1. Der Befund: Bildhermeneutik in der Ökumene
Möchte man sich verbindlich über den aktuellen Stand ökumenischer Dialoge auf Weltebene informieren, so genügt in der Regel ein Griff zu den im Regal nicht übersehbaren Bänden der Reihe Dokumente wachsender Übereinstimmung1. Über die Farbgebung in knalligem Gelb lässt sich sicherlich trefflich diskutieren. Für das Thema der Bedeutung von Bildern in der ökumenischen Landschaft ist das Register hingegen wenig aussagekräftig. Das Lemma Bild findet sich durchgängig in allen Bänden ebenso wenig wie vergleichbare Begriffe. Zur Bildthematik lässt sich zurückgehend bis 1931 und bis ins Jahr 2019 hinein ausschließlich das Thema der Ikonographie ausmachen, über das im weiteren Verlauf der Tagung noch eigens gehandelt wird, so dass es an dieser Stelle nicht thematisiert werden soll. Betroffen von dem Befund ist aber nicht nur der Bildbegriff selbst. Auch eine inhaltliche Sicht in die Bände offenbart eine gänzliche Ausklammerung (bild-)hermeneutischer Überlegungen. Die Annäherung zu ökumenischen Themen erfolgt weder bild- noch sprachtheoretisch, sondern wählt zumeist den klassischen Weg des Lehrgesprächs. Einzig die bildhafte Sprache der Bibel könnte als bildnahe Herangehensweise gewertet werden. Doch kommt auch diese nicht reflektiert methodisch, sondern allenfalls assoziativ in den Blick.
Der Befund in den Dokumenten wachsender Übereinstimmung deckt sich mit anderen Ökumenedokumenten und weitestgehend mit den sonstigen Erfahrungen in der Ökumene und in ökumenischen Dialogen, die ich im Rahmen und von Seiten des lutherischen Weltbundes gemacht habe: Die Ökumene ist derzeit noch stark geprägt von bekannten und in der Vergangenheit bewährten Methoden und Zugängen. Der differenzierte Konsens und generell Formen des Lehrgesprächs dominieren eindeutig das Dialogfeld. Modernere Zugänge wie Receptive Ecumenism2 werden teils kritisch beäugt und kommen andererseits meist nur punktuell und nicht durchgängig zum Einsatz. Bildtheoretische oder bildhermeneutische sind bisher keine Alternativen, die auch nur die Überlegung begleiten würden. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass ökumenische Arbeitskreise oftmals in sich stark geschlossene Gruppen sind, so dass das Einbringen neuer Impulse zumeist von der Innovationskraft einzelner und der Akzeptanz einer Gruppe zugleich abhängt. Insofern haben es neue Herangehensweisen und Konzepte schwer, Überzeugungskraft zu entfalten. Dies liegt unter anderem auch an der Heterogenität ökumenischer Arbeitsgruppen: Meist bestehen Gesprächsrunden aus kirchlichen Praktizierenden, Kirchenleitung und wissenschaftlichen Theolog:innen gleichermaßen. Der Ausrichtung von ökumenischen Dialogen ist dies gemäß, erschwert aber bisweilen die methodische Stringenz zusätzlich.
Auch in der theologischen Literatur zur Ökumene gibt es nur sporadische Ansätze, die das recht starre Korsett der klassischen Lehrgespräche beleben oder aufbrechen wollen.3 Diese finden sich dann zumeist nicht in der Dialogökumene, sondern in der theologischen Reflexion über ökumenische Theorien und Methoden. Zwischen ökumenischer Praxis und theologischer Überlegung besteht hier also zudem ein „garstiger Graben“, der zuallererst überbrückt werden müsste, bevor neue Ideen im Dialoggeschehen Einzug halten könnten. Ähnlich wie zwischen Kirche und Universität gelingt diese Überbrückung an unterschiedlichen Stellen unterschiedlich gut. Tatsächlich angekommen sind Neuerungen in der aktiven Ökumene aber noch nicht. Die Sitzungsintervalle von Gremien und das meist neben dem Hauptberuf erfolgende Engagement vieler Beteiligter in der Ökumene erschweren die konsistente Aufnahme neuer theologischer Ideen.
