Abstract
This introductory article examines early modern letter-writing in its ambiguous state between private and public communication by providing a few historical and systematic perspectives. From a historical point of view, it can be shown how several humanists tried to outline some characteristics of the public letter with regard to the traditional distinction between public speech and private conversation. The new opportunities marked by the printing press also raised new potentials for writing and publishing letters in terms of a libertas epistolaris. From a systematic point of view, public letter-writing relates to other genres, media and practices. This article therefore aims to distinguish several categories, i. e. rhetoricity and literariness, authenticity and fictionality, exclusiveness and popularity, materiality and mediality. Lastly, the special focus on the public dimensions of letter-writing might help to reconsider general assumptions about its subjectivity and spontaneity since the middle of the eighteenth century.
Die Bestimmung dessen, was ein Brief sei, gehört seit langem zu den Topoi der entsprechenden literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung. Aus gattungstypologischer Sicht fällt eine Bestimmung vor allem deshalb so schwer, weil Briefe unweigerlich das problematische Verhältnis von öffentlicher und privater Kommunikation aufrufen. Die grundlegende Definition des Briefs als â[s]chriftliche Mitteilung an einen abwesenden Empfängerâ1 bietet nur einen ersten pragmatischen Eingrenzungsversuch. Daneben werden Briefe wahlweise bestimmt als âein Behältnis für Informationenâ2 (im Sinne der überholten Container-Metapher), als Medium oder Medienformat, als âKommunikationsformâ3 oder Kommunikationsangebot, âals literar[ische] Gattung und als Verständigungsmittelâ4 oder eher abstrakt als âDenkformâ.5 Mit der Unterscheidung zwischen privatem Brief und öffentlichem Brief, private letter und public letter oder lettre familière und lettre publique versucht die Literaturwissenschaft daher und jenseits von nationalkulturellen Besonderheiten, den genuinen kommunikativen Merkmalen von Briefen gerecht zu werden.6 In diesem Zusammenhang wird der âPrivatbriefâ in seiner (vermeintlich) modernetypischen, âalltäglichenâ Verwendungsweise nicht selten vom âBrief als Kunstproduktâ separiert, etwa um âdie Untersuchung des Nachlasses einer historischen Persönlichkeitâ voranzubringen.7 Allerdings ergeben sich immer wieder konzeptuelle und analytische Probleme, sobald es darum geht, epistolare Ãbergänge und Mischformen zwischen Privatem und Ãffentlichem beobachtbar zu machen.
Die historischen Voraussetzungen dieses Problemzusammenhangs sind ebenso wie seine kritische Reflexion in der Frühen Neuzeit zu suchen. Zwar sind die antiken âVor- und Frühformen Offener Briefeâ8 etwa für Isokrates und das vierte vorchristliche Jahrhundert belegt; doch erst mit dem Beginn des Druckzeitalters und dem Nebeneinander von Handschriften-, Buch- und Nachrichtenkultur ergibt sich zeitgenössisch überhaupt die Notwendigkeit, verstärkt über Kategorien des Ãffentlichen und Privaten sowie über die âRaum-Zeit der Anwesenheitskommunikationâ und die âSynchronisation unter Abwesendenâ nachzudenken.9 Mit Blick auf die definitorische, gattungshistorische Eingrenzung des Briefs fasst Christian Weise diese Ausgangslage 1691 paradigmatisch so zusammen: âDEr Brieff heist ingemein Sermo absentis ad absentem, eine Rede/ die ein Abwesender/ gegen einen Abwesenden zu halten pfleget. Drum soll sich die Kunst mit den Briefen so weit erstrecken/ als die gesamte Redens-Kunst.â10 Zusätzlich zur Frage, ob die Kommunikation gegenüber An- oder Abwesenden erfolgt und ob es neben dem konkreten Empfänger womöglich noch weitere Adressaten gibt, unterscheidet Weise âzwey Gattungenâ von Reden und zielt dabei auf deren Reichweite: âetliche werden vor einer grossen Versammlung gehalten/ etliche werden nur ins geheim auff einen guten Freund gerichtet.â11 Diese Begründung mithilfe rhetorischer Prämissen steht in der Tradition der Brieflehren und der Ars dictaminis und sorgt für eine Verbindung von gattungstypologischen und funktionsgeschichtlichen Perspektiven. Und obwohl Weise darauf bedacht ist, âdie Episteln mehr auff Sermones privatos, als auff öffentliche Orationes zu ziehenâ,12 gibt es eine Fülle von Briefen und epistolaren Projekten, die jenseits von persönlichen, kasualen und anlassbezogenen Formulartechniken ebenjene breite Ãffentlichkeit suchen und ihre Adressierungsstrategien, Schreibintentionen und Darstellungsverfahren danach ausrichten.
Dass sich Brief oder Briefkultur und Ãffentlichkeit nicht ausschlieÃen, gehört seit langem zu den unbezweifelten Grundannahmen der Briefforschung.13 Der Brief als Form ist nicht auf das âwechselseitige Gespräch abwesender Freundeâ beschränkt, um die prominente Definition des Erasmus von Rotterdam aufzugreifen,14 er muss nicht zwingend privat, exklusiv oder persönlich und schon gar nicht authentisch oder bekenntnishaft sein.15 Geläufige Beispiele wie der antike Lehrbrief (Seneca, Epikur),16 die Apostelbriefe des Neuen Testaments,17 Schillers Briefe Ãber die ästhetische Erziehung des Menschen,18 um nur die bekanntesten zu nennen, belegen das ebenso deutlich wie die alltäglichen Gebrauchsformen des Leserbriefs oder des offenen Briefs.19 Besonders das 18. Jahrhundert hat neben einer nie dagewesenen privaten Briefkultur auch eine groÃe Menge an Reise- und Mitteilungsbriefen, Brieftraktaten, lehrhaften Brieffolgen und fingierten Briefwechseln hervorgebracht.20 Aber selbst private Briefe wurden seit der Antike meist einem Schreiber diktiert und am Bestimmungsort laut vorgelesen.21 Sie wurden oft weitergegeben, kopiert, exzerpiert und annotiert.22 Generell legt die Materialität auch des privaten Briefs, im Gegensatz etwa zum Gespräch, die Möglichkeit nahe, dass er nicht nur von einer Person gelesen wird und womöglich in ein Archiv oder eine Edition eingeht.23 Von manchen Briefschreibenden weià man, dass sie private Briefe an konkrete Personen schon mit Blick auf mögliche Publizität geschrieben haben.24 So gehörte es zum Selbstverständnis sowie zur gelehrten und sozialen Praxis der Humanisten, ihre Briefe in oft umfangreichen Sammlungen zu veröffentlichen.25 Grundsätzlich also lässt sich dem Brief bis in die jüngste Forschung hinein eine âhybride Stellung [â¦] auf der Achse von Privatheit, Halböffentlichkeit und Ãffentlichkeitâ attestieren.26
Ausgehend von diesem Befund widmet sich das vorliegende Doppelheft des Daphnis jener Textmenge, die heuristisch als Briefpublizistik der Frühen Neuzeit gefasst werden soll. Der Beobachtungszeitraum ist hierbei bewusst weit gewählt. Die hier versammelten Fallstudien reichen vom 16. bis zum späten 18. Jahrhundert und exemplifizieren insofern auch die vieldiskutierten Transformationsphasen, die das begriffs- und konzeptgeschichtliche Verhältnis von Ãffentlichkeit und Privatheit durchläuft. Der historische Rahmen wird ergänzt von einer systematischen Perspektive, die sich auf die unterschiedlichen Ausprägungen des Briefeschreibens und -publizierens als soziale Praxis konzentriert. In dieser Hinsicht kommen nicht nur die verfassten Texte, sondern auch die Akteure, ihre Handlungen und die von ihnen hervorgebrachten Artefakte in Betracht.27
Die folgenden Ãberlegungen behandeln einerseits einige zentrale gattungshistorische und âtypologische Fragen. Sie beschäftigen sich mit der unklaren Trennung von öffentlichen und privaten Briefen, dem Verhältnis zu Rede und Gespräch sowie mit der Nähe zu freien essayistischen Formen und den Vorzügen einer libertas epistolaris. Andererseits lassen sich ausgehend von dieser gattungs- und funktionsgeschichtlichen Perspektive weitere Kategorien festlegen, mit denen die Problemfelder der frühneuzeitlichen Briefkultur abgesteckt und zumindest versuchsweise systematisiert werden können. Dazu zählen â mit Rücksicht auf die in diesem Band zusammengestellten und anhand ihrer Gegenstände zumeist chronologisch sortierten Einzelstudien â insbesondere Rhetorizität und Literarizität, Authentizität und Fiktionalität, Exklusivität und Popularität sowie Materialität und Medialität.
