Diese Festschrift entstand als Ausdruck der Wertschätzung und zu Ehren von Ulrich Rudolph, einem allerseits und insbesondere von den Beitragenden sowie den Herausgebern dieses Bandes hochgeachteten Lehrer, Kollegen und Freund; der Titel des Bandes Mobilität des Denkens wurde nicht zuletzt aufgrund der Tatsache gewählt, dass er ein zentrales Thema in Ulrichs eigener Forschung widerspiegelt. So spielt die Mobilität des Denkens über die longue durée, über grosse Entfernungen und zwischen Kulturen in verflechtungsgeschichtlichen Untersuchungen eine zentrale Rolle, wie z.â¯B. im Transfer von Ideen aus der Antike über die spätantiken philosophischen Schulen bis in die islamische Welt, ein Thema, mit dem Ulrich sich bereits in seiner Doktorarbeit über die Doxographie des Ps.-Ammonios beschäftigt hat und auf das er kürzlich im Grundriss der Geschichte der Philosophie. Philosophie in der islamischen Welt zurückgekommen ist. Eine andere Art der Mobilität des Denkens, die Ulrich in seinem Oeuvre wiederholt behandelt hat, ist diejenige von bestimmten Ideen, Konzepten, Problemen und intellektuellen Fragestellungen zwischen verschiedenen Disziplinen, wie z.â¯B. kalÄm und falsafa. Noch ein weiteres Beispiel für die Mobilität des Denkens ist an einzelne Personen gebunden, die ihre Ideen mitnahmen, als sie umzogen, wie etwa Raimundus Martini, dem Ulrich eine Monografie gewidmet hat. Ein weiterer, konkreterer Grund für die Wahl des Titels ist jedoch, dass die Mobilität des Denkens ein besonders wichtiges Thema in seiner Zusammenarbeit mit uns Beitragenden und Herausgebern war und ist. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: seine Publikationen zusammen mit Dominik Perler â Occasionalismus und Logik und Theologie â haben den Transfer des Wissens aus der islamischen Welt im Auge; die Doktorarbeiten von Roman Seidel und Urs Gösken, die Ulrich betreut hat, untersuchen die Rezeption von neuzeitlicher europäischer Philosophie in Iran. Mobilität des Denkens kommt auch oft als wesentliches Thema in den zahlreichen Sammelbänden vor, zu denen er selbst zusammen mit vielen der Autorinnen und Autoren dieses Bandes beigetragen hat. Zu erwähnen ist weiterhin die Mobilität des Denkens, die sein Wirken als Lehrer, Wissenschaftsorganisator und konstruktiver Diskussionsteilnehmer ausmacht. In all diesen Rollen zeichnet ihn die Eigenschaft aus, sich auf das Gegenüber einzulassen, zuzuhören, Ideen und Fragen aufzugreifen und in seinen Rückmeldungen verschiedene Perspektiven des Denkens zusammenzubringen und damit neue Denkhorizonte zu eröffnen. Aus all diesen Gründen stellt die Mobilität des Denkens eine besonders charakteristische Verbindungslinie zwischen uns und Ulrich dar, die als Angelpunkt dieser Würdigung seiner Laufbahn und seiner wissenschaftlichen Leistungen dienen kann.
1 Werdegang und Würdigung von Ulrich Rudolph
1.1 Biografische Skizze
Ulrich Rudolph, geboren 1957 in Offenbach am Main, begann das Studium der Islamwissenschaft, Geschichte und Philosophie im Herbst 1977 an der Universität Frankfurt/Main, wo er u.â¯a. bei Rudolf Sellheim studierte. Nebst der Beschäftigung mit Arabisch, Persisch und Türkisch absolvierte er dort auch das Hebraicum. Auf das Wintersemester 1979/80 wechselte er an die Universität Tübingen, wo er insbesondere durch Josef van Ess beeinflusst wurde. Im Rahmen seiner Beschäftigung mit der islamischen Rezeption der griechischen Philosophie studierte er zudem zwischen 1982 und 1984 auch einige Zeit bei Gerhard Endress in Bochum. 1986 legte er in Tübingen sein Magisterexamen ab und wurde im selben Jahr ebenda mit der Dissertation Die Doxographie des Pseudo-Ammonios. Ein Beitrag zur neuplatonischen Ãberlieferung im Islam promoviert. Schon vor dem Abschluss des Doktorates wirkte er auf Einladung von Jean Jolivet einige Monate als dessen Assistent an der Ecole Pratique des Hautes Etudes (Paris). Von 1986 bis 1993 war er als Hochschulassistent bei Tilman Nagel am Seminar für Arabistik in Göttingen tätig. 1993 folgte die Habilitation mit der Schrift Al-MÄturÄ«dÄ« und die sunnitische Theologie in Samarkand. Im selben Jahr erhielt er ein Stipendium der Heisenberg-Stiftung, das er allerdings nicht in Anspruch nahm, und wurde als Hochschuldozent am Seminar für Arabistik in Göttingen tätig. Im Wintersemester 1994/95 übernahm er die Vertretung des Lehrstuhles von Prof. Josef van Ess in Tübingen. Im Frühjahr 1996 weilte er als Professeur invité am Département des Etudes Islamiques der Universität Aix-en-Provence, und war ab Anfang 1997 ausserplanmässiger Professor in Göttingen. Ebenfalls 1997 absolvierte er einen Forschungsaufenthalt am IREMAM in Aix-en-Provence. Und im selben Jahr wurde er mit dem Prix scientifique franco-allemand Gay-Lussac/Humboldt ausgezeichnet. 1999 schliesslich wurde Ulrich Rudolph an die Universität Zürich berufen, wo er die Nachfolge von Benedikt Reinert als Ordinarius für Islamwissenschaft antrat. In dieser Funktion wirkte er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2022.