Warum dies allerdings dringend notwendig und sinnvoll wäre, sei in zwei weiteren Punkten kurz vorgestellt: Zunächst sollen die Bedürfnisse offengelegt werden, die aktuelle ökumenische Dialoge derzeit haben, was also als unabdingbare Voraussetzung dafür zu beachten wäre, ökumenische Gespräche modern und auf dem aktuellen Stand des Bedarfs zu führen. In einem zweiten Schritt geht es dann darum, gerade die Kraft von Bildern als mögliche Antwort auf die Fragen zu skizzieren, die sich aus kontroverstheologischen Zusammenhängen aktuell stellen. Der letzte Teil wagt also einen spekulativen Bezug von Bildtheorie und Ökumene, der sich – so der Befund – nicht unmittelbar aus den derzeitigen Ökumenegesprächen ablesen oder auch nur angedeutet erkennen lässt.
2. Die Herausforderung: Zum Stand ökumenischer Themen
Ökumenische Dialoge auf Weltebene können seit der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 keine bedeutenden Konsenspapiere mehr vorweisen. Gerade von lutherischer Seite scheinen die großen Dialoglinien kaum verändert und festgefahren. Lassen sich zwischen römisch-katholischer Kirche und den Kirchen des Ostens kleinere Schritte feststellen, so bleiben nach der – zumindest formalen – Klärung der Frage nach der Rechtfertigung die Lager der traditionellen Konfessionen zum Großteil unverändert. Insbesondere wenn man den Blick von Europa abwendet, ist das Bild noch unübersichtlicher und diffus. Im Folgenden seien daher zunächst einige Hypothesen zur momentanen ökumenischen Lage vorgebracht.4
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Besonders im europäischen Raum hat die Zündkraft ökumenischer Themen deutlich nachgelassen. Konfessionelle Differenzen haben weder den gesellschaftlichen Status – etwa bei konfessionell gemischten Ehen – noch die innerkirchliche Relevanz, als dass sie einer theologischen Bearbeitung bedürfen würden. Für manche Themen dürften selbst noch ausstehende ökumenische Einigungen in Zentraleuropa kaum mehr für Aufsehen sorgen. Zu nennen wäre hier besonders eine gemeinsame Abendmahls- bzw. Eucharistiefeier. Für das Bedürfnis nach einer gemeinsamen Zelebration hat die Praxis die theologische Theorie bereits weit überholt, so dass eine Konsenserklärung hier allenfalls einen Nullstatus herstellen, nicht jedoch als Innovation angesehen werden könnte. Zu sehr erwarten selbst kirchennahe Kreise eine solche Einigung als unabdingbares Desiderat.
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Zudem hat die ökumenische Bewegung, wie sie in Sonderheit nach dem Zweiten Weltkrieg in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht hat, bereits den möglichen Status quo in Konfessionsfragen hergestellt. Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre aus dem Jahr 1999 darf als Abschluss dieses ökumenischen Schwungs betrachtet werden.5 Ausstehende ökumenische Klärungen, die etwa von protestantischer Seite die Ämterfrage und die Ekklesiologie betreffen, haben einen systemisch höheren Stellenwert in der Diskussion, so dass hier keine weiteren Erfolge zu verzeichnen sind. Anders formuliert ist das Feld derjenigen Themen, die sich inzwischen ökumenisch einer Klärung zuführen lassen, weitestgehend erschöpft. Darüber hinausgehende Anstrengungen sind entweder schon unternommen und gescheitert oder bedürften eines völlig anderen Zugangs als über die klassische Ökumenearbeit.
