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Neid oder Klugheit?

Die Bewertung von Affekt und Sozialverhalten in gelehrtenkritischen Dissertationen der Frühen Neuzeit

Envy or Prudence?

The Evaluation of Affect and Social Behaviour in the Anti-scholarly Dissertations of Early Modernity
in Daphnis
Autor:in:
Robert Seidel Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik, Johann Wolfgang Goethe- Universität Frankfurt am Main Frankfurt am Main Deutschland

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Abstract

In academic thesis prints (dissertationes) from Early Modernity, questions of the appropriate or reprehensible behaviour of scholars were sometimes discussed. The debate on envy (invidia, also invidentia), which belongs among the mortal sins, is particularly interesting. On the one hand, writings on this topic are not always about the affect of envy, but sometimes also about being envied. The perspective on the persons concerned and thus also their moral judgement can therefore differ. On the other hand, invidia can also be interpreted in a broader sense as cautious prudence (prudentia) and then evaluated positively, for example if you withhold knowledge because you fear it could be misused. Some authors even consider invidia to be synonymous with aemulatio and see ‘envy’ of others as an incentive to improve one’s own performance. The article analyses several writings on the subject. At the centre is the disputation on ‘permissible’ envy (De licita eruditorum invidentia) held in Rostock in 1718 under the presidency of Franz Albert Aepin, which triggered an exciting debate. The historical context of the disputations is also considered. Therefore texts by René Descartes, Christian Thomasius and Gottlieb Spizel are discussed.

Abstract

In den akademischen Thesendrucken (dissertationes) der Frühen Neuzeit wurden bisweilen Fragen des angemessenen oder tadelnswerten Verhaltens der Gelehrten selbst diskutiert. Als besonders interessant erweist sich dabei die Debatte über den Neid (invidia, auch invidentia), der eigentlich unter die Todsünden zu rechnen ist. Einerseits geht es in den Schriften zu diesem Thema nicht immer um den Affekt des Neides, sondern bisweilen auch um den Umstand des Beneidetwerdens. Die Perspektive auf die betroffenen Personen und so auch deren moralische Bewertung kann also differieren. Andererseits kann invidia auch in einem erweiterten Sinne als vorsichtige Klugheit (prudentia) interpretiert und dann positiv gewertet werden, etwa dann, wenn man eigene Kenntnisse zurückhält, weil man fürchtet, diese könnten missbraucht werden. Manche Autoren wiederum fassen invidia als synonym zu aemulatio auf und sehen im ‘Neid’ auf andere einen Ansporn zur Steigerung der eigenen Leistung. Der Beitrag wertet mehrere Schriften zum Thema aus. Im Zentrum steht die unter dem Präsidium von Franz Albert Aepin 1718 in Rostock abgehaltene Disputation über den ‘erlaubten’ Neid (De licita eruditorum invidentia), die eine spannende Debatte auslöste, welche ebenfalls dokumentiert wird. Beachtet wird auch der mentalitätsgeschichtliche Kontext der Disputationen, weshalb ein Blick auf Texte von René Descartes, Christian Thomasius oder Gottlieb Spizel geworfen wird.

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