Als einer der weltweit anerkanntesten Spezialisten für islamische Philosophie und Theologie hat sich Ulrich Rudolph bleibende Verdienste in der Planung und Leitung wegweisender Forschungsprojekte erworben. Unter diesen sei hier insbesondere der Grundriss der Geschichte der Philosophie: Philosophie in der islamischen Welt in vier Bänden hervorgehoben, ein Werk, das, ohne den Ãberblick über die Grundzüge des philosophischen Denkens in der islamischen Welt zu verlieren, differenziert und profund die Unterschiede, Kontroversen und Paradigmenwechsel im Kontext der einzelnen Schulen und Denker herausarbeitet. Doch nicht nur für historische Forschung, sondern auch für zeitgenössische Fragen setzte sich Ulrich Rudolph ein, etwa durch die Leitung des SNF-Projektes «Imam-Ausbildung und islamische Religionspädagogik in der Schweiz?» (2007â2009), mit welchem die Grundlagen vorbereitet wurden für die Schaffung des ab 2014 an der Université Fribourg angesiedelten Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft.
Auch um die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses hat sich Ulrich Rudolph verdient gemacht, indem er als Betreuer zahlreicher Doktorandinnen und Doktoranden wirkte. Für viele hat er sich um die Einwerbung von Drittmitteln oder die Beantragung von Stipendien eingesetzt. Dabei lag ihm auch stets die berufliche und persönliche Situation der von ihm Betreuten am Herzen. Etwa ein Dutzend Dissertationen wurden von ihm als Hauptbetreuer begleitet, und bei vielen weiteren im In- und Ausland wirkte er in der Funktion als Zweitbetreuer oder Gutachter mit.
Während seiner Karriere hat Ulrich Rudolph nebst seiner Tätigkeit als Ordinarius für Islamwissenschaft an der Universität Zürich eine Reihe akademischer Funktionen ausgeübt, die sein Ansehen weit über die Universität Zürich und über das Fach Islamwissenschaft hinaus bezeugen und hier nur in Auswahl wiedergegeben werden können: So wurde er 2001 Mitglied in der Academia Europaea, war von 2005 bis 2014 Präsident der Schweizerischen Asiengesellschaft, 2006 Visiting Scholar am Institute for Advanced Studies an der Hebrew University Jerusalem. 2011 wurde er Chercheur associé CNRS (UPR 76: Centre Jean Pépin) in Paris/Villejuif. 2014 folgte eine Einladung zu Gastprofessuren an der kasachisch-ägyptischen Universität in Almaty und an der Dormitio in Jerusalem, 2015 die Aufnahme in die Accademia Ambrosiana in Mailand. 2016 war Ulrich Rudolph Teilnehmer am Manuscript Review Program der Universität Stanford, 2017 Scholar in Residence an der University of California, Berkeley, und 2018 Visiting Scholar an der Universität Balamand von Beirut und Tripolis. 2019/20 schliesslich weilte er als eingeladener Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Ulrich Rudolphs internationale Ausstrahlung zeigt sich auch an seinen zahlreichen Gutachtertätigkeiten für wissenschaftliche Institutionen wie den SNF, die British Academy, Harvard University, Yale University, SOAS und die Bar Ilan Universität. Ebenso zeigt sie sich an seiner Mitgliedschaft in Gremien und seiner Teilnahme an Publikationsprojekten namhafter wissenschaftlicher Verlage, so etwa Asiatische Studien, Welten des Islams (beide De Gruyter, Berlin), Oriens (Leiden, Brill) und Ḥikmat-i muÊ¿Äá¹£ir [Zeitgenössische Weisheit] (Teheran).
1.2 Das Wirken Ulrich Rudolphs in und für den Standort Zürich
Während seiner fast ein Vierteljahrhundert währenden Tätigkeit als Ordinarius an der Universität Zürich hat Ulrich Rudolph das Fach Islamwissenschaft und darüber hinaus viele weitere akademische Bereiche massgeblich und in vielfältiger Weise geprägt. Seine Berufung nach Zürich im Jahr 1999 erfolgte zu einem Zeitpunkt, als sich die Islamwissenschaft in Zürich in einer kritischen Lage befunden hatte. Das Orientalische Seminar der Universität Zürich, das auf das WS 1967/68 hin geschaffen worden war, ging hervor aus einem Legat des unerwartet verstorbenen, früheren Lehrstuhlinhabers César E. Dubler (1915â1966), der seine umfangreiche Bibliothek der Universität hinterlassen hatte und damit den Grundstein für die Schaffung des neuen Seminars gelegt hatte. Als Dublers Nachfolger wirkte von 1969â1997 Benedikt Reinert, dessen Spezialgebiete die klassische Sufik sowie die arabische und insbesondere die persische Dichtung waren. Reinert war ein anerkannter und gewissenhafter Gelehrter, der sehr hohe Anforderungen an sich selbst und seine (infolgedessen nicht sehr zahlreichen) Publikationen, aber ebenso an die Studierenden stellte; dies hatte zur Folge, dass das Fach wenig Einschreibungen verzeichnen und noch weniger Studienabschlüsse vorweisen konnte. Als die Emeritierung Reinerts näher rückte, begannen daher hochschulpolitische Diskussionen, den Lehrstuhl in Zürich ganz abzuschaffen. Nicht zuletzt dank der Initiative der damaligen Studierenden, die mit verschiedenen Aktionen â z.â¯B. einer öffentlichen Vortragsreihe â auf die Bedeutung der Islamwissenschaft für die Universität, aber auch für den Standort Zürich aufmerksam machten, sowie der uneingeschränkten Unterstützung der Philosophischen Fakultät und des Rektorates konnte die Professur schliesslich aber doch noch ausgeschrieben und auf das SS 1999 hin mit Ulrich Rudolph besetzt werden.