1 Brief und Ãffentlichkeit. Gattungshistorische und -typologische Vorbemerkungen
Grundsätzlich verfügte schon die Antike über ein breites Spektrum epistolarer Formen mit ganz unterschiedlichem Adressaten- oder Publikumsbezug.28 Die Ãbertragung der Kategorien âprivatâ und âöffentlichâ bereitet jedoch Probleme. Dementsprechend wird der Unterschied zwischen Privatbrief und literarischem, veröffentlichtem Brief hier noch als âflieÃendâ eingeschätzt.29 Die âmoderne Scheidung zwischen âechtemâ Brief und âKunstbriefâ bzw. âEpistelââ, so Herwig Görgemanns, zielt an den âantiken Gegebenheitenâ vorbei.30 Die bekannten Briefsammlungen Ciceros und Pliniusâ d. J. gelten als kanonische Meisterwerke der antiken Literatur. Senecas Epistulae morales ad Lucilium bilden ein frühes Musterbeispiel für philosophische Briefe31 bzw. Lehrbriefe und damit für die literarisch-publizistische Verwendung der Briefform. Verfasser und Empfänger sind zwar reale Personen, gleichwohl handelt es sich nach derzeitigem Kenntnisstand nicht um zunächst private, erst später dann veröffentlichte Briefe, sondern von Beginn an um literarische Texte für ein breites Publikum. Ciceros Briefsammlungen und Senecas Lehrbriefe markieren zwei verschiedene Arten des öffentlichen Gebrauchs von Briefen in der Antike, denen die Versepistel und der Heldenbrief,32 der Widmungsbrief,33 der Offene Brief34 und der vollständig fingierte Brief zur Seite standen.35
Auch für die Frühe Neuzeit ist die Unterscheidung âöffentlich vs. privatâ nicht konsequent anzuwenden.36 Selbst da, wo Briefe nicht für den öffentlichen Gebrauch bestimmt waren, wäre es voreilig, den MaÃstab des heutigen Privatbriefs anzulegen. Wie in Antike und Mittelalter unterlag die Konzeption und Niederschrift von Briefen rhetorischen Vorgaben, wie sich in der reichen Anleitungsliteratur zeigt.37 Gerade die mittelalterliche Ars dictaminis hatte den Aufbau des Briefs analog zur Rede in ein fünfgliedriges Schema formalisiert.38 GroÃes Gewicht wurde Anrede und GruÃformel beigemessen, entsprechende Anweisungen können aus heutiger Sicht kurios wirken. Auch in frühneuzeitlichen Briefstellern wie dem erfolgreichsten Exemplar der Gattung, dem Opus de conscribendis epistolis (1522) des Erasmus von Rotterdam, wurden Briefe nicht etwa nach privater oder öffentlicher Adressierung unterschieden, sondern hinsichtlich ihrer Gegenstände, Topik und Pragmatik, die häufig von den drei Redesituationen der klassischen Rhetorik hergeleitet wurden.39 Als ideale Stilprinzipien galten rhetorisch bestens belegte Kategorien wie Kürze (brevitas), Durchsichtigkeit (perspicuitas) und ganz generell Angemessenheit (decorum).40
Ansätze zu einer Abgrenzung von öffentlichem und privatem Briefgebrauch sind in der Frühen Neuzeit allerdings vorhanden. Sie verläuft entlang der von Weise angeführten Unterscheidung zwischen Gespräch und Rede. Zu den Eigenheiten des humanistischen Briefs und der entsprechenden Brieflehre bzw. -topik gehört eine gewisse Tendenz zur Entrhetorisierung. Sie beginnt, zunächst bei Petrarca,41 mit der Privilegierung des Freundschaftsbriefs als eines âGesprächsâ anstelle einer Rede, besonders im Anschluss an Cicero.42 Auf dieser Grundlage stuft dann beispielsweise Erasmus von Rotterdam in seiner Brieflehre von 1522 Briefgenres wie die Heroidendichtung oder die Briefe Platos und Senecas eher als âkleine Redeübungenâ (âdeclamatiunculaeâ) denn als Briefe ein.43 Andere Briefe wie offizielle Schreiben an wichtige Persönlichkeiten könne man gar als âRedenâ klassifizieren. âDennâ, heiÃt es weiter, âin diesem Fall vertritt der Brief nicht die Stelle eines Gesprächspartners oder Boten, sondern die eines Redners.â44 Dagegen lasse sich der Freundschaftsbrief, in dem âvon Privatangelegenheitenâ (âpriuatis de rebusâ) die Rede sei, als âWechselrede zwischen Freunden in Abwesenheitâ (âabsentium amicorum quasi mutuus sermoâ) beschreiben.45 Mit dieser bekannten Definition wendet sich Erasmus, ganz zeittypisch,46 gegen die rhetorische Vereinnahmung des Briefs seit der Antike. Er stellt sich in die Nachfolge Ciceros, der den Brief mit Vorliebe als Gespräch bestimmt.47
Der Bestimmung des Briefs als Gespräch korrespondiert ein weiterer zentraler Topos der antiken und frühneuzeitlichen Brieftheorie, der auch für die âuneigentlicheâ Verwendung der Briefform von Bedeutung ist: die Ungezwungenheit oder Spontaneität in Aufbau und Stil.48 Hier liegt ohne Zweifel eine wichtige Wurzel für die seit dem 17. Jahrhundert stark zunehmende Verwendung der Briefform in Traktaten, Betrachtungen und Essays. Der Topos von einer spezifischen âFreiheitâ des Briefs von strikten Regeln scheint zunächst im Widerspruch zu stehen zu den zahlreichen Bemühungen seit der Antike, die Gattung des Briefs zu definieren und zu formalisieren. Er ist aber nicht wörtlich zu nehmen und bezeichnet schon bei Cicero und Seneca einen bestimmten Habitus des Schreibenden, der sich in entsprechenden Stilmerkmalen artikuliert. Einmal mehr dient dabei das mündliche Gespräch als Muster. So verteidigt Seneca zu Beginn des 75. Briefs an Lucilius seine Schreibweise gegen den Vorwurf mangelnder Sorgfalt, der seinem Briefpartner in den Mund gelegt wird.49 In einem bekannten Bild vergleicht er dann seine Briefe mit einem Gespräch, während man zusammensitze oder gemeinsam spazieren gehe. Sie sollten eben nicht künstlich und gesucht sein, sondern âunangestrengt und leichtâ (âinlaboratus et facilisâ).50
Hier konnte die humanistische Brieflehre in ihrer Präferenz für den Brief als Gesprächsersatz anschlieÃen. Erasmus arbeitet im Opus de conscribendis epistolis zwar noch gewissenhaft die Kapitel Anrede, Gruà und Wortwahl ab; die dann folgende breite Ãbersicht der verschiedenen Brieftypen lässt jedoch schon die enorme Vielfalt des Genres hervortreten, die das Vorhaben einer strengen Reglementierung unterläuft.51 Im Kapitel De ordine epistolari, in dem auch das vielzitierte Wort von der âbrieflichen Freiheitâ (âillam libertatem epistolaremâ) fällt,52 wägt Erasmus das Verhältnis zwischen dem Brief und der forensischen Rede ab und zieht daraus Konsequenzen für die inventio: Der Aufbau (ordo) des Briefs sei häufiger von der Natur als von der Kunstfertigkeit bestimmt.53 Das Plädoyer für Natürlichkeit, das in der Geschichte der Brieftheorie untrennbar mit dem Namen Gellert verbunden ist, zuvor aber auch schon in der galanten Bewegung angestimmt wurde, hat hier, wie überhaupt im Gesprächsvergleich, einen frühen Vorläufer.54 An anderer Stelle, gerade dort, wo Erasmus seine berühmte Definition des persönlichen Freundschaftsbriefs als eines wechselseitigen Gesprächs formuliert, hebt er auch die Vielfalt möglicher Themen hervor, die ein solcher Brief enthalten könne.55
Dass für die Zwanglosigkeit des Briefeschreibens sowohl Cicero wie auch Seneca als Gewährsleute stehen können, zeigt sich am Ende des Jahrhunderts bei Justus Lipsius. In der Epistolica Institutio (1591) hebt er am Briefeschreiben den Verzicht auf strikte Ordnung, die spontane Bewegung der Gedanken und die unnötige Kapiteleinteilung hervor. Als Vorbild dient Lipsius dabei einmal mehr das Gespräch. Unter Berufung auf Cicero fordert er einen eher nachlässigen (âincuriosumâ) und ungeordneten (âincompositumâ) Stil: âNec in Ordine quidem admodum laboro: qui optimus in Epistola, neglectus aut nullus. Vt in colloquiis incuriosum quidam & incompositum amamus: ita hic.â56 Analog dazu begründet Lipsius in der Vorrede zu den Epistulae morales im Rahmen seiner Seneca-Ausgabe (1605) die Entscheidung des Philosophen für die Briefform unter Verweis auf die darin übliche âfreie Schreibartâ (âratio scribendi liberaâ), die lockere Disposition und die Offenheit der Themenwahl:
Epistolas has ita scripsit, & inscripsit: non quia verae sint, & assidue sic missae: non ego arbitror: sed placuit titulus & ratio scribendi libera, in qua incipias, desinas cum lubet; inseras, varies, vt lubet; neque adstringeris ad ordinem aut materiem certam. Est velut silua quaedam rerum, & miscellanea argumenta: etsi Philosophiae tamen finibus clausa.57
