Volkes im Rückgriff auf einen geologischen Begriff, entlehnt aus der Bergmannssprache, ausführte. Letztlich wirkt der Begriff auch noch bei Pierre Bourdieu in Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft fort. Allerdings setzt dort auch die Kritik an einem homogenisierenden Bild von Gesellschaft an, die hervorhebt, dass eine Identität Zuordnungen zu mehreren Schichten aufweisen kann. Zusammengenommen mit einer Ästhetik, die hierarchisch Künste verhandelt und solchermaßen schichtet, ergibt sich eine interessante Konstellation, die zum einen davon ausgeht, dass sich etwas hierarchisch einfügt und quasi zur Ruhe kommt, zum anderen aber von einer Beweglichkeit geprägt ist, die in unterschiedliche Positionalitäten und Dynamiken eingebunden ist.
Der Band rückt diese Dynamiken anhand von Stadt- und Regionsgebilden ins Zentrum, um diese als Elemente bzw. (Teil-)Aspekte von Schichtungen zu untersuchen, gerade auch in ihrer nicht-materiellen Natur, etwa in Form von individuellen oder kollektiven Erinnerungen, Erkenntnissen, Gefühlen, Stimmungen, Eindrücken, aber auch im Fall von virtuellen Realitäten. Schichtung wird damit zu einem Konzept, das in zweierlei Richtungen weist: Zum einen lässt es sich auf die zeitlichen, räumlichen, historischen, soziokulturellen Strukturen, Entwicklungen und Gegebenheiten von Stadt-Raum-Gefügen beziehen, zum anderen – folgt man dem Hegel’schen Modell – auf die Darstellung derselben in den verschiedenen Künsten, Medien und Medienformaten.
Forschungsfragen
Die einzelnen Kapitel des Bandes bringen unterschiedliche disziplinäre Perspektiven zusammen, um die folgenden Fragen näher zu beleuchten: Wie werden die beiden Regionen, aber auch Städte und Stadtbilder in diesen Regionen konstruiert, ästhetisch produziert und welche Funktion kommt dabei Schichtungsprozessen zu? Wie werden diese Schichtungen ästhetisch konstruiert, in Sprache gefasst, sprachlich umformt? Wie werden sie gegebenenfalls in unterschiedlichen historischen Phasen des Wandels von Arbeit und Arbeitswelten, Technik und Technologie, Kommunikationswegen und -modi, in unterschiedlichen sozialen und kulturellen Umgebungen (zeitgenössisch und auch retrospektiv) erzählt, inszeniert, konzeptualisiert, produziert? Welches Nebeneinander und Ineinander von Schichtungen lässt sich beobachten, welche Realisierungs- und Erscheinungsformen des Urbanen bringen sie hervor, unterdrücken oder verhindern sie? Mit welchen textuellen, künstlerischen, sozialen Praktiken wird diesen Schichtungen begegnet und wie hängen diese mit bestimmten Ästhetiken zusammen? Und nicht zuletzt: Welche Spannungs- und Machtverhältnisse wie etwa Gentrifizierung, Diversität, Umsiedlung, Verarmung oder Erosion lassen sich an den jeweiligen Schichtungen ablesen?
Mit diesen Fragen eröffneten wir die beiden Teile der Tagung Schichtungen des Urbanen. Ruhrgebiet und Rust Belt im November 2019 in Dortmund und im Februar 2020 in Cincinnati. Und mit diesen Fragen eröffnen wir den Band, der vier Jahre später einige Antworten bereithält.
Bedanken möchten wir uns bei unseren Beiträger:innen für die gute und zuverlässige Zusammenarbeit, bei allen Kolleg:innen, die auf beiden Tagungen für Denkimpulse gesorgt haben, und ganz besonders denen, die bei der Tagungsorganisation oder der Einrichtung des Manuskripts geholfen haben: Kimberly Becker, Janneke Eggert, Anna Kemperdiek, Rosie Shackleton und Simon Hlawatsch seitens des Fritz-Hüser-Instituts und Barbara Besendorfer, Mareike Lange und Anna Senuysal seitens der University of Cincinnati. Dem DAAD und dem Taft Research Center der University of Cincinnati danken wir für die finanzielle Unterstützung der Tagung.
Literaturverzeichnis
Vgl. Arnold Maxwill (Hg.): Leben in der Arbeitslandschaft. Narrationen des Ruhrbergbaus, Paderborn: Fink, 2021.
Achim Prossek: Bild-Raum Ruhrgebiet. Zur symbolischen Produktion der Region, Detmold: Rohn, 2009, S. 35–36.
Carl-Hans Hauptmeyer: „Zu Theorien und Anwendungen der Regionalgeschichte“, in: Jahrbuch für Regionalgeschichte und Landeskunde 21 (1997/1998), S. 121–130, hier S. 123.
Detlev Ipsen: „Region zwischen System und Lebenswelt“, in: Region und Regionsbildung in Europa: Konzeptionen der Forschung und empirische Befunde, hg. v. Gerhard Brunn, Baden-Baden: Nomos, 1996, S. 112–118, hier S. 112.
Walter Schmitz: „‚Gedachte Ordnung‘ – ‚erlebte Ordnung‘: Region als Sinnraum. Thesen und mitteleuropäische Beispiele“, in: Konstruktionsprozesse der Region in europäischer Perspektive. Kulturelle Raumprägungen der Moderne, hg. v. Gertrude Cepl-Kaufmann, Essen: Klartext, 2010, S. 23–44, hier S. 30.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik II, in: Ders.: Werke, hg. v. Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, Bd. 14, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1999, S. 256–261.
1953 hat der Philosoph Nicolai Hartmann in seiner Ästhetik ein Schichtenmodell entworfen, das jedoch weniger die Hegel’sche Hierarchisierung der Künste verhandelt als die Schichtenfolge in den einzelnen Künsten (zweiter Teil in der Ästhetik): Nicolai Hartmann: Ästhetik, Berlin: de Gruyter, 1953.
Gotthard Fuchs und Bernhard Noltmann: „Mythen der Stadt“, in: Mythos Metropole, hg. v. dens. und Walter Pigge, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1995. S. 9–19, hier S. 12.