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Im 20. und gesteigert im 21. Jahrhundert hat das Christentum einen charismatischen Schub erfahren, der dazu führt, dass klassische Denominationsgrenzen nicht mehr als solche erlebt werden. Gemeinsames Gebet, Lobpreis, gemeinschaftliche Feier und die oftmals konservative Rückbesinnung auf die unmittelbare Annahme biblischer Texte überbrücken potentielle Konfessionsgrenzen. Generell lässt sich das Konzept „Konfession“ als überholte Gruppenzuordnung in charismatischen Kreisen kaum mehr ausmachen. Teils stellen sich Gruppierungen – wie etwa die Gebetshausbewegung – bewusst trans- oder postkonfessionell auf. Dabei finden sich charismatische Einflüsse als eigene Gruppierungen außerhalb der traditionell verfassten Kirchen ebenso wie charismatische Erneuerungsbewegungen innerhalb der klassischen Kirchensysteme. Lässt sich dieser Trend auch in Europa beobachten, so ist er im so genannten „Globalen Süden“ inzwischen der Standard geworden. Lehrkonsense und Vorstellungen von kirchlicher Einheit kommen bei den charismatischen und auch neopentekostalen Gemeinschaften allein von der Organisation und vom Anspruch her an ihre Grenzen. Dies ist nicht zwangsläufig ein Problemzusammenhang, stellt die Arbeitsweise traditionsorientierter Ökumene jedoch grundlegend in Frage.
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Nicht zuletzt die Charismatisierung weiter Teile der Christenheit hat verstärkt dazu geführt, dass Trennlinien zwischen Gruppierungen weniger entlang dogmatischer, sondern vielmehr an sozialethischen Grenzlinien verlaufen. Besonders traditionell-konservative und progressiv-liberale Ausrichtungen des Christentums driften hierbei unabhängig von der Konfession auseinander. Fragen des Umgangs mit Homosexualität, der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare oder der Ordination von Frauen werden quer zu Konfessionszuordnungen beantwortet. Dadurch entstehen Spannungen auch innerhalb einer Konfessionsfamilie, wie sich beispielsweise anhand der Anglikanischen Gemeinschaft zeigen ließe. Hier hat die Ordination homosexueller Priester in der US-amerikanischen Episkopalkirche zu massiver Kritik bis hin zu eigenen Kirchengründungen geführt. Ein weiteres Beispiel wäre der synodale Weg im deutschen Katholizismus, der eine Weiterentwicklung der Rolle von Frauen in der Kirche andenkt und dabei – wie bekannt – auf große Gegenkräfte gestoßen ist.
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Charles Taylor hat schon zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf die zunehmende Säkularisierung der nordwestlichen Gesellschaften hingewiesen.6 Nicht das Schwinden von Religion bzw. Religiosität, sondern das Eingliedern klassischer Religionen in die Optionalität moderner Wahlgemeinschaften macht nach Taylor Säkularität aus. Religion fällt damit in den Bereich des Privaten, was nicht zuletzt dazu führt, dass religiöse Elemente nach dem Belieben des Individuums eklektisch zusammengestellt werden. Weder religionsgemeinschaftliche oder gar konfessionelle Grenzen stellen hierbei Hindernisgründe dar. Dementsprechend sind auch die klassischen Lehrunterschiede konfessioneller Provenienz aus dieser Perspektive keine legitimen Trennungsgründe, weil die freie individuelle Wahl des religiösen Settings nicht anhand von Lehraussagen getroffen wird.
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Zuletzt kennzeichnet die derzeitige Mitgliederentwicklung der christlichen Kirchen weltweit eine eindeutige Richtung zum Süden hin. Die ursprünglichen Kernländer des Christentums treten deutlich gegenüber rasant wachsenden Großkirchen in Afrika, Asien oder Südamerika zurück. Asymmetrisch zu dieser Entwicklung dominieren derzeit noch westlich-abstrakte Theologiekonzepte die weltweiten Dialoge. Dass dies zunehmend als diskriminierend und kontrafaktisch erfahren wird, ist nicht nur wenig verwunderlich, sondern stellt berechtigte Anfragen an ökumenische Theologie und ihre auf Lehre fokussierte Orientierung.