âDiese Briefe schrieb und überschrieb er, wie ich glaube, auf diese Weise, nicht weil sie echt sind und im Alltag so geschickt wurden; sondern weil ihm der Vorwand und die freie Schreibart gefielen; in ihr kannst Du anfangen und aufhören, wie es beliebt, Du kannst einfügen und abwechseln, wie es Dir gefällt; Du bist an keine bestimmte Ordnung oder Materie gebunden. Er ist wie so ein Wald von Dingen und ein Gemengsel von Gegenständen, bleibt dabei aber doch eingehegt innerhalb der Grenzen der Philosophie.â
Es sind gerade diese Eigenschaften des Briefs, gewonnen zunächst am Briefoeuvre Ciceros und verifiziert an Senecas Epistulae, die ihn auch geeignet erscheinen lassen, Betrachtungen über ganz verschiedene Themen ohne eine schematische Disposition in Kapitel oder Paragraphen anzustellen. Die postulierte Nähe zum Gespräch, wie sie noch bei Gellert im Mittelpunkt steht, verhindert einen allzu akademischen oder gelehrten Duktus und verpflichtet zur Kürze, zum einfachen Stil. Sie ermöglicht auch durchaus persönliche Akzente. Funktionale und stilistische Ãhnlichkeiten ergeben sich hier zum Essay, der unter dieser Bezeichnung zwar erst von Montaigne und Bacon eingeführt wird, de facto aber seit der Antike (so etwa auch bei Plutarch) existiert.58 Tatsächlich nennt Francis Bacon Seneca schon 1612 in einer Vorrede zu seinen Essays als Vorläufer und dessen Epistulae morales als eine frühe Form von Essays. Diese definiert er als âcertaine breif notes, sett downe rather significantlye, then curiously, which I have called Essaiesâ. Er fährt fort: âThe word is late, but the thing is auncient. For Senecas Epistles to Lucilius; yf one marke them well, are but Essaies, â That is dispersed Meditacions, thoughe conveyed in the forme of Epistles.â59
In der Brieftheorie des Barock schlägt sich dieser Funktionswandel gegenüber der Renaissance zumindest am Rande nieder. Nach wie vor fehlt eine dezidierte Poetik des öffentlichen Briefs, es finden sich aber vereinzelte Bemerkungen dazu, so etwa bei Georg Philipp Harsdörffer.60 Im Teutschen Secretarius (2. Aufl. 1656) führt er neben Freundschaftsbriefen und anderen Genres wie Geschäfts-, Lobâ, Trost-, Mahn- oder Bittbriefen auch âNachsinnige Juristische[,] Historische und Philosophische Briefe von seltnem Innhaltâ auf.61 Plato, Xenophon, Cicero und andere dienen als Vorbilder, aus neuerer Zeit Bembo und Erasmus. Die brieftheoretischen Voraussetzungen entfaltet Harsdörffer schon vorher, im dritten Teil über die Lehr-, Klag-, Trost- und Bittbriefe. Einmal mehr ist es der Vergleich zwischen Brief und Gespräch, der die genauere Bestimmung der Briefform und ihrer Vorzüge illustriert. Wie das Gespräch (es heiÃt zunächst âRedeâ im Sinne von âsermoâ nach der bekannten Briefdefinition des Erasmus) könne der Brief alle nur erdenklichen Inhalte aufnehmen, er umfasse dabei alle âgeistlichen und weltlichen Sachenâ.62 Ferner sei, wie im mündlichen Gespräch, so auch beim Briefeschreiben keine allzu groÃe Mühe auf geschliffene Formulierungen zu verwenden.63
Die praktischen Konsequenzen aus diesen Ãberlegungen zum philosophischen Lehrbrief, Brieftraktat oder Briefessay zog in aller Breite erst das 18. Jahrhundert. Von Georg Steinhausen in seiner Briefgeschichte (1891) schon als âJahrhundert des Briefsâ apostrophiert,64 hat die Zeit seit 1700, insbesondere seit 1740, auch eine unvergleichliche Fülle an öffentlichen Briefen und Briefsammlungen hervorgebracht. Man kann mit Steinhausen durchaus von einer Mode sprechen.65 Im Zeitalter der âschönen Wissenschaftenâ und âschönen Literaturâ wusste man die von Erasmus, Lipsius und Bacon hervorgehobenen Vorzüge der Briefform, sei es die thematische Offenheit, die zwanglose Gedankenführung (im Gegensatz zur systematischen Abhandlung) oder den lockeren, am Gespräch orientierten Stil, besonders zu schätzen.66 Aufschlussreich ist eine Bemerkung, die der bekannte Satiriker Gottlieb Wilhelm Rabener 1752 dem dritten Band seiner Sammlung satyrischer Schriften voranstellte. Darin erinnert er zuerst daran, wie man noch unlängst âüber den Mangel deutscher Briefe klagteâ, fügt aber dann gleich ironisch hinzu: âSeit einigen Jahren haben wir nicht mehr Ursache, über diesen Mangel uns zu beschweren. Wir sind nun mit Briefen und Briefstellern in ziemlicher Menge versorgt. Bald werden wir wünschen, daà unsre Landsleute sich mit einer andern Art von Witze beschäfftigen möchten.â67
Voltaires Briefe aus England, Lessings Literaturbriefe oder Herders Briefe zur Beförderung der Humanität sind nur die bekannteren Beispiele eines Genres, das die literarische Ãffentlichkeit des 18. Jahrhunderts entscheidend mitprägte und auch im 19. Jahrhundert nichts von seiner Attraktivität verlor.68 Zwar waren offene und fingierte Briefe schon ein fester Bestandteil der humanistischen und reformatorischen Epistolographie gewesen, wie etwa Luthers Sendschreiben und die berühmten Dunkelmännerbriefe eindrücklich belegen.69 Auch der Widmungsbrief wurde im 16. und 17. Jahrhundert häufig zum Ort für ausführliche Stellungnahmen zu gelehrten oder aktuellen (z. B. konfessionellen) Themen. Er vertrat dabei oft die Einleitung. Im 17. Jahrhundert erschienen bedeutende Dokumente des europäischen Denkens in Briefform, so etwa Pascals Lettres à un Provincial (1656/1657) oder Pierre Bayles Pensées diverses sur la comète (1682/1683). Aber erst das 18. Jahrhundert, das neben einer Erweiterung des Buchmarkts und einer enormen Vermehrung von Druckerzeugnissen auch ein reichhaltiges Angebot an nichtgelehrter volkssprachlicher Sachliteratur für ein breiteres Publikum schuf, hat der Gattung des öffentlichen Briefs, zunehmend auch in thematisch ausgerichteten Brieffolgen oder âsammlungen, zu buchhändlerischer und literaturgeschichtlicher Relevanz verholfen.70 Dass diese Mode nicht nur Begeisterung hervorrief, lässt sich denken. Angesichts einer wahren Flut von Briefeinlagen in Zeitschriften und Brieffolgen über verschiedenste Themen hat sich Rabener sehr boshaft geäuÃert, dabei aber in der ironischen Zuspitzung noch einmal auf die Eigenheiten der epistolaren Form in Abgrenzung von der gelehrten Abhandlung hingewiesen:
Es ist vielen unter unsern Deutschen sehr gewöhnlich, daà ihr Witz langsam und spat [!] erwacht; erwacht er aber auch einmal, so sind sie bis zum Ekel witzig. [â¦] Mit den Briefen gehet es uns eben so, und wir sind in Gefahr, bey dieser Art des Witzes noch mehr auszustehn, ie gewisser ein jeder glaubt, daà es sehr leicht sey, Briefe zu schreiben, und ie leichter es ist, aus allem, was man geschrieben hat, einen Brief zu machen. Mit Erlaubnià dieser meiner Herren Collegen, will ich hier die Kunst ihres Handwerks ein wenig verrathen. [â¦] Sie machen sehr tiefsinnige Abhandlungen von uralten Wahrheiten, jagen solche durch alle Fächer der Dialektik und Schulberedtsamkeit durch, machen dieses gothische Gewebe mit Sentenzen der Alten erbaulich, und mit schönen Sinnbildern anmuthig, und wenn sie endlich unter Mühe und Angst sechs Bogen zusammen gepredigt haben: so setzen sie darüber:
Hochedelgebohrner Herr,Hochzuehrender Herr, undvornehmer Gönner!den Augenblick wird dieses gelehrte Werk ein Brief!71
2 Systematisch-kategoriale Annäherungen und Inhalt des Bandes
Die diversen Anlassbezüge, Stilvorschriften und deren Unterscheidung nach der Ständeklausel und gesellschaftlichen Ordnung, die in den Briefstellern zusammenfinden, können hier nicht im Detail nachverfolgt werden. Sie untermauern allerdings â und dieser Aspekt ist für eine Systematisierung der Briefpublizistik wichtig â die unübersehbare Relevanz der Rhetorik als frühneuzeitlicher akademischer Disziplin. Bei dem für das 18. Jahrhundert gern postulierten âEnde der Rhetorikâ und einem parallel stattfindenden âAufstieg der Publizistikâ darf nicht auÃer Acht bleiben,72 dass sich dieser Vorgang insbesondere auf eine disziplinäre und wissenschaftsgeschichtliche Ausdifferenzierung bezieht und nicht unmittelbar auf das rhetorische Wissen, das lange einflussreich bleibt und von dem die populäre und populärwissenschaftliche Briefpublizistik nach 1800 noch profitiert. Mit der Rhetorizität der frühneuzeitlichen Briefkultur soll die Verfügbarkeit und Aktualisierung rhetorischer Wissensbestände bezeichnet werden, um die Verhältnisse von öffentlicher und privater sowie von mündlicher und schriftlicher Kommunikation â auch in ihrer jeweiligen Gradierung und Ãberlagerung â näher zu bestimmen und vor allem zu ordnen.