Unter dem Einfluss seines neuen Leiters entwickelte sich das Seminar in erfreulicher Weise und vergrösserte sich kontinuierlich. Neben einer neuen Assistenz für Türkisch kamen je eine feste Lektorenstelle für das Arabische und für das Persische sowie eine Sekretariatsstelle hinzu, nachdem das Seminar zuvor lediglich über eine Mitarbeiterstelle für die Bibliothek und eine Assistentenstelle verfügte. Mit dem Wachstum stieg auch der Raumbedarf, sodass das Seminar auf das SS 2000 hin von der Beckenhofstrasse 26 an die Wiesenstrasse 9 im Quartier Riesbach/Seefeld umziehen konnte; hier belegte das Seminar zuerst einen Gebäudeflügel in der 2. Etage; im Laufe der Zeit kamen dann schrittweise noch zwei weitere Flügel am selben Standort hinzu. Auch die Studierendenzahlen nahmen dank der neuen Dynamik kontinuierlich zu, sowohl in den Nebenfächern (Arabisch, Persisch, Türkisch) als auch im Hauptfach Islamwissenschaft, dies nicht zuletzt auch dank der Anpassung der Studienordnung, die neu im Hauptfach die Kenntnis von zwei Sprachen beinhaltete (Arabisch und wahlweise Persisch oder Türkisch), während früher alle drei Sprachen zu belegen waren. Vor allem war es aber auch die Ausstrahlung von Ulrich Rudolph selbst, die zur Attraktivität des Faches beitrug. Obwohl seine primären Fachgebiete die Philosophie und Theologie der klassischen Zeit waren, hatte er stets auch die Moderne im Blick und wusste beide Perspektiven miteinander zu verbinden. Dies geht etwa aus seiner Antrittsvorlesung hervor, die leicht ergänzt auch als Beitrag in der «Neuen Zürcher Zeitung» (20. Mai 2000, S. 101) unter dem Titel «Ãberlegungen zum radikalen Islamismus. Die Lehren des Saiyid Qutb» erschienen ist; darin zeigte er auf, inwiefern der fundamentalistische Islam gewisse Parallelen zu entsprechenden Strömungen in Europa aufweist und teilweise sogar auf diese zurückgeführt werden kann.
Ein weiterer Entwicklungsschritt für das Orientalische Seminar folgte, als Ulrich Rudolph massgeblich daran beteiligt war, dass die neu geplante halbe Professur für «Gender Studies» durch die Kombination mit der Islamwissenschaft als volle Professur ausgeschrieben werden konnte; nach der erfolgreichen Berufung von Bettina Dennerlein als erster Inhaberin dieser Stelle im Jahr 2009 verfügte das Seminar somit über zwei Professuren. Von grosser Bedeutung sollte auch ein Projekt werden, das bereits wenige Jahre zuvor seinen Anfang genommen hatte: Im Jahre 2006 hatte der «Universitäre Forschungsschwerpunkt (UFSP) Asien und Europa» seinen Betrieb aufgenommen, bei dessen Gründung Ulrich Rudolph entscheidend mitgewirkt hatte und als dessen erster Leiter er 2006â2007 fungierte. Als interdisziplinäre Forschungsstruktur bündelte der UFSP die asienwissenschaftlichen Kompetenzen und Interessen von fünfzehn Disziplinen und vier Fakultäten der Universität Zürich mit dem Ziel, die vielfältigen Beziehungen zwischen Asien und Europa hinsichtlich Kultur, Religion, Recht und Gesellschaft in Geschichte und Gegenwart zu untersuchen. Der Austausch zwischen den verschiedenen Fachrichtungen erfolgte dabei insbesondere im Rahmen eines regelmässig stattfindenden UFSP-Kolloquiums, ergänzt durch zahlreiche Tagungen zu ausgewählten Schwerpunktthemen. In diesem Gremium war die Kooperation der Islamwissenschaft mit den Ostasienwissenschaften (Japanologie und Sinologie) und der Indologie besonders intensiv und produktiv. Nicht zuletzt waren es die Erfahrungen aus diesen Diskussionen, die dazu führten, dass darüber nachgedacht wurde, die Verbindung dieser Fächergruppe weiter zu festigen. Auf Basis solcher Ãberlegungen formte sich dann der Entschluss, das Orientalische Seminar, das Ostasiatische Seminar und das Indologische Seminar in einer gemeinsamen Institution zusammenzufassen; und so entstand schliesslich im Jahr 2013 das Asien-Orient-Institut, in dem die zuvor selbstständigen Seminare als Abteilungen zusammengeführt wurden. Der Erfolg dieses Zusammenschlusses ist in besonderer Weise auch Ulrich Rudolph zu verdanken, der (zusammen mit dem Japanologen Raji Ch. Steineck) als erster Co-Institutsleiter amtete und der mit seinem vorausschauenden Gespür und seinem diplomatischen Geschick die verschiedenen Einheiten mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen und Kulturen in einer einzigen Einrichtung zusammenzuführen vermochte. Die Konsolidierung des Asien-Orient-Institutes nahm dann einen weiteren wichtigen Schritt, als die beiden neuen Abteilungen Islamwissenschaft und Indologie aus ihren vormals verstreuten Standorten in das prächtige und zentral gelegene, in der lokalen Erinnerung als Alte Kantonsschule bekannte Gebäude an der Rämistrasse 59 umziehen konnten, das direkt unterhalb des Gebäudes der ostasiatischen Abteilungen des AOI (Zürichbergstrasse 4) und in unmittelbarer Nähe des Hauptgebäudes der Universität gelegen ist.
Neben diesen Verbindungen mit den Nachbarfächern am AOI förderte Ulrich Rudolph aber auch weitere inneruniversitäre Kooperationen, so etwa mit dem an der Theologischen Fakultät angesiedelten Religionswissenschaftlichen Seminar, indem er zur Einrichtung einer alljährlichen Gastprofessur für «Islamische Theologie und Bildung» beitrug, die ab HS 2015 (mit einer Unterstützung der Paul Schiller Stiftung und später auch der Mercator-Stiftung) alternierend an beiden Einrichtungen angesiedelt war. Oder auch, indem er bei der Schaffung eines spezialisierten Masterprogrammes «Philosophie in Asien und der islamischen Welt» mitwirkte, das ab dem HS 2019 zusammen mit dem Philosophischen Seminar angeboten wurde. Und auch auf nationaler Ebene setzte sich Ulrich Rudolph erfolgreich für Kooperationen ein, so etwa als Präsident der Schweizerischen Asiengesellschaft sowie in diesem Zusammenhang auch durch seine engagierte Beteiligung an der von dieser etwa alle drei Jahre veranstalteten Nachwuchstagung. Eine weitere Kooperation stellt auch das MUBIT-Kolloquium («Mensch-Umwelt-Beziehung in islamischen Traditionen») dar, das als gemeinsame Veranstaltung der islamwissenschaftlichen Institute der Universitäten Basel, Bern und Zürich jedes Frühlingssemester unter Beteiligung von Studierenden, Doktorierenden und Fachvertretern aus allen drei Universitäten stattfindet und in dessen Rahmen aktuelle Forschungsarbeiten vorgestellt und diskutiert werden.
