Die vorliegenden Untersuchungen an deutschsprachigen (Auto-)Pathographien sind vordergründig im Forschungsfeld der Komplementarität von Medizin und Literatur verortet.1 Die Art und Weise, wie das Verhältnis zwischen Literatur und medizinischen Wissenschaften zu beschreiben ist, kann aus verschiedenen Blickwinkeln erfolgen. Dabei ist die Richtung des Transformationsprozesses bestimmter Ideen (Theorien, Forschungsmodelle usw.) nicht unerheblich. Mithilfe des Forschungsmodells der Interdiskursanalyse, die in dieser Arbeit hauptsächlich zur Anwendung kommt, lässt sich die Komplexität der Verhältnisse methodisch absichern. Wir haben es im Grunde mit einer doppelten Transformation von Ideen zu tun – einerseits haben wir Transformationen auf der Ebene von Disziplinen innerhalb der Hierarchien von wissenschaftlichen Diskursen und andererseits gibt es solche, die auf der Ebene der sich überschneidenden Diskurse zu finden sind. Unser Interesse gilt explizit der Frage, welche Effekte auftreten, wenn Ideen durch entsprechende Transformationen die Grenzen eines Spezialdiskurses überschreiten und (vor allem in Form von analogen Konzepten) in Kontexte von Diskursen eintreten, die von dem ursprünglichen Spezialdiskurs relativ weit entfernt sind. Eine wichtige Frage dabei lautet, wie die Literaturwissenschaft Literatur als ein Phänomen des Interdiskurses, also als ein Phänomen der Kommunikation zwischen dem System Literatur und dem System Medizin auf verschiedenen Ebenen dieser Wechselwirkung beschreiben kann. Voraussetzung für eine analytische Modellierung ist dann die Bestimmung dieser Ebenen.
Ausgangspunkt der Untersuchungen ist der jeweilige schriftlich fixierte literarische Text. Literatur wird hier als ein Bereich aufgefasst, der auf interdiskursive Integration angelegt ist. Zugleich kann Literatur aber ebenso als Spezialdiskurs funktionieren, weil sie, wie jedes beobachtbare System, eigenen Regeln der Autopoiesis unterliegt. Der interdiskursive Charakter von literarischen Texten ist im Rahmen des Literatursystems insgesamt nicht zu unterschätzen. Literatur akkumuliert Wissen aus verschiedenen Wissenschaftszweigen und verarbeitet dieses komplexe Diskursmaterial so, dass der Grad der Kontingenz der Kopplungsmöglichkeiten von Wissenselementen zunimmt und die gesamten für die jeweiligen Spezialdiskurse charakteristischen Wissensstrukturen ([Meta-]Theorien, wissenschaftliche Paradigmen etc.) in Form von Diskursmaterial zum Tragen kommen.
Wir gehen davon aus, dass die medizinischen Wissenschaften Erkenntnisse (Spezialwissen) hervorbringen, die sowohl innerhalb des Diskurses, in dem sie entstanden sind, als auch außerhalb dieses Diskurses – entweder innerhalb des Systems der Wissenschaften (bekannt unter dem Begriff Interdisziplinarität) oder über verschiedene soziale Funktionssysteme hinweg durch Interdiskurse (Literatur und Kunst, Journalismus, Politik usw.) – kommuniziert werden.
Ein wichtiges Mittel zur Schaffung von einem solchen interdiskursiven Wissen sind Analogien. In diesem Sinne wird es in den Werkanalysen literarischer Texte darum gehen, zu beschreiben, wie Literatur in interdiskursiven Konstellationen mit ihren spezifischen Mitteln (vor allem durch den Einsatz von bestimmten Denkbildern, Symbolen, Projektionen, Analogien oder Metaphern) Wissen aus dem Bereich der medizinischen Wissenschaften literarisiert.