Ein Beleg hierfür sind die zahllosen Musterbriefe, die in den Briefstellern abgedruckt und nicht selten als âAbschriften von Originalenâ einer breiteren Ãffentlichkeit zugänglich gemacht werden.73 Die Vermittlung rhetorischen und gattungspoetologischen Wissens verläuft demgemäà über die Exemplarizität erfolgreich abgefasster Briefe. Dass es jedoch bei der frühneuzeitlich typischen Relationierung von lehrhaften Vorschriften (praecepta) und anschaulichen Beispielen (exempla) zu inhaltlichen Diskrepanzen und funktionalen Abweichungen kommen kann, lässt sich auch in der Briefschreiblehre beobachten. Die Classicae Epistolae (1565) des StraÃburger Gymnasialrektors Johann Sturm, mit denen sich Michael Hanstein beschäftigt, reagieren als eine didaktische, praxisorientierte Studienanleitung auf genau solche Defizite bei der Umsetzung rhetorischer Vorgaben. Die Briefe bedienen sich deshalb des schon in der Antike bekannten Verfahrens der Protreptik und erfüllen eine exhortative, mahnende oder auffordernde Funktion für die Lehrer der einzelnen Fächer und Unterrichtsklassen. Dabei unterliegt die Anleitung notwendigerweise selbst jenen rhetorischen Prämissen, die sie für die Schulpraxis zu vermitteln hat. Im Anschluss daran behandelt Hanspeter Marti den aus gattungssystematischer und sozialgeschichtlicher Sicht vernachlässigten Zusammenhang zwischen Briefen und Dissertationen, der für die Disputiertkunst an den Hohen Schulen ein wichtiges didaktisches Anwendungsfeld im Ãbergang von Mündlichkeit und Schriftlichkeit darstellt. Immer wieder wird der Brief als Gegenstand von Dissertationen aufgegriffen, gattungstheoretisch und funktionsgeschichtlich eingeordnet und somit epistolographisch klassifiziert.
Dass auch die Briefwechsel innerhalb der sozialhistorisch vergleichsweise exklusiven Gelehrtenkultur vielerlei Bezüge auf schon vorhandenes Material und Wissensbestände herstellen und dabei einen synchronen Beobachtungs- und Kommunikationszusammenhang etablieren, zeigt der Beitrag von Dennis Borghardt und Carolin Rocks zur Antikerezeption bei Leibniz in den 1660er und 1670er Jahren. In diesem Briefverkehr kommen antike und neuzeitliche Autoren nicht in streng chronologischer Reihung zu stehen, sondern werden als gleichrangige intertextuelle Referenzpunkte zum Zweck der argumentativen und philosophischen Positionierung behandelt. Und obwohl die Briefe üblicherweise kein breites oder populäres Vermittlungsanliegen verfolgen, sondern eher als adressatenspezifisches Lektüreangebot zu verstehen sind, entstehen sie in einem Bewusstsein für eine transhistorische res publica litteraria.
Eines der gängigen Forschungsnarrative betrifft eine nach 1700, zumal bei Gellert vollzogene Abkehr von höfischen und kanzlistischen Stilidealen sowie von den rhetorischen und normpoetischen Vorgaben der frühneuzeitlichen Briefsteller. Beobachtet werden ein Wandel âvon der Appell- zur Ausdrucksfunktionâ74 und in der Folge eine âuneingeschränkte Subjektivierung des Briefesâ,75 die bisweilen an das gleichfalls notorische Wechselverhältnis von âLese- und Schreibwutâ76 rückgebunden ist. Zum argumentativen Zielpunkt gerät Subjektivität als âdas Kriterium der Moderneâ auch deshalb, weil sich mit ihm âdie Emanzipation der westeuropäischen bürgerlichen Intelligenz von religiöser und politischer Autoritätâ bezeichnen lässt.77
Dieses Narrativ ist jedoch mit Blick auf die hier interessierenden briefpublizistischen Praktiken zu relativieren und in seiner Geradlinigkeit zu hinterfragen. Ohnehin verweisen neuere Studien darauf, dass die Authentizität des Subjekts und seine vorgeblich unverstellte â ob nun öffentlich oder privat ausgerichtete â Briefkommunikation unweigerlich auf rhetorischen Strategien und medial bedingten, produktions- und rezeptionsorientierten Darstellungsschemata beruhen.78 Yulia Mevissen argumentiert darum in ihrem Beitrag zum Stilprinzip der Natürlichkeit bei Gellert und seinen Vorläufern (v. a. Weise, Bohse, Hunold und Neukirch) für eine sukzessive Umcodierung von Vorgaben aus Rhetorik und Galanteriediskurs, die nicht einfach abbrechen, sondern auch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts präsent und über zahlreiche Neuauflagen verfügbar bleiben. Gleichzeitig verbindet sich vor allem mit Gellert das bekannte genderspezifische Argument, âdaà die Frauenzimmer oft natürlichere Briefe schreiben, als die Mannspersonenâ, weil sie ânicht durch die Regeln der Kunst ihrem Verstande eine ungewöhnliche Richtung gegeben habenâ und deshalb âfreyer und weniger ängstlichâ schreiben.79 Hiervon ausgehend stützt sich die Rede vom Brief als einem identitätsstiftenden âMedium der Empfindsamkeitâ80 â zumindest in der Germanistik und anders als in der Anglistik â meist auf Schriftstellerinnen des (frühen) 18. Jahrhunderts. Für die Zeit vor 1700 finden sich nur vereinzelte Fallstudien, wie zum Brieff an die gantze Burgerschafft der Statt StraÃburg (1557) der Katharina Schütz Zell.81
Eine gröÃere Konzentration der deutschsprachigen Forschung liegt dagegen auf Autorinnen wie Luise Gottsched, Anna Louisa Karsch oder Sophie von La Roche. Diese Reihe ergänzt der Beitrag von Corinna Dziudzia zur gelehrten Korrespondenz und zur Teilhabe am öffentlich-literarischen Diskurs bei Sidonia Hedwig Zäunemann. Deren Textproduktion zeichnet sich durch ein Nebeneinander von gebundener und ungebundener Rede, von beigelegten oder einmontierten Kasualgedichten und rhetorisch ausgefeilter Briefprosa aus. Darüber hinaus erscheinen Zäunemanns Korrespondenzen und Dichtungen zwischen 1735 und 1741 auch in den Hamburgischen Berichten von neuen Gelehrten Sachen, so dass die Autorin einer gröÃeren Ãffentlichkeit bekannt und sichtbar in das gelehrte, männlich dominierte Netzwerk aufgenommen wird.