1.3 Zentrale Figuren und Themen in Ulrich Rudolphs Oeuvre
Ulrichs intellektuelles Oeuvre ist breit und reich. Er hat viel mehr veröffentlicht, als hier umfassend gewürdigt werden könnte. Um das vielfältige Werk überschaubarer zu machen, soll es in zwei grosse Kategorien gebündelt dargestellt werden: Figuren und Themen.
1.3.1 Figuren
Obschon Ulrichs Forschung eine grosse Zahl von Persönlichkeiten aus der Geistesgeschichte der islamischen Welt zum Gegenstand hatte, ragen doch drei von ihnen besonders heraus: AbÅ« Manṣūr Muḥammad b. Muḥammad al-MÄturÄ«dÄ« (gest. 333/944); AbÅ« Naá¹£r al-FÄrÄbÄ« (gest. 339/951); und AbÅ« HÄmid al-Ä azÄlÄ« (gest. 505/1111).
Nach Abschluss seiner Promotion über die Doxographie des Ps.-Ammonios (dazu unten mehr) wandte sich Ulrich in seiner Habilitationsschrift einem der grossen Namen der islamischen Theologie zu, nämlich AbÅ« Manṣūr Muḥammad b. Muḥammad al-MÄturÄ«dÄ«, dem Eponymos der heute als MÄturÄ«diyya bekannten sunnitischen theologischen Schule. Es ist keine Ãbertreibung zu sagen, dass das daraus hervorgegangene Buch, Al-MÄturÄ«dÄ« und die sunnitische Theologie in Samarkand, bahnbrechend war und sogleich zu einem Klassiker der MÄturÄ«dÄ«-Studien wurde. Seitdem hat sich dieses Forschungsfeld massiv vergrössert â eine Entwicklung, die nicht zu einem kleinen Teil auf dieses Buch selbst zurückzuführen ist. Doch Ulrichs Studie, die inzwischen in ein halbes Dutzend Sprachen übersetzt wurde, bleibt nach wie vor eines der wichtigsten Referenzwerke für Historiker der MÄturÄ«diyya und der Geschichte des kalÄm ganz generell. Das Buch zeichnet zunächst die Entwicklung der ḥanafÄ«tischen Theologie im Nordosten Irans in den zwei Jahrhunderten vor al-MÄturÄ«dÄ«s Tätigkeit nach und liefert damit die erste echte Geistesgeschichte dieser Strömung der islamischen Theologie zu jener Zeit. Anschliessend widmet sich die Studie al-MÄturÄ«dÄ«s Biographie und dessen unmittelbarem religiösem Umfeld in Samarkand im späten neunten und frühen zehnten Jahrhundert. Darauf folgt eine Analyse von al-MÄturÄ«dÄ«s theologischem Hauptwerk, seinem KitÄb at-tawḥīd, indem zunächst die Struktur des Werks und seiner Vorläufer auf diesem Gebiet beschrieben und dann al-MÄturÄ«dÄ«s theologische Konzeption systematisch dargestellt wird. Die Studie veranschaulicht mehrere Merkmale, die sich seither als charakteristisch für Ulrichs intellektuelles Schaffen erwiesen haben: Ãusserste Klarheit der Darstellung und Analyse in Verbindung mit einer vollständigen Beherrschung der Quellen und einer beeindruckenden Fähigkeit, die Interpretation einzelner Denker in einen grösseren Zusammenhang zu stellen.
Nach seinem Buch über al-MÄturÄ«dÄ« hat sich Ulrich in seinen Veröffentlichungen vor allem mit dem Thema der Philosophie in der islamischen Welt beschäftigt, aber als einer der wenigen Forscher auf diesem Gebiet, der auch ein echter Experte für kalÄm ist, ist es vielleicht nicht überraschend, dass er sich oft mit der Wechselwirkung zwischen beiden beschäftigt hat. In der Tat konzentrierten sich seine ersten Veröffentlichungen über al-FÄrÄbÄ« insbesondere auf dessen Beziehung zu den Theologen und der Theologie seiner Zeit. In seinem Buchkapitel âAl-FÄrÄbÄ« und die MuÊ¿tazilaâ aus dem Jahr 2007 gibt Ulrich eine Antwort auf eine grundlegende Frage, die zuvor nur unzureichend behandelt wurde: Wenn al-FÄrÄbÄ« von Theologie und Theologen spricht, dann von welchen? Auf der Grundlage einer systematischen Analyse aller Ãusserungen al-FÄrÄbÄ«s zu diesem Thema konnte Ulrich einige Hypothesen der bisherigen Forschung korrigieren und zeigen, dass al-FÄrÄbÄ« in erster Linie über die MuÊ¿tazila und in geringerem Masse über die Traditionalisten sprach. Als Nächstes befasste er sich in seinem 2008 erschienenen Artikel âReflections on al-FÄrÄbÄ«âs MÄbÄdiʾ ÄrÄʾ ahl al-madÄ«na al-fÄá¸ilaâ, das 2015 auch auf Arabisch erschien, mit einem der berühmtesten Werke al-FÄrÄbÄ«s überhaupt. Mit seiner Fragestellung durchbrach er einmal mehr einen Grossteil der bisherigen Debatte. Während sich frühere Forschungen auf die Interpretation von Schlüsselpassagen und bestimmten isolierten Ideen im Text konzentrierten, fragte Ulrich, wie wir die MabÄdiʾ in ihrer Gesamtheit als philosophisches Werk verstehen können. Er zeigte auf, dass der Aufbau des Werks nicht aus der philosophischen Tradition stammte, sondern eher aus der des kalÄms; denn er folgt einem Muster, das dem der uṣūl ad-dÄ«n-Werke, d.