Generell muss sich ökumenische Theologie angesichts der genannten Herausforderungen fragen lassen, welche Perspektive sie einnehmen möchte: Geht es um die Überwindung historisch einstmals trennender Differenzen, wie dies etwa bei der Rechtfertigungslehre der Fall war? Oder geht es um die Vertretung bestimmter Interessen innerhalb des Christentums, die als unaufgebbare Konstanten bewahrt werden sollen? Klassisch ließe sich hier von Apostolizität sprechen. An anderer Stelle habe ich diese Alternative als diejenige von Identitäts- bzw. Traditionsökumene und Deutungs- bzw. Visionsökumene benannt.7 Dabei ist Identitäts- oder Traditionsökumene so verstanden, dass sie im Blick zurück die Überwindung von Lehrdifferenzen sucht, um zukünftig Einheit zu erzielen. Die Perspektive wendet sich also gezielt von der Vergangenheit auf die Zukunft hin, nimmt ihren Ausgangspunkt jedoch in der traditionell-konfessionellen Verankerung. Demgegenüber möchte die Deutungs- oder Visionsökumene den umgekehrten Weg gehen: Ziel ist nicht die Überwindung historischer Trennung, sondern der gemeinsame Entwurf des Christlichen. Dafür haben die konfessionellen Zweige ihre je eigenen Stärken und Schwächen einzubringen. Trennendes steht somit nicht im Vordergrund, sondern das gemeinsame Ziel, das Christliche in seiner Vielfalt mit einem zukunftssicheren Antlitz zu versehen. Lehre spielt hierbei durchaus eine Rolle, aber keine exklusive. Dies möchte ich kurz anhand der Potentialität, die Bilder im ökumenischen Dialog haben könnten, erklären.
3. Das Potential: Bilderkraft als Chance
Die ökumenische Landschaft befindet sich in einem massiven Umbruch. Das Paradigma, mit dem Dialoge und insbesondere Lehrgespräche in den vergangenen gut 100 Jahren geführt wurden, ist an sein Ende gekommen. Der rückwärtsgewandte Fokus traditioneller auf konfessionelle Identität gerichtete Ökumene kann mit den gegenwärtigen Anforderungen nicht Schritt halten und die Herausforderungen der Zukunft nicht angehen. Besonders die Konzentration ökumenischer Dialoge auf Trennendes und hierbei vornehmlich auf theologische Texte hindert daran, neue christliche Akzente zu setzen. Ökumene erstarrt dann in Sprachspielen und – auch das ist nicht zu unterschätzen – in einer Bildhaftigkeit, die gefangen bleibt im eigenen Verstehenshorizont, sei dieser konfessioneller oder eher kultureller Art. Die Sprachwelt konfessioneller Theologie im ökumenischen Kontext bleibt dann oftmals nur innerkonfessionell anschlussfähig und reproduziert Sprachbilder, um die eigene Identität vermeintlich zu erhalten.
Im Reflexivwerden eben dieser immer schon in Sprachbildern kodierten Sicht des Eigenen und des Anderen sehe ich die Chance einer bildhermeneutisch verankerten ökumenischen Theologie. Der Iconic Turn ist dabei nach meinem Ursprungsbefund noch nicht in der ökumenischen Landschaft angekommen. Dies ist allerdings auch in der wissenschaftlichen Theologie insgesamt noch nicht durchgängig der Fall. Im protestantischen Bereich ist besonders Malte Dominik Krüger und seine 2017 erschienene Studie Das andere Bild Christi. Spätmoderner Protestantismus als kritische Bildreligion8 zu nennen. Die Potentiale bildhermeneutischer Theologie sind somit nicht nur für die Ökumene, sondern für die gesamte Theologie noch nicht annähernd ausgeschöpft, sondern befinden sich allenfalls in der Formierungsphase. Gerade die Gründung des Netzwerks zum Iconic Turn in den christlichen Konfessionen ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg, bildhermeneutische Ansätze in konfessioneller Kooperation voranzubringen.