Eine nicht nur publizistisch inszenierte, sondern dezidiert fingierte weibliche Autorschaft lässt sich in den von Johann Christoph Gottsched herausgegebenen Vernünfftigen Tadlerinnen (1725/1726) ausmachen. Stephanie Blum untersucht, wie in knapp der Hälfte der Ausgaben dieser Moralischen Wochenschrift offensichtlich fiktive Leserinnenbriefe platziert werden, um der althergebrachten Doppelfunktion des prodesse et delectare Rechnung zu tragen und um den nicht unberechtigten Eindruck einer breiten Publikumsreaktion noch zu verstärken. Daneben bieten sich die Briefe dazu an, das poetologische Natürlichkeitsparadigma mit einer weiblichen Konnotation zu versehen.
Ohnehin hat die zeitgenössische Trennung von âechtenâ oder âeigentlichenâ und âuneigentlichenâ Briefen, wie sie schon Erasmus trifft, dazu beigetragen, dass das Kriterium der Fiktionalität zu beachten ist und mit ihm â zuweilen in lexikalischer Verabsolutierung â ârealeâ von fiktionalen Briefen unterschieden werden.82 Ob damit das Problem der Referenz von Briefen auf auÃertextliche Gegenstände und der Adressierung an historische, aber abwesende Personen angemessen erfasst wird, kann an dieser Stelle nicht ausgehandelt werden. Jedenfalls erfüllen fingierte Briefe, wie die in diesem Kontext vielgenannten Dunkelmännerbriefe (Epistolae obscurorum virorum), oftmals den âZweck politischer Polemik und Satireâ.83 Politische Tragweite besitzt auch die fingierte lateinische Supplikation Friedrichs V. von der Pfalz, die er 1621 nach der Niederlage in der Schlacht am WeiÃen Berg gegen Kaiser Ferdinand II. publiziert. An dieser Flugschrift, die als öffentliches Sendschreiben, aber zugleich als freundschaftlicher Brief auftritt und auÃerdem in einer erweiterten deutschen Fassung vorliegt, veranschaulicht Robert Seidel, wie Friedrich seine illusorischen politischen Forderungen nach seiner Absetzung als König von Böhmen artikuliert.
Ein nicht zu vernachlässigender medien- und pressegeschichtlicher Aspekt betrifft die Exklusivität von Briefen. Sie ist nicht zuletzt bedingt durch eine langanhaltende, bis ins frühe 18. Jahrhundert andauernde Parallelität von geschriebenen und gedruckten Zeitungen sowie von periodischen und nichtperiodischen Medienangeboten. Für die zahllosen variantenreichen Nachrichtenbriefe, Avisen, Relationen und Novellen hat Holger Böning den âGrad der Exklusivitätâ als ein âtaugliches Unterscheidungsmerkmalâ in Betracht gezogen.84 Handgeschriebene Zeitungen erreichen einerseits â wie etwa die berühmten Fuggerzeitungen zwischen 1568 und 1605 â einen exklusiven Kreis von Angestellten, Freunden und Bekannten oder die gesellschaftlichen, politischen, urbanen und höfischen Eliten, wobei die Kosten für die Verbreitung über persönliche Kuriere oder das länderübergreifende Postwesen nicht selten beträchtlich ausfallen. Zudem verbreiten die Kuriere auch mündliche, informelle Nachrichten, von denen sie auf ihren Routen erfahren.85 Andererseits können die handgeschriebenen Zeitungen als âNachrichtenquelle für andere Medienâ wie Einblattdrucke, Neue Zeitungen, MeÃrelationen, Chroniken, Kalender und andere Druckerzeugnisse dienen.86 Zudem operieren kulturpolitische Flugschriften wie Luthers Sendbriefe mit einer doppelten Strategie der persönlichen und öffentlichen Adressierung. Demzufolge markieren Offene Briefe oder Nachrichtenbriefe eine Differenz von Exklusivität und Popularität, weil sie von ganz unterschiedlichen Verfassern wie etwa Kaufleuten, Druckern, Buchhändlern, Postmeistern, Studierenden oder Geistlichen produziert werden und vor allem weil sie bestimmte Nutzergruppen ein- oder ausschlieÃen können. Eine durchaus beliebig gewählte Zeitung aus Kopenhagen formuliert das exemplarisch: Der Redakteur Daniel Paulli möchte âweder die Wahrheit noch die Unwahrheit (in diesen Relationen)â vertreten, âsondern er extrahirt und mittheilet das/ was andre in ihren Novellen entweder mit dem Druck oder mit ihren Briefen communiciren.â87 Die Zeitung verspricht hier einen neutralen, âunparteiischenâ Ãberblick über schon vorhandene Neuigkeiten, die entweder im Druck oder handschriftlich vorliegen können. Insofern kann der Selektions- und Verbreitungsanspruch der Zeitungen und Nachrichtenbriefe nicht ohne die Materialität all jener Trägermedien gedacht werden, auf die die gedruckten Periodika zugreifen und aus denen sie ihre Gegenstände zusammenstellen.
Den gegenläufigen Fall einer regulierten Publikationsstrategie diskutiert Marcus Heydecke in seinem editionswissenschaftlichen Werkstattbericht zu Philipp Jakob Spener, in dem er zeigt, wie die Briefkorrespondenzen das kulturpolitische Unternehmen des Pietismus befördern. Im Zuge des sich ausweitenden Zeitungs- und Nachrichtenwesens liefern Speners adressatenbezogene, oft vertrauliche Briefe an Theologen und Laien eine Fülle von Informationen zu einzelnen Personen, Geschehnissen und literarischen Novitäten und stehen somit in einem komplementären Funktionszusammenhang mit den Streitschriften und Traktaten aus dem Umfeld seiner eigenen Pia Desideria (1675). In diesem Sinne lassen sich bei Spener auch Praktiken einer publizistischen Selbstkontrolle bemerken, damit keine vertraulichen Details oder Hinweise auf die Briefpartner öffentlich werden.
Die Medialität von öffentlichen Brieffolgen und periodischen Angebotsformen trägt um und ab 1700 dazu bei, dass sich ein eigenständiger und professionalisierter literaturkritischer Diskurs entwickeln kann. Fingierte Rahmenhandlungen, Herausgeberfiguren, Brief- oder Gesprächspartner sind â etwa von Thomasiusâ Monatsgesprächen bis zu Lessings Briefen, die neueste Litteratur betreffend â eine beliebte Darstellungsoption, um die zahlreichen Neuerscheinungen und heterogenen Gegenstände bearbeitbar zu halten. Doch ebenso simulieren die briefpublizistischen und literaturkritischen Sammlungen die bereits erprobten gelehrten Praktiken der Kollaboration, Gruppen- und Netzwerkbildung, auf die sich die neuere Aufklärungsforschung merklich konzentriert hat.88 Wie weiträumig derartige Netzwerke aufgespannt sind, zeigt der Beitrag von Jana Kittelmann an der Korrespondenz Johann Jakob Bodmers. Jenseits des bloÃen Informationsaustausches über vornehmlich literarische Novitäten und ergänzend zu den verschiedenen literaturkritischen Herausgeberprojekten wie den Critischen Briefen (1746) oder den Freymüthigen Nachrichten (1744â1751) bieten die privaten, unpublizierten Briefe auch die Möglichkeit zur Zirkulation, Verbesserung und Korrektur eigener Texte. Die philologische Detailarbeit gerät so zum Ausweis von âepistolarer Freundschaftskommunikationâ, die ihrerseits von rhetorischen Prämissen und ritualisierten sozialen Praktiken abhängig ist.89
Als spätes Fallbeispiel können hierbei die Freundschaftlichen Frauenzimmer-Briefe (ab 1775) der Sophie von La Roche genannt werden, die zunächst in der von Johann Georg Jacobi herausgegebenen Zeitschrift Iris und später in Buchform erscheinen. Anna Axtner-Borsutzky geht diesem Medienverbund und seinen kollaborativen Praktiken nach, sofern in der Privatkorrespondenz von La Roche mit Jacobi, Goethe und Wieland das journalförmige Briefprojekt reflektiert wird. Die Fortsetzung der Briefe, zuletzt sogar in La Roches eigener Monatsschrift Pomona für Deutschlands Töchter, sorgt sowohl für eine kontinuierliche Publikumserwartung als auch für ein dialogisch angelegtes Verhältnis, in dem die Leser als Gesprächspartner konzipiert werden. Wilhelm Kühlmann, der die chronologische Reihe des Bandes beschlieÃt, komplettiert die Perspektive auf La Roche mit einer Studie zu den Briefen über Mannheim (1791). Im Spannungsverhältnis aus autobiographischen, journalistischen und kulturpädagogischen Darbietungsansprüchen pflegen die Briefe einen assoziativen Stil, der sich durch thematische Variationen und flexible Anredeformen auszeichnet. AuÃerdem bilanziert La Roche aus der Rückschau der Briefe ihre bisherige literarische und publizistische Textproduktion.