â¯h. der theologischen Summae, aus derselben oder früheren Zeit sehr ähnlich ist. Auf der Grundlage dieser Beobachtungen sowie einer Analyse von al-FÄrÄbÄ«s Ãberlegungen zum theoretischen Inhalt der wahren Religion in seinem KitÄb al-milla und der Behandlung bestimmter Themen im MabÄdiʾ argumentierte Ulrich, dass letzteres al-FÄrÄbÄ«s Versuch darstellt, die Agenda und den Gegenstand der Theologie zu behandeln, jedoch aus der Perspektive der universellen Prinzipien, die nur die Philosophie aufstellen kann. Im Jahr 2012 leistete Ulrich dann mit seinem Kapitel über den Philosophen im ersten Band des Grundrisses der Geschichte der Philosophie. Philosophie in der islamischen Welt (der 2017 auch in englischer Ãbersetzung erschienen ist) einen weiteren wichtigen wissenschaftlichen Beitrag zu al-FÄrÄbÄ«-Studien. Dort bot er, aufbauend auf der Arbeit von Dimitri Gutas und anderen, eine gründliche Neubearbeitung der verfügbaren Quellen zu al-FÄrÄbÄ«s Leben, Beschreibungen aller herausgegebenen Werke von al-FÄrÄbÄ« und den bisher umfassendsten Ãberblick über al-FÄrÄbÄ«s gesamte Lehre auf der Basis des aktuellen Forschungsstandes. In jüngerer Zeit hat Ulrich zwei weitere Studien zu al-FÄrÄbÄ« veröffentlicht. Die erste, aus dem Jahr 2015, war ein Buchkapitel, âAl-FÄrÄbÄ« und die Neubegründung der Philosophie in der islamischen Weltâ, das zu erklären versucht, in welchem Sinne al-FÄrÄbÄ« als Begründer einer neuen Tradition der Philosophie verstanden werden kann. Das zweite Werk aus dem Jahr 2022 ist ein Sammelband, nämlich AbÅ« Naá¹£r al-FÄrÄbÄ«. Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt, das gänzlich der Auslegung der MabÄdiʾ gewidmet ist, und zu dem er zwei eigene Kapitel beigesteuert hat, von denen sich das eine mit al-FÄrÄbÄ«s Leben und Werk, das andere mit Inhalt, Struktur und Kontext der MabÄdiʾ befasst.
Ulrich hat sich auch intensiv mit einer dritten grossen Figur der Geistesgeschichte beschäftigt: AbÅ« ḤÄmid al-Ä azÄlÄ«. Auch hier hat Ulrich versucht, in bestehende Debatten einzugreifen, indem er grundlegende, aber bisher unerforschte Fragen aufgriff. Diese Strömung seines Forschungsoutputs begann 2005 mit dem Buchkapitel âDie Neubewertung der Logik durch al-Ä azÄlÄ«â. Hier thematisiert Ulrich eine grosse Spannung im intellektuellen Profil von al-Ä azÄlÄ«: Während es unbestritten ist, dass al-Ä azÄlÄ« für die Etablierung der aristotelischen syllogistischen Logik als wesentliche Methode in Theologie und Recht von enormer Bedeutung war, setzt al-Ä azÄlÄ« selbst syllogistisches Denken in seinen eigenen Werken der Theologie und des Rechts nur wenig und schon gar nicht konsequent ein. Die Wissenschaft war sich dieses Spannungsverhältnisses schon seit längerem bewusst, hatte es aber bisher immer nur auf der Grundlage der Beschäftigung mit einer Auswahl von Werken oder Passagen thematisiert. Ulrich nahm das gesamte Korpus von al-Ä azÄlÄ« in den Blick und untersuchte seine expliziten Bewertungen der Logik als Disziplin, wie er die Logik in seinen Werken zur Methodik in Theologie und Recht darstellt und wie er die Logik in seiner eigenen theologischen und juristischen Argumentation tatsächlich umsetzt. Ulrichs nächster Beitrag befasste sich direkt mit der wahrscheinlich am längsten andauernden Debatte in der al-Ä azÄlÄ«-Forschung, nämlich der Frage, inwieweit er ein Befürworter oder Gegner der Philosophie war. Auch hier gelang es Ulrich, eine grundlegende Frage zu identifizieren, die bisher noch nie angemessen behandelt worden war: Was für ein Verständnis von Philosophie hatte al-Ä azÄlÄ«? Sein Beitrag zu diesem Thema erschien in zwei Formen: ein kürzerer Aufsatz von 2011, âHow did al-GhazÄlÄ« conceptualize philosophy?