Speziell für die Ökumene sehe ich den Zugang über Bilder mit ungeheuren Potentialen versehen, die genau auf die Desiderate reagieren könnten, die unter dem zweiten Punkt erwähnt wurden. Im Folgenden beziehen sich meine Ausführungen aus protestantischem Blickwinkel auf die von Malte Dominik Krüger gelegten und weiter ausgebauten Grundlagen.9 Zusätzlich sei meine Darstellung als erstes Andenken verstanden, wie Ökumene nach dem Iconic Turn und unter Zuhilfenahme seiner Möglichkeiten aussehen könnte. Ich beschreibe hier also Zielvorstellungen, nicht die Realität des Standes ökumenischer Theologie.
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Ökumenische Theologie orientiert ihre Arbeit zumeist an den biblischen Texten, die allen christlichen Konfessionen als Bekenntnis- und Glaubensgrundlage dienen. Es bedarf keines spezifischen Schriftbezugs, um die Bibel als Basis für christliche Kommunikation anzusehen. Gerade die Geschichten der Bibel transportieren ihr Anliegen aber in höchst bildhafter Weise. Dabei muss noch nicht einmal an konkrete Darstellungsformen wie etwa in der Johannesapokalypse gedacht werden. Bereits die Vorstellungen von Auferstehung und Ostern stellen höchst unterschiedlich vorgestellte, jedoch immer bildhaft verstandene Formen von Erzählungen dar. Malte Dominik Krüger hat dies für die Ostererzählung und die Figur Jesu Christi allgemein aufgezeigt.10
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Bildhaftigkeit umfasst nicht nur darstellende Bilder, sondern auch die Bildhaftigkeit der Sprache. Die bewusste Anwendung bildhermeneutischer Verfahren in der Ökumene würde daher ein Doppeltes bewirken: Einerseits ließen sich eigene Bilder als ge-bild-et erweisen, also als selbst produzierte innere Bilder, die auf äußere Bildsprache reagieren. Dadurch käme das Produziertsein konfessioneller Vorstellungen zum Bewusstsein, was die je eigene Position im Verhältnis zur je anderen relativiert und als eine unter anderen entlarvt. Andererseits ermöglicht das Wissen um das Konstruiertsein konfessionsspezifischer Überzeugungen auch umgekehrt den Schritt hin zur gemeinsamen Dekonstruktion von Vorstellungen, um im Nachvollzug des Geneseprozesses von Konfessionsbesonderheiten Wegmarken zu erkennen und bewusst bei ihnen anzuknüpfen. Anders formuliert ermöglicht das schrittweise Rückwärtsbewegen von der Endgestalt konfessioneller Formung auf ihr Genesezentrum, Orte auszumachen, die ökumenisches Potential in sich tragen.
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Die Ökumene lebt nicht nur vom theologischen Austausch, sondern von der Beziehungsarbeit der Dialogpartner:innen. Insofern sind auch gemeinsame Feier und zusammen verantworteter Gottesdienst wichtige Faktoren, um Gesprächen die richtige Richtung zu verleihen. Diese Dimension gemeinsamen Lebens als Christ:innen hat auch in den protestantischen Kirchen deutlich an Gewicht gewonnen. Malte Dominik Krüger hat diesen Umstand ebenfalls bildtheoretisch eingeholt: „Die längst auch in der evangelischen Gottesdienstkultur und Kirchenleitungsrealität praktizierte Einsicht, dass Sinn und Sinnlichkeit miteinander verschränkt sind, dass das Leiblich, Rituelle und Kultische nicht bloß entbehrliches Beiwerk sind und dass eine gute, bewusste Inszenierung in der Tradition Jesu unumgänglich ist, verweisen darauf, dass man die Herausforderung auch faktisch anerkennt.“11 In diesem Falle mag die ökumenische Umgangskultur sogar der kirchlichen Realität ein wenig voraus sein. In den theoretischen Reflex ist das praktische Verfahren jedoch noch kaum bis überhaupt nicht eingeholt. Anstelle des rein theologischen Dialogs könnte die dialogbegleitende Atmosphäre selbst somit zum Dialoggegenstand werden und von hier her nochmals ganz anders ökumenische Sichten eröffnen.