Begreift man Popularität jedoch nicht nur als Synonym für die Publizität und Verbreitung von gedruckten Medienangeboten, sondern als graduell zu bemessende Texteigenschaft, dann eröffnet sich nicht zuletzt eine wissenschaftsgeschichtliche Dimension des öffentlichen Briefs bzw. des frühneuzeitlichen Gelehrtenbriefs, die zum einen die Entstehung der europäischen Gelehrtenzeitschriften wie der Philosophical Transactions oder des Journal des sçavans (beide ab 1665) mitbefördert und zum anderen noch im 19. Jahrhundert bei einem Vorhaben wie Justus von Liebigs Chemischen Briefen (1844) zum Tragen kommt.90 Doch schon im 18. Jahrhundert bilden populärwissenschaftliche Briefe und Briefsammlungen zu den unterschiedlichsten Gegenstandsbereichen eine eigene Masse. Sie entstehen nicht zwingend aus einer zuvor handschriftlichen Privatkorrespondenz einzelner gelehrter Akteure, deren digitale ErschlieÃung ebenfalls vorangetrieben wird,91 sondern sie entwickeln eigene Strategien der Adressierung, Autorisierung und Veranschaulichung. Oftmals greifen die Texte dafür noch auf bewährte rhetorische Verfahren der Evidenz, Klarheit und Deutlichkeit zurück, um ihre Gegenstände publikumswirksam zu erläutern.
Eine der erfolgreichen und stilbildenden Sammlungen sind die Briefe an eine deutsche Prinzessin über verschiedene Gegenstände aus der Physik und Philosophie (1760â1762) des Schweizer Mathematikers Leonhard Euler, die noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgelegt werden. Euler wendet sich an Friederike Charlotte von Brandenburg-Schwedt, eine Nichte Friedrichs des GroÃen, und inszeniert eine intime Kommunikationssituation, in der er seine Empfängerin in einzelnen Themenbereichen unterrichtet. Gleichzeitig adressieren die Briefe, sobald sie in Buchform vorliegen, immer auch ein breites Publikum. Die Popularität der Texte bemisst sich allerdings vor allem nach den Möglichkeiten der Plausibilisierung ihrer Gegenstände. Hierzu zählt neben einer sprachlich verständlichen Darstellung auch die Reflexion der eigenen medialen Voraussetzungen. Der zweite Brief vom 22. April 1760 etwa illustriert den âBegrif [!] der Geschwindigkeitâ markanterweise anhand des Kurier- und Postwesens:
Ein Courier zu Pferde und ein Bote zu Fuà gehen von Berlin nach Magdeburg; man denkt sich bey dem einen und bey dem andern eine gewisse Geschwindigkeit, aber man sagt, daà die Geschwindigkeit des erstern gröÃer ist als des andern seine. Es kommt also darauf an, zu untersuchen, worinn der Unterschied bestehe, den wir zwischen diesen beyden Geschwindigkeiten annehmen. [â¦] Daraus also ist klar: um sich eine gehörige Idee von der Geschwindigkeit zu machen, muà man auf zwey Arten von GröÃe zu gleicher Zeit Acht haben; auf den Weg der zurück gelegt worden, und auf die Zeit die verlaufen ist.92
Euler nutzt dieses Beispiel als Einstieg, um daran die physikalischen GröÃen von Zeit, Strecke und Geschwindigkeit einzuführen. Genau dieses Veranschaulichungsprinzip ist eine zentrale textuelle Eigenschaft, die die Popularität der Briefe ausmacht. Dass Euler hierfür das Kurier- und Postwesen anspricht, zeigt nicht nur, wie geläufig solche Netzwerke in der Alltagskultur bereits sind, sondern ebenso, wie stark sich Nachrichtenvermittlung und Briefkommunikation auf ein verzeitlichtes Neuigkeits- und Gegenwartsbewusstsein auswirken.
Die Briefform kommt mit ihren so verstandenen Popularisierungsverfahren aber auch in jenen Wissensgebieten zum Einsatz, in denen es noch keine gesicherte empirische oder philosophische Erkenntnis gibt. Einen derartigen Fall bieten die Cosmologischen Briefe (1761) von Johann Heinrich Lambert, mit denen sich Gideon Stiening beschäftigt und die sich in Abgrenzung zum gelehrten Dialog, zum Traktat oder Lehrbuch als eine wahrscheinlichkeitsorientierte, theologisch legitime und subjektivierte âForm der MutmaÃungâ gegenüber noch nicht endgültig erschlossenen Problemgegenständen präsentieren. Andernorts wird die Briefform zur literatur- und kulturpolitischen Verteidigung der christlichen Religion genutzt. Solch ein apologetisches Projekt sind die Briefe an die Freydenker (1764â1767) von Johann Heinrich Christoph Zahn, die Björn Spiekermann auf ihre angepassten Stilprinzipien und Geschmacksmuster hin untersucht. Trotz der flexiblen Darstellung, die sich einer dialogischen Struktur bedient, ist der Erfolg der Briefe jedoch nur von kurzer Dauer, weil die Publikumserwartungen an die belles lettres mit einer âextensive[n] Einmallektüreâ93 nicht konstant bleiben. Kritisches Reflexionspotential ruft auch die als Briefwechsel konzipierte Streitschrift Ueber den Werth einiger Deutschen Dichter (1771/1772) ab, die Ludwig August Unzer und Jakob Mauvillon gemeinsam im Ãbergang zur Phase des Sturm und Drang sowie im Umfeld des Geniediskurses verfassen. Arne Klawitter beschreibt die in diesen âDichterbriefenâ betriebene öffentliche Demontage Gellerts und seines Publikums und die nicht minder zurückhaltenden publizistischen Gegenreaktionen in den Gelehrten Zeitschriften.
Zuletzt hat die Ãffentlichkeit von Briefen nicht nur eine rhetorische Fundierung, sondern kann auch als Voraussetzung für deren Literarizität geltend gemacht werden, die manchmal zu Unrecht mit Fiktionalität gleichgesetzt wird. Die Begründung für die Verbindung von Ãffentlichkeit und Literarizität lautet dann: âDurch Veröffentlichung, d. h. durch Herausnahme aus dem ursprünglichen pragmatischen Kontext, können Briefe den Status literarischer Texte erhalten [â¦], wie denn auch der Brief sich historisch-genetisch als Keimzelle selbständiger literarischer Gattungen erwiesen hat.â94 Mit diesen Gattungen sind vor allem Briefroman, Heldenbrief, Versepistel und Essay gemeint, die freilich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eine je eigene Transformation durchlaufen.95 Mit einer dieser Transformationen setzt sich Joachim Harst auseinander, wenn er die Bearbeitungen und elegischen Nachdichtungen von Ovids Heroiden analysiert und besonders die Liebessprache und die diffizile eheliche Kommunikation der Heloisa in den Blick nimmt. Umgekehrt werden Ovid-Ausgaben im 15. und 16. Jahrhundert für den schulischen Rhetorikunterricht, zur Ausbildung der elocutio und als Brieflehren eingesetzt. Die hier noch klar formulierten Normvorgaben können die späteren literarischen Adaptionen von Pope oder Rousseau allerdings nicht mehr problemlos umsetzen. Sie stellen stattdessen und mit der Ãberschreitung der Gattungsgrenze von Brief und Roman das Scheitern oder jedenfalls die Störung der passionierten, partnerschaftlichen Liebeskommunikation aus.