Die vorliegende Arbeit rekonstruiert ebenso die Verbindungen literarischer Werke mit breiteren Erfahrungskoordinaten. Im Sinne der Interdiskurstheorie ermöglicht Literatur die Zirkulation von Wissen (von Begriffen, Symbolen, Paradigmen, Sprachbildern, Denkstilen etc.) zwischen den Diskursen. Dabei erschließt sie einen Zugang zu oft unerwarteten Wissensbereichen und ermöglicht die Vermittlung von Erfahrungen auf eine neue Art und Weise. Die Literatur verwertet nicht nur Spezialwissen und verhandelt es in neuen Zusammenhängen, sie hinterfragt vielmehr auch Bedingungen dieses Wissens, weil sie verschiedene Wissensformen (Spezialwissen und Erfahrungswissen) abwägt und in Beziehung zueinander setzt. Hier kann Literatur als Korrektiv zum im medizinischen Diskurs verhafteten Erfahrungshorizont wirksam werden, eine Funktion, die in Autobiographien (auch ggf. als ‚Erfahrungsbericht‘ bezeichneten Texten) in vielen Fällen sehr deutlich und explizit formuliert wird. Aus dieser Perspektive kann das Postulat der Entprivilegierung des Wissens von Spezialdiskursen durch Interdiskurse geltend gemacht werden. Somit können wir wohl von einer kompensatorischen Funktion von Interdiskursen sprechen, indem dieses Wissen in Kontexte gesetzt wird, die für den jeweiligen Spezialdiskurs sonst undenkbar oder im normativen Sinne unhaltbar wären. Wissenschaftliches Wissen kann durch Literatur aber auch privilegiert werden, indem sie dessen Gültigkeit bestätigt bzw. veranschaulicht, was beispielsweise mit Hilfe von Zitaten, Anspielungen oder quasipathographischen Erzählformen etc. geschieht. Intertextualität und Interdiskursivität bedingen und bestätigen sich hier gegenseitig. Die genannten Zuständigkeiten der Literatur kommen dann vor allem zum Tragen, wenn sie diskursive Bedingungen der Wissensproduktion und -vermittlung beleuchtet, die Verbreitung bestimmten Wissens begleitet oder begünstigt, Wege und Umwege des Wissens nachzeichnet sowie den durch Transformationen bedingten Mehrwert an Wissen verzeichnet.
Im Kern der Untersuchung steht die Frage, welche transitorischen Prozesse stattfinden, wenn Wissen die Grenzen von Fachdiskursen überschreitet, bzw. in welchem Verhältnis wissenschaftliches Spezialwissen und dessen literarische Kommunikation zueinander stehen. Mit der Fokussierung auf die genannten Spezifika literarischer Kommunikation, d. h. auf die Integration und Repräsentation des Wissens von Spezialdiskursen mit literarischen Mitteln, betritt man einen Bereich, der für die Literaturwissenschaft eine gewisse Herausforderung darstellen kann.
Es geht in den folgenden interdiskursiven Analysen nicht zuletzt um die Frage, mit welchen spezifischen Mitteln und Techniken sich literarische Werke den Erkenntnissen aus den wissenschaftlichen Spezialdiskursen annähern, wie sie diese in der Transformation für sich reklamieren und mit welchen Folgen für die Erkenntnisgewinnung dies verbunden ist.
In der Gattungsfrage der zu analysierenden Texte geht es um Pathographien und Autopathographien. Der Begriff der Pathographie wird in den untersuchten Fällen oft mit autobiographischen Formen des Schreibens in Verbindung gebracht. Der medizinische Fachdiskurs spielt bei der Textgestaltung eine fundamentale Rolle und er greift entsprechend stark in die Erzählinhalte aber auch in die Darstellungsweisen ein.
In der Autopathographie ist die persönliche Erfahrung von Krankheit ein wesentlicher Aspekt der Definition des Genres. Krankheit wird als ein Phänomen betrachtet, das früheren Erfahrungen und Ereignissen eine neue/andere Bedeutung verleiht. Krankheit bleibt somit im Zentrum aller Reflexionen des erlebenden und erzählenden Subjekts. Sie ist der treibende Mechanismus des Erzählens in der Autopathographie, der die Reflexion über Körperlichkeit, Behinderung bzw. die eigene Sterblichkeit und damit die Reflexion über die eigene Identität und deren Kontingenz anregt. Es handelt sich mithin um eine Gattung, die sich in der deutschsprachigen Literatur in besonderer Weise im Kontext der ,Neuen Innerlichkeitʻ konstituiert hat. Die Autoren, die auch als Protagonisten dieser Texte verstanden werden wollen, ob es sich nun um Erkrankungen wie Krebs (Zorn: Mars; Noll: Diktate über Sterben und Tod), um die Transplantationsthematik (Wagner: Leben; Claussen: Herzwechsel; Müller-Nienstedt: Geliehenes Leben; Krahe: Adoptiert. Das fremde Organ), Schlaganfall/Aneurysma (Welsh: Ich ohne Worte; Schmidt: Du stirbst nicht; Swobodnik: Gaza im Kopf; Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet), um demenzielle Erkrankungen (Geiger: Der alte König in seinem Exil; Wagner: Der vergessliche Riese; Jens: Demenz. Abschied von meinem Vater) oder um Amnesien (Zürcher: Alberts Verlust; Beta: Katharsis. Aus dem Wasser geboren) handelt, setzen sich mit Fragen der eigenen Identität, Abgrenzung, Persönlichkeitsveränderungen und Wahrnehmungsstörungen auseinander und verhandeln damit ein durch und durch krisenhaftes Erfahrungs- bzw. Lebenswissen.
This work was carried out at the Institute of World Literature of the Slovak Academy of Sciences in Bratislava, with support by the Slovak Research and Development Agency under the Contract no. APVV-20-0179.