â, und ein längeres Buchkapitel, âAl-GhazÄlÄ«âs Concept of Philosophyâ, das 2015 veröffentlicht wurde. Hier verglich Ulrich al-Ä azÄlÄ«s zahlreiche Aussagen zum Thema mit den Philosophiekonzepten früherer Philosophen und Theologen. Er konnte zeigen, dass al-Ä azÄlÄ«s Werk zwar kein einheitliches, eindeutiges Modell dessen, was Philosophie ist, darstellt, er aber oft dem von AbÅ« SulaymÄn as-SiǧistÄnÄ« geäusserten Verständnis am nächsten kommt: Philosophie ist die einzige Wissenschaft, die die wahre Natur der Dinge offenbaren kann, aber sie ist nicht die einzige Wissenschaft und unterliegt bestimmten Bedingungen und Beschränkungen, die sie nicht selbst definieren kann und welche die Philosophen oft ignoriert haben. Nachdem er weitere Gründe für die Annahme genannt hat, dass as-SiǧistÄnÄ« ein wichtiger Einfluss auf Ä azÄlÄ« gewesen sein könnte, warnt Ulrich vor einem neueren Trend in der al-Ä azÄlÄ«-Forschung: Zwar hat die Lektüre von al-Ä azÄlÄ« im Kontext der Philosophie Avicennas viele wertvolle Früchte getragen, doch sollte dies nicht zum alleinigen Interpretationshorizont werden, damit wir nicht am Ende andere wichtige Einflüsse und Gesprächspartner vernachlässigen. Das Thema von al-Ä azÄlÄ«s Haltung zur Philosophie wurde in Ulrichs 2018 erschienenem Buchkapitel âAbÅ« ḤÄmid al-GhazÄlÄ«, Die Inkohärenz der Philosophenâ mit spezifischerem Bezug auf den TahÄfut al-falÄsifa untersucht. Ulrich verband einige seiner früheren Erkenntnisse mit der Auswertung von weiterem Material, um speziell al-Ä azÄlÄ«s Verständnis des Verhältnisses zwischen Philosophie einerseits und Jurisprudenz und Theologie andererseits zu thematisieren. Dies waren die Themen seiner Buchkapitel âAl-GhazÄlÄ« on Philosophy and Jurisprudenceâ, das 2019 erschien, und âPost-GhazÄlian Theology: What were the Lessons to be Learned from al-GhazÄlÄ«â, das 2020 erschien. Zuletzt, im Jahr 2021, trug Ulrich das Kapitel über Ä azÄlÄ« zum zweiten Band des Grundrisses der Geschichte der Philosophie. Philosophie in der islamischen Welt bei (englische Ãbersetzung, 2023). Neben einer Bestandsaufnahme von al-Ä azÄlÄ«s Biographie und einer Beschreibung aller von ihm herausgegebenen Werke behandelt Ulrich dort die verschiedenen Strömungen von al-Ä azÄlÄ«s Auseinandersetzung mit der Philosophie in seinem Gesamtwerk.
1.3.2 Themen
Im Rahmen seiner Beschäftigung mit dem islamischen Kulturraum hat Ulrich Rudolph durch seine Publikationen der Islamwissenschaft nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern weit darüber hinaus eine Vielzahl neuer Erkenntnisse und wegweisende Impulse geben können, deren bleibende Bedeutung insbesondere in den folgenden Themenbereichen besonders herausragt:
An erster Stelle ist sicherlich die Philosophiegeschichte zu nennen. Bereits mit seiner vielbeachteten Dissertation über die Doxographie des Ps.-Ammonios widmete er sich einem philosophiehistorischen Thema; die Arbeit untersucht die Ãbernahme griechischen (hauptsächlich neuplatonischen) Gedankengutes in der islamischen Welt, indem ein dem spätantiken Philosophen Ammonios Hermeiou (gest. um 520) zugeschriebener und anonym in nur einer einzigen Istanbuler Handschrift überlieferter Text erstmals ediert und umfassend kommentiert wird. Durch die Kontextualisierung des Textes und den Einbezug der vielfältigen Nebenüberlieferung erbringt diese Studie wichtige Ergebnisse zur Rezeption von Lehren vorsokratischer Denker und deren Transformation innerhalb eines islamischen Diskussionskontextes.
Nebst dem Interesse für philosophiegeschichtliche Fragestellungen wandte er sich aber auch Fragestellungen mit einem mehr systematisch ausgerichteten Fokus zu. Aus seiner Beschäftigung mit der schillernden Figur al-Ä azÄlÄ«s ergab sich während seiner Zeit als Privatdozent in Göttingen die Gelegenheit, zusammen mit dem Philosophen Dominik Perler ein interdisziplinäres Seminar zum Thema «Occasionalismus im islamischen und im europäischen Denken» durchzuführen. Als Ertrag dieser gemeinsamen Lehrveranstaltung entstand das Buch Occasionalismus. Theorien der Kausalität im arabisch-islamischen und im europäischen Denken, in welchem die beiden Autoren die Debatten und Positionen zu diesem Thema im islamischen (8.â11. Jh., unter besonderer Berücksichtigung der Diskussion bei al-Ä azÄlÄ«) und im europäischen Kontext (13.â16. Jh.) erläutern und analysieren. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Perler setzte sich auch, nachdem Rudolph nach Zürich berufen wurde, fort, und zwar im Rahmen einer gemeinsam organisierten, internationalen Tagung zum Thema «Logik und Theologie. Das Organon im arabischen und im lateinischen Mittelalter», welche die mannigfaltigen Wechselwirkungen zwischen logisch-philosophischen und theologischen Fragestellungen zum Thema hatte und deren Ergebnisse in einem umfangreichen Tagungsband erschienen sind.