Mit gattungs- und funktionshistorischen Unsicherheiten, nämlich denen der literarischen Utopie, muss auch Johann Gottfried Herder in seinen Briefen zu Beförderung der Humanität (1793â1797) umgehen. Der Aufsatz von Christian Schienke stellt Herders Skepsis gegenüber der Utopie heraus, die sich damit begründet, dass die darin vorgestellten idealen Gesellschaftsordnungen nicht mehr als wahrscheinlich bewertet werden. Am Ende des 18. Jahrhunderts sind Herders populärphilosophische Brieffolge und die darin entworfene Freundschaftskommunikation eine Option, um das gattungsspezifische, vom Roman dominierte Ordnungsparadigma der literarischen Utopie zu reflektieren und mit einer eigenen geschichtsphilosophischen Programmatik, einer utopischen Intention zu versehen. Gleichwohl â dies als zusätzliche Bemerkung â soll aus einem derartigen Reflexionspotential kein Argument für eine sattelzeitliche Komplexitätssteigerung erwachsen. Vielmehr steht Herders Schreibvorhaben in einer langfristigen Entwicklung, die nicht denkbar wäre ohne jene literarische Diversität, wie sie die Briefpublizistik der Frühen Neuzeit ermöglicht hat.
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Smolak, Kurt. âEinleitung.â In Desiderius Erasmus. Ausgewählte Schriften. Ausgabe in acht Bänden, hrsg. von Werner Welzig. Bd. 8: De conscribendis epistolis. Anleitung zum Briefeschreiben (Auswahl), übers., eingel. und mit Anm. vers. von Kurt Smolak (Darmstadt: WBG, 1980), IXâLXXXVI.
Spiekermann, Björn. Art. ââPhilosophische Briefeâ (âÃsthetische Briefeâ/âLiterarische Briefeâ) als Genre des 18. Jahrhunderts.â In Handbuch Brief. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, hrsg. von Marie Isabel Matthews-Schlinzig u. a. (Berlin, Boston: de Gruyter, 2020), 975â984.
Steinhausen, Georg. Geschichte des deutschen Briefes. Zur Kulturgeschichte des deutschen Volkes. Bd. 2 (Berlin: R. Gaertner, 1891).
Strobel, Jochen. âOtto von Bismarck. Ein Prominenter des 19. Jahrhunderts in der Briefkultur.â In Briefe und Tagebücher zwischen Text und Quelle. Geschichts- und Literaturwissenschaft im Gespräch II, hrsg. von Volker Depkat und Wolfram Pyta (Berlin: Duncker & Humblot, 2021), 203â226.
Ter-Nedden, Gisbert. âDas Ende der Rhetorik und der Aufstieg der Publizistik. Ein Beitrag zur Mediengeschichte der Aufklärung.â In Kultur und Alltag, hrsg. von Hans-Georg Soeffner (Göttingen: Schwartz, 1988), 171â190.
Thraede, Klaus. Grundzüge griechisch-römischer Brieftopik (München: C.H.Beck, 1970).
Vellusig, Robert. Schriftliche Gespräche. Briefkultur im 18. Jahrhundert (Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2000).
Wallnig, Thomas. Art. âGelehrtenbriefe.â In Handbuch Brief. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, hrsg. von Marie Isabel Matthews-Schlinzig u. a. (Berlin, Boston: de Gruyter, 2020), 471â483.
Walter, Axel E. Späthumanismus und Konfessionspolitik. Die europäische Gelehrtenrepublik um 1600 im Spiegel der Korrespondenzen Georg Michael Lingelsheims (Tübingen: Niemeyer, 2004).
Weise, Christian. Curiöse Gedancken Von Deutschen Brieffen/ Wie ein junger Mensch/ sonderlich ein zukünfftiger Politicus, Die galante Welt wohl vergnügen soll. [â¦] (Dresden: Mieth, 1691).
Wilcox, Amanda. The gift of correspondence in classical Rome. Friendship in Ciceroâs Ad Familiares and Senecaâs Moral Epistles (Madison: The Univ. of Wisconsin Press, 2012).
Golz, 1997: 251.
Matthews-Schlinzig/Socha, 2018: 9.
So aus Sicht der Textlinguistik bereits Ermert, 1979: 50 sowie neuerdings Kasper u. a., 2021: 7.
Grenzmann, 1958: 186. Vom Brief als âMittel privater und öffentlicher Kommunikationâ spricht Oellers, 1989: 9.
Görner, 2021: 65.
Vgl. am Beispiel von Voltaire etwa Cronk, 2018: 42â50. Zur historischen Semantik von publicus und privatus vgl. Hölscher, 1979: 69â80. Speziell zur französischen Variante von opinion publique und secret vgl. Lüsebrink, 1997: 111â115.
Bürgel, 1976: 281.
Essig, 2000: 23.
Schlögl, 2014: 111 und 123.
Weise, 1691: 213.
Ebd.
Ebd.
Vgl. etwa die Problemskizzen bei Oellers, 1989 und Klausnitzer, 2015: 49â84; zur Frühen Neuzeit vgl. besonders Henderson, 2002.
Erasmus, 1980: 44.
Vgl. die Ãberlegungen bei Strobel, 2021: 208f.
Von Verweisen auf Einzeluntersuchungen zu den Briefen Epikurs, Senecas, Ciceros etc. muss hier abgesehen werden. Ãberblicke bei Hirzel, 1895: 300â308; Gigon, 1980; Görgemanns, 1997a und 1997b; Klauck, 1998: 95â146; von Albrecht, 2012: 430â435.
Vgl. ausführlich Klauck, 1998.
Vgl. von Ammon, 2019.
Zum offenen Brief vgl. Dücker, 1992; Rose, 2020; ausführlich Essig, 2000; zum Leserbrief vgl. Fix, 2020. â Eine lange Liste von Briefgenres bzw. Komposita mit â-briefâ bietet Nickisch, 1991: 23; eine nützliche Ãbersicht von âErscheinungsformenâ des Briefs auch bei Müller, 1994: 63â65 (Zitat 63); zahlreiche Artikel zu einzelnen Erscheinungsformen des Briefs enthält das Handbuch Brief von Matthews-Schlinzig u. a., 2020.
Vgl. Oellers, 1989: 26: âAls Mittel öffentlicher Kommunikation spielte der Brief in der belletristischen Literatur der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine überragende Rolle.â â Vgl. bereits Steinhausen, 1891: 400â404; Rogge, 1966: 132â175; Essig, 2000: 139â194; Nickisch, 1991: 107â157 und 170â177; Spiekermann, 2020.
Vgl. Almási, 2014: 331.
Vgl. Daybell, 2012: 175â216.
Vgl. Strobel, 2021: 210; zur Materialität des Briefs vgl. Baasner, 2008; Henzel, 2020.
So für die Antike etwa schon Plinius; vgl. Müller, 1994: 63; von Albrecht, 2012: 434.
Vgl. Clough, 1976; Fumaroli, 1978; Harth, 1983; Enenkel, 2002; Ortner-Buchberger, 2003; Papy, 2015; Wallnig, 2020.
Depkat/Pyta, 2021: 25. Vgl. auch Schuster, 2020: 8.
Vgl. Barton/Hall, 2000: 6â8.
Vgl. Cancik, 1967; Müller, 1994: 70â73; Görgemanns, 1997a und 1997b; Nicolai, 2004; Morello/Morisson, 2007; Wilcox, 2012; von Albrecht, 2012: 430â435.
Görgemanns, 1997b: 1166. Vgl. auch Schmale, 1999: 653; markant von Albrecht, 2012: 432: âDie Antithese zwischen âspontanenâ und âliterarischenâ Briefen sollte man nicht absolut setzen.â
Görgemanns, 1997a: 1164.
Vgl. Spiekermann, 2020.
Vgl. Dörrie, 1968; zur frühneuzeitlichen Heroidendichtung vgl. Eickmeyer, 2012; Ãberblick bei Prandi, 2020.
Vgl. von Albrecht, 2012: 432; Görgemanns, 1997a: 1167.
Vgl. Essig, 2000: 23â42.
Vgl. Müller, 1994: 64f.
Vgl. ebd.: 71; Enenkel, 2011: 9f. und 14f.; Almási, 2014: 331. Pointiert Enenkel, 2011: 9: âIn der Frühen Neuzeit wurde die Trennungslinie zwischen privatem und öffentlichem Bereich viel weniger scharf gezogen.â
Zur humanistischen Brieflehre vgl. Fumaroli, 1978; Smolak, 1980: XXXIâLIX; Henderson, 1983a; Mack, 2011: 228â256.
Vgl. Müller, 1994: 70; Schmale, 1999: 652f.
Zu Erasmusâ Briefsteller vgl. Smolak, 1980: XXXVIâXLI; Henderson, 1983b; Gerlo, 1988: 61â73; Mack, 2011: 90â96.
Vgl. Smolak, 1980: XXIIIf.
Zum Vorgang vgl. Schmidt, 1983; Enenkel, 2008: 70â79; Papy, 2015: 167â170.