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Bildhaftigkeit lebt von dem Mit- und Ineinander äußerer und innerer Bilder. Krüger spricht davon, dass das „Sein des Bildes […] in seinem Erscheinen“12 besteht. Dem inneren Bild korrespondiert ein äußeres und umgekehrt. Dies bedeutet für ökumenische Sachverhalte im Besonderen, dass ein identisches äußeres Bild vorliegen kann, dem eine – konfessionell bedingte – differente innere Bildhaftigkeit antwortet. Oder aber umgekehrt, dass bei unterschiedlichem (Sprach-)Bild ein inneres Bild vorliegen kann, das trotz differentem äußeren weite Überschneidungen aufweist. Dies ist insofern besonders interessant, als sich kontroverstheologische Probleme als gegenstandslos oder andererseits als noch gar nicht entdeckt erweisen könnten. Eine Selbstaufklärung über die eigene Sprachbildsicht würde hier – im dialogischen Erkunden – ökumenische Sachverhalte neu ordnen.
Nimmt man den Gesamtzusammenhang der ökumenischen Herausforderungen in den Blick, so muss Ökumene weniger dogmatisch, kulturoffener und vor allem innovationsfreudiger werden. Ökumenische Gespräche dürfen nicht den Ausgang ihres Zustandekommens bereits zu Beginn mitsetzen, sondern sollten das Potential ökumenischer Themen auch abseits der unmittelbaren Lehrbestände erkunden. Dafür sollte Ökumene die traditionsökumenische Rückwärtsgewandtheit gegen eine visionsökumenische Offenheit tauschen. Eine bildhermeneutisch basierte Methodik kommt dabei dem Anliegen einer Visionsökumene sehr entgegen. Sie ist schon vom Grundsatz her selbstreflektiert und denkt die Genese eigener Anschauung stets mit, so dass eine ökumenisch defensive Grundhaltung logische Konsequenz eines Zugangs über das Bild darstellt. Zudem haben Bilder die zumeist größere Kraft als reine theologische Lehrbestände. Die produktive Einbildungskraft bildhaften Zugangs kann daher ökumenische Übereinstimmung konstruktiv wachsen lassen oder anders gesagt: selbst konstruieren. Ökumene verabschiedet sich dann von einem Einholen eines gewünschten Zukunftszustands und gestaltet christliches Leben aktiv selbst. Das ökumenische Paradigma, Trennendes überwinden zu wollen, weicht damit dem christlichen Verantwortungsauftrag, christliche Einheit, die immer schon von Gott gegeben und nie menschlich zu erreichen ist, zu leben. Dies schließt Diskurs und Kontroverse gerade nicht aus, sondern hochgradig ein. Dennoch darf sich ökumenische Kraft vermittelt über die Kraft christlicher Bilder dann frei entfalten und muss sich nicht schon im Beginnen durch jahrhundertealte Traditionen gehemmt wissen. Wenn Ökumene heute das bewirken möchte, was sie im vergangenen Jahrhundert als christliche Innovationskraft angeschoben hat, so muss sie heute wandlungsoffen sein und neuen Herausforderungen von sich aus entgegengehen. Christliche Bildhermeneutik könnte hierfür ein entscheidender Katalysator sein.
Literaturverzeichnis
Dienstbeck, Stefan, Ein ökumenischer Meilenstein. Die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ im Spiegel gegenwärtiger ökumenischer Herausforderungen, in: Bernd Oberdorfer/Thomas Söding (Hg.), Wachsende Zustimmung und offene Fragen. Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre im Licht ihrer Wirkung (Quaestiones disputatae; 302), Freiburg i. Br. 2019, S. 13–34.