Da bereits seit den 1970er Jahren ein grosses Projekt zu einer Neuausgabe der Philosophiegeschichte von Friedrich Ueberweg (1826â1871) am Laufen war, an dem die Universität Zürich federführend beteiligt war, lag es nahe, auch Ulrich Rudolph in dieses Unterfangen einzubinden. Am Anfang dachte man lediglich daran, im Rahmen der Bände zum europäischen Mittelalter auch einige Seiten zur Philosophie im arabisch-islamischen Raum hinzuzufügen. Dank der Initiative Ulrich Rudolphs entwickelte sich daraus aber bald das Konzept für eine eigene Reihe zur islamischen Welt mit vier Bänden, die unter seiner Herausgeberschaft das 8.â10. Jh., das 11.â12. Jh. (in zwei Teilbänden zum islamischen Osten und Westen) und das 13.â18. Jh. behandeln sowie unter der Herausgeberschaft von Anke von Kügelgen (Bern) das 19.â20. Jh. (in zwei Teilbänden zum arabischen Sprachraum sowie zum iranischen, türkischen und südasiatischen Raum). Gewissermassen als Vorstufe dieses monumentalen und auf mehrere tausend Seiten angelegten Werkes veröffentlichte Rudolph im Jahr 2004 in der Reihe C.H. Beck Wissen eine konzise Ãberblicksdarstellung mit dem Titel «Islamische Philosophie», in welcher die wichtigsten Exponenten und Strömungen der Philosophie im islamischen Kulturraum allgemeinverständlich vorgestellt und erklärt werden und die mittlerweile in der 4. Auflage vorliegt. Der Band I des «Ueberweg» erschien nach etwa zehnjähriger Arbeit im Jahr 2012, für welche Ulrich nebst seiner Arbeit als Herausgeber das Kapitel zu al-FÄrÄbÄ« beisteuerte. Und auch Band II liegt mittlerweile vor, wobei Ulrich neben seiner Funktion als Herausgeber die Kapitel zu al-Ä azÄlÄ« im ersten und zu Ibn Ṭufayl im zweiten Halbband beisteuerte, also zu zwei Figuren, bei welchen beiden die Synthese von philosophischen, theologischen und mystischen Gedanken eine zentrale Rolle spielen. Ebenfalls erschienen ist bereits der Band IV zum 18. und 19. Jh. mit seinen zwei voluminösen Halbbänden. In Kooperation mit der Universität Genf (Laurent Cesalli, gleichzeitig Gesamtherausgeber der Ueberweg-Reihe) arbeitet Ulrich Rudolph im Anschluss an seine Emeritierung heute weiter mit einem internationalen Team von Fachleuten an der Fertigstellung von Band III, dessen Publikation in den nächsten Jahren erfolgen soll. Die vier Bände zur islamischen Welt betreten als Unterreihe des bedeutendsten sowie umfangreichsten deutschsprachigen Nachschlagewerkes zur Philosophiegeschichte Neuland, indem sie unter der Mitarbeit von weltweit ausgewiesenen Expertinnen und Experten auf dem Gebiet der islamischen Philosophiegeschichte in bisher einmaliger Detailliertheit Philosophen, Denkschulen und Werke konzise und fundiert diskutieren. Es ist nicht zuletzt Ulrich Rudolphs Verdienst, dass erstmals eine aussereuropäische philosophische Tradition in diese auf über 40 Bände angelegte Philosophiegeschichte aufgenommen wurde. Inzwischen sind zusätzliche Unterreihen des «Ueberweg» zu weiteren aussereuropäischen Traditionen in Arbeit, so dass sich der neue «Ueberweg» inzwischen als Globalgeschichte der Philosophie präsentiert. Die von Ulrich Rudolph herausgegebenen Bände haben damit neue Perspektiven auf die Philosophiegeschichte insgesamt eröffnet und stellen zugleich ein umfassendes Standardwerk der Ideengeschichte dar.
2 Ãber diesen Band â Anlass, Hintergrund, Struktur
Mobilität des Denkens ist ein Phänomen, das sich auf vielfältige Weise vollziehen kann. Denken findet einerseits als aktueller dynamischer Prozess in den Köpfen der Menschen sowie im Dialog untereinander statt, oder es wird zunächst erstarrt in Publikationen festgehalten, und daraufhin wieder neu mobilisiert, indem es von anderen aktualisierend rezipiert, transformiert und weitergedacht wird. Die Mobilität kann sich aber auch auf den physischen Raum beziehen, denn sowohl denkende Individuen als auch Texte können sich physisch in Bewegung befinden, indem Denkende und Forschende grenzüberschreitend zwischen verschiedenen geographischen Regionen hin- und herwandern, oder indem ihre Texte zirkulieren, multipliziert und verbreitet werden. Die Mobilität kann sich überdies auch auf den Denkprozess selbst beziehen, also die (Weiter-)Entwicklung von Argumenten, wenn etwa das Denken zu neuen Ufern geführt wird, indem es intellektuelle, doktrinäre oder disziplinäre Grenzen überschreitet und damit neue Horizonte erschliesst. Die physische und die mentale Mobilität des Denkens stehen oft in einem Wechselverhältnis zueinander. Personen und Texte, die â im physischen Sinne â von aussen neu in eine intellektuelle Konstellation eintreten, können das Denken anderer auf unerwartete Weise in Bewegung bringen. Zugleich kann eine solche mentale Mobilität des Denkens die physische Mobilität der Gedanken befördern, indem sie zur Verbreitung von Schriften jenseits ihres Entstehungskontextes führt sowie Denkende dazu inspiriert, ihren gewohnten Wirkungskreis für eine gewisse Zeit oder auch dauerhaft hinter sich zu lassen.
Die in diesem Band versammelten Beiträge von Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schülern, Freundinnen und Freunden von Ulrich Rudolph greifen auf vielfältige Weise die Idee der Mobilität des Denkens auf und spiegeln dabei auch Fragestellungen und Themenfelder wider, zu denen die Beitragenden mit Ulrich Rudolph in intellektuellem Austausch standen. Dabei haben wir als Herausgeber den Autorinnen und Autoren bei der Einladung, an dieser Festschrift mitzuwirken, das allgemeine Rahmenthema derselben mitgeteilt, doch haben wir darauf verzichtet, im Vorhinein ein spezifisches Programm für den Band vorauszusetzen. Die Beiträge aber konstituieren letztlich selbst verschiedene Bereiche des Rahmenthemas, sodass wir den Band wie folgt in fünf Teile gegliedert haben.