So etwa im Widmungsbrief zu den Epistolae familiares an den Freund Lodewijk Heyligen bei Petrarca, 1601: fol. a iijr: âNulla hic equidem magna vis dicendi, quippe quae nec mihi adest, & quam si plane afforet, stylus iste non recipit, vt quam nec Cicero ipse, in ea facultate praestantissimus, Epistolis suis inseruit [â¦]. Eximiam illam vim, lucidumque, & rapidum, & exundans flumen eloquentiae, in orationibus suis exercuit.â (âGroÃer rhetorischer Schwung ist hier allerdings nicht zu spüren, denn der steht mir nun einmal nicht zu Gebote. Schwung würde aber auch in diesen Stil nicht passen, wenn ich wirklich über ihn verfügte. Deshalb hat doch auch Cicero, der ja in diesem Fache ein Meister war, rhetorischen Schwung in seine Briefe nicht aufgenommen [â¦]. Den unvergleichlichen, quellenden und alles überflutenden Strom seiner Beredsamkeit hat er eben nur in seine Reden ergossenâ â Petrarca, 1980: 71).
Erasmus, 1980: 42f.: â[Q]uas si quis malit appellare declamatiunculas, equidem non admodum refragabor.â (âIch habe kaum etwas dagegen einzuwenden, wollte man sie lieber als kleine Vortragsstücke bezeichnen.â) Vgl. dazu Smolak, 1980: XXXIIIf.
Erasmus, 1980: 44f.: âTunc enim epistola, non confabulonis aut nuncii, sed oratoris vice fungitur.â
Ebd.
Vgl. Harth, 1983: 87f.
Relevante Belegstellen bei Cicero bietet Thraede, 1970: 27â38.
Zum Topos vgl. Müller, 1980: 139â142; Walter, 2004: 43.
Vgl. Seneca, 1984: 84f.: âMinus tibi accuratas a me epistulas mitti quereris.â (âZu wenig sorgfältig formulierte Briefe schickte ich dir, klagst du.â).
Ebd.: â[Q]ualis sermo meus esset, si una desideremus aut ambularemus, inlaboratus et facilis, tales esse epistulas meas uolo, quae nihil habent accersitum nec fictum.â (âWie mein Stil beschaffen wäre, wenn wir zusammensäÃen oder spazierengingen, nämlich ungezwungen und salopp, so sollen meine Briefe sein, wünsche ich, die nichts Gesuchtes enthalten und Gekünsteltes.â).
Eine tabellarische Ãbersicht bietet Mack, 2011: 92.
Erasmus, 1522: 101. In der Studienausgabe von Smolak (Erasmus, 1980) ist die Stelle nicht enthalten. Zum Topos vgl. Müller, 1994: 71; Walter, 2004: 43.
Vgl. Erasmus, 1522: 100: âOrdinem in epistolis, uel a natura, uel ab arte licebit petere sed ab arte infrequentius. Nam si in actionibus forensibus, omnis fere dispositio a consilio sumitur, non praeceptis, quanto magis id faciundum in literis quae leguntur, non audiuntur, & leguntur a docto, non a uulgo.â
Nicht zufällig zitiert Gellert genau diese Stelle in seiner Briefabhandlung. Vgl. Gellert, 1989: 127.
Vgl. Erasmus, 1980: 46f.: âNeque diu sermonem eundem vrgebimus; et quod solemus cum amicis confabulantes, miscebimus, si videbitur, non solum multa, verumetiam varia.â (âAuch wird man nicht lange bei ein und demselben Gespräch verweilen und, wie man das beim Plaudern mit Freunden für gewöhnlich tut, wird man, wenn es einem paÃt, nicht nur viele Themen miteinbeziehen, sondern auch unterschiedliche.â).
Lipsius, 1614: 9. Vgl. die englische Ãbersetzung bei Lipsius, 1996: âNor yet do I labor to a great extent on arrangement, which at best, in a letter, is disregarded or nonexistent. As in conversations we love something careless and disorganized, so is it here.â â Auch diese Stelle wird in Gellerts Briefabhandlung zitiert. Vgl. Gellert, 1989: 126, Anm.
Lipsius, 1615: 385.
Die Nähe von Essay und Brief gilt in der Essayforschung als ausgemacht. Vgl. etwa Haas, 1969: 6f. und Jander, 2008: 35â39.
Bacon, 1871 [1612]: 158f.
Zu Harsdörffers Briefsteller vgl. Meierhofer, 2014: 65â67.
Harsdörffer, 1656: 599. â Die erste Auflage des Secretarius hatte, wie Harsdörffer selbst erläutert (1656: 602), zunächst nur die juristischen Briefe erfasst. Vgl. auch Steinhausen, 1891: 401.
Harsdörffer, 1656: 75: âDen Innhalt der Brieffe betreffend/ ist solcher so vielfältig/ als der Innhalt der Reden/ welche in dem Menschlichen Leben/ hier und dar geführet werden. Was mag in geistlichen und weltlichen Sachen erdacht werden/ daà man nicht in Reden und Schreiben verfassen kan?â
Vgl. ebd.: âSind nun die Briefe ein Gespräch/ so soll man nicht mehr Fleià auff das Brieffschreiben/ als auff eine vertreuliche Unterredung/ wendenâ.
Steinhausen, 1891: 245.
Vgl. ebd.: 401: âEs wurde allmählich Mode, alles als Brief zu geben.â Sachlicher formuliert es Steinhausen, 1891: 393: âDa man einen wahren Briefkultus trieb, war es kein Wunder, daà man die Briefform auch in der Litteratur, vor allem in der schönen Litteratur, seit dem siebzehnten Jahrhundert auÃerordentlich zu bevorzugen begann.â
Zeitgenössische ÃuÃerungen dazu bei Spiekermann, 2020: 978f.
Rabener, 1752: fol. * 2r/v.
Vgl. Rogge, 1966: 132â175; Essig, 2000: 139â194.
Vgl. Rogge, 1966: 15â82 mit zahlreichen Beispielen für fingierte Briefe, zu den Dunkelmännerbriefen und ihren Nachahmern. Zum offenen Brief vgl. einmal mehr Essig, 2000.
Einen Eindruck von der Breite verschafft die immer noch beste Ãbersicht bei Nickisch, 1991: 107â157, die ihre Beispiele weitgehend aus dem 18. Jahrhundert bezieht; weitere Beispiele bei Rogge, 1966: 106â131; Essig, 2000: 103â137; knapper Ãberblick bei Spiekermann, 2020.
Rabener, 1752: fol. * 2vâ* 4r.
Ter-Nedden, 1988.
Nickisch, 1969: 81. Zu Briefstellern im englischsprachigen Raum vgl. ausführlich Bannet, 2005.
Anderegg, 2001: 15.
Nickisch, 1991: 50. Topische Vorlage hierfür ist Habermas, 1975 [1962]: 66: âBriefe schreibend entfaltet sich das Individuum in seiner Subjektivität.â
Oellers, 1989: 18.
Bohrer, 1987: 11.
Kording, 2014: 11 fasst darum die Briefautorschaft âtriadisch als entwerfendes Ich, als zu entwerfendes Ich und als entworfenes Ichâ.
Gellert, 1989: 136.
Vgl. Reinlein, 2003: 13.
Zu Zell vgl. McKee, 1999: 155â166. Zur angelsächsischen Forschung vgl. den Ãberblick von Daybell/Gordon, 2016.
Zur Unterscheidung vgl. Nickisch, 1991: 19â22.
Rogge, 1966: 12.
Böning, 2008: 207.
Zum Kuriernetz in England vgl. Brayshay, 2016 und Daybell, 2012: 128â140.
Böning, 2008: 211.
[Paulli,] 1674: 3.
Vgl. Jost/Fulda, 2012.
Heinrich, 2019: 29. Die dort getroffene weitergehende Unterscheidung von ârealweltlicher Freundschaftskommunikation und fiktionaler Literaturâ erweist sich für das hier beobachtete graduelle Verhältnis von Rhetorizität und Fiktionalität dagegen als wenig plausibel.
Vgl. dazu Meierhofer, 2019: 57â72.
Vgl. etwa das Oxforder Digitalisierungsprojekt Early Modern Letters Online (EMLO). Zum Gelehrtenbrief vgl. Wallnig, 2020.
Euler, 1773 [1760]: 4.
Bosse, 2021: 420.
Golz, 1997: 251.
Vgl. lediglich die Auswahlbibliographie europäischer Briefgattungen bis 1850 bei Beebee, 1999: 231â258.