Dokumente wachsender Übereinstimmung. Sämtliche Berichte und Konsenstexte interkonfessioneller Gespräche auf Weltebene, Bd. 1–3, hg. v. Harding Meyer u. a., Frankfurt a. M./Paderborn, 1983/1990/2001.
Vgl. den einschlägigen Band, der als Startschuss für Receptive Ecumenism gewertet werden kann: Murray, Paul D. (Hg.), Receptive Ecumenism and the Call to Catholic Learning. Exploring a Way for Contemporary Ecumenism, Oxford 2008.
Root, Michael, The Individual Theologian and Ecumenical Engagement: Case Studies on Being, Grace, and Love, in: Pekka Kärkkäinen/Olli-Pekka Vainio (Hg.), Apprehending Love. Theological and Philosophical Inquiries, Helsinki 2019, S. 228–251. Beispielhaft seien darüber hinaus zwei Sammelbände aus dem Bochumer ökumenischen Institut genannt: Klein, Rebekka A. (Hg.), Gemeinsam Christsein. Potentiale und Ressourcen einer Theologie der Ökumene für das 21. Jahrhundert, Tübingen 2020 sowie: Klein, Rebekka A./Teuchert, Lisanne (Hg.), Ökumene in Bewegung. Neue Perspektiven der Forschung, Leipzig 2021.
Vgl. hierzu besonders die Bestandsaufnahme, die 2021 von Seiten des Instituts für Ökumenische Forschung in Strasbourg (Frankreich) festgehalten wurde: Dienstbeck, Stefan/Schuegraf, Oliver/Wasmuth, Jennifer, Die neue ökumenische Unübersichtlichkeit, in: Ökumenische Rundschau 70/2 (2021), S. 126–136. Im Folgenden beziehe ich mich auf diesen Beitrag, der eine ‚Großwetterlage‘ der ökumenischen Situation festzustellen versucht.
Vgl. hierzu die Betrachtungen des Verfassers zur aktuellen Bedeutung von Ökumenedokumenten am Beispiel der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre: Dienstbeck, Stefan, Ein ökumenischer Meilenstein. Die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ im Spiegel gegenwärtiger ökumenischer Herausforderungen, in: Bernd Oberdorfer/Thomas Söding (Hg.), Wachsende Zustimmung und offene Fragen. Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre im Licht ihrer Wirkung (Quaestiones disputatae; 302), Freiburg i. Br. 2019, S. 13–34 sowie: Ders. Persona non grata? Das Christusbild der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre, in: Tamás Fabiny (Hg.), Lutherische Kirche in der Welt. Jahrbuch des Martin-Luther-Bundes 69 (2022/2023), Erlangen 2023, S. 27–39.
Vgl. Taylor, Charles, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt a. M. 2012.
Vgl. Dienstbeck, Stefan, Ökumenischer Dialog 2.0? Anfragen an Methodik und Zielvorstellungen Ökumenischer Theologie angesichts neuer Herausforderungen, in: Rebekka A. Klein/Lisanne Teuchert (Hg.), Ökumene in Bewegung. Neue Perspektiven der Forschung, Leipzig 2021, S. 59–74, hier: S. 66–68.
Krüger, Malte Dominik, Das andere Bild Christi. Spätmoderner Protestantismus als kritische Bildreligion, Tübingen 2017.
Auf die ökumenischen Potentiale von Krügers Arbeit habe ich bereits 2018 verwiesen in meiner Rezension zu Krügers Studie in: Dienstbeck, Stefan, Rezension zu: Malte Dominik Krüger, Das andere Bild Christi. Spätmoderner Protestantismus als kritische Bildreligion, in: Evangelische Theologie 78/6 (2018), S. 477–480.
Vgl. Krüger, Das andere Bild Christi, S. 560.
Krüger, Malte Dominik, Auf Augenhöhe. Evangelische Theologie nach dem „iconic turn“, in: Praktische Theologie 55/3 (2020), S. 133–139, hier: S. 139.
Ebd., S. 136.