Der erste Teil, FÄ« madḥ al-Ê¿ilm wa-l-Ê¿Älim, enthält zwei Beiträge. Der erste ist eine MaqÄma, die Georges Tamer zu Ehren von Ulrich verfasst hat. Hier spielt Tamer mit den Konventionen dieser zentralen Gattung der arabischen Literatur, die gereimte Prosa und Lyrik zu einer sprachlichen Meisterleistung vermischt. In Anlehnung an eine berühmte allegorische Erzählung Avicennas begegnet der Erzähler â offensichtlich Tamer selbst â in einer Art Vision unversehens einer Gestalt, die ihm auf Wunsch eine Rede über die Wunder des Wissens und die dafür notwendigen Tugenden hält, eine Rede, die geschickt auf prominente Begriffe und Diskussionen aus der Tradition der Philosophie in der islamischen Welt anspielt. Der Erzähler fragt nach dem Namen der Figur und erhält die enigmatische Antwort: âNenne mich den Erkennenden, Sohn des Lebenden (al-Ê¿Ärif ibn al-Ḥayy)â, und überlässt es dem Leser, seine Identität zu entschlüsseln. Nach diesem Moment der impliziten Anagnorisis fügt die Gestalt die Bemerkung hinzu, dass sich wahres Wissen aus der demütigen Erkenntnis der eigenen Unwissenheit ergibt. Dann erklärt er, dass er sich auf eine kurze, aber lohnende Reise nach Zürich begeben wird, wo er einen Freund â offensichtlich Ulrich â hat, der sich für die Geschichte der Philosophie interessiert. Die Figur lobt dann Ulrichs Wissen und Charakter und erwähnt einige seiner zahlreichen wissenschaftlichen Leistungen. Schliesslich erwidert der Erzähler, dass Ulrich auch sein Freund sei, dass seine Worte ihm zu Ehren geschrieben seien und dass er ihm alles Gute für seinen Ruhestand wünsche, in dem er sich sicher nicht vom Streben nach Wissen und dem grosszügigen Teilen desselben mit seinen Mitmenschen zurückziehen werde. Im zweiten Beitrag dieses Teiles beschreibt Raji Steineck Ulrichs wertvollen Beitrag und positiven Einfluss auf die institutionellen Entwicklungen an der Universität Zürich während seiner Zeit als Ordinarius für Islamwissenschaft.
Der zweite Teil trägt den Titel Philosophie und Naturwissenschaften in Bewegung. Hier arbeitet Nader al-Bizri heraus, wie Ibn al-Hayṯams Entwicklung des Konzepts des kontrollierten Experimentierens im Kontext seines mathematisch fundierten Ansatzes zur Optik einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der Experimentalphysik darstellte. Anschliessend analysiert Johannes Thomann einen unredigierten Text von al-FÄrÄbÄ«, in dem dieser Ptolemäusâ Ausführungen zur materiellen Realität seiner mathematischen Modelle kritisiert. Thomann zeigt, dass NaṣīraddÄ«n aá¹-ṬūsÄ« den Text von al-FÄrÄbÄ« gelesen haben muss und dass er massgeblich an der Entwicklung eines neuen Planetenmodells beteiligt war, das später grossen Einfluss auf die europäische Astronomie hatte. Danach untersucht Frank Griffel sechs gedruckte Ausgaben der RasÄʾil der IḫwÄn aá¹£-á¹¢afÄ, wodurch er einen wichtigen Einblick in die Heterogenität und Komplexität der zugrundeliegenden Manuskripttradition gibt und anhand der Erzählung von der Verhandlung zwischen Mensch und Tier vor dem König der Dschinn zeigt, wie die philosophischen Argumente in den verschiedenen erhaltenen Versionen variieren. Mit einer ähnlichen Thematik befasst sich Peter Adamson anhand von FaḫraddÄ«n ar-RÄzÄ«s Ãberlegungen zur tierischen Intelligenz im Werk al-Maá¹Älib al-Ê¿Äliya und zeigt, wie FaḫraddÄ«n die Position früherer Philosophen infrage stellt, wonach der Mensch das einzige vernünftige Tier sei. Khaled El-Rouayheb analysiert das Denken von vier mittelalterlichen islamischen Gelehrten, die das âArgument der Superpositionâ ablehnten, das von Ibn SÄ«nÄ verwendet wurde, um die Unmöglichkeit einer unendlichen Ursachenkette zu beweisen. Ulrich Marzolph untersucht die als Fiqar al-ḥukamÄʾ bekannte anonyme Sammlung aus dem 13. Jahrhundert und konzentriert sich dabei insbesondere auf die Fabeln, die dieser Text zwanzig berühmten vorislamischen Philosophen in den Mund legt. Dominik Perler untersucht die vom spätscholastischen Philosophen Francisco Suárez ausgearbeitete Widerlegung des Okkasionalismus, um zu veranschaulichen, dass die Mobilität von Ideen nicht nur in ihrer positiven Rezeption an einem neuen Ort besteht, sondern auch im Widerstand gegen sie. Sarhan Dhouib bespricht dann die intellektuellen Verstrickungen in den philosophischen Werken von Ernst Bloch, Hermann Ley, NÄyif BallÅ«z und Ṭayyib TÄ«zÄ«nÄ«. Den Abschluss des Teiles bildet ein Beitrag von Urs Gösken, der die Rolle des comteâschen ethisch-politischen Positivismus im Denken des iranischen Reformers MÄ«rzÄ Malkum ḪÄn im 19. und frühen 20. Jh. aufzeigt. Den Abschluss des Teiles bildet ein Beitrag von Roman Seidel, der die Frage diskutiert, weshalb man das Phänomen der Persischsprachigen Philosophie der Moderne als ein transdisziplinäres Forschungsfeld denken sollte.
Der dritte Teil befasst sich mit zwei grossen Themen, die eine gewisse Symmetrie aufweisen: Der Islam in Europa einerseits und Europäer, Säkularismus und die âabendländischenâ Naturwissenschaften in der islamischen Welt andererseits. Zu Beginn des zweiten Abschnitts erörtert Dag Hasse das Leben und die Gelehrsamkeit von Andrea Alpago, einem Arzt an der venezianischen Botschaft in Damaskus im 15./16. Jahrhundert, und beschreibt seine Rolle als Vermittler von Texten und Ideen zwischen Ost und West. Hamid Hosravi erzählt die Geschichte von Johann Rudolph Stadler, einem Uhrmacher aus Zürich, der im frühen siebzehnten Jahrhundert eine Anstellung am Hof der Safawiden unter Schah á¹¢afÄ« I. fand, aber schliesslich wegen Mordes hingerichtet wurde. Tobias Heinzelmann beschreibt die wichtige Rolle, welche die DÄrülfünÅ«n İlÄhÄ«yÄt Fakültesi Mecmūʿası, die Zeitschrift der theologischen Fakultät der DÄrülfünÅ«n, bei der Zusammenführung einheimischer und westlicher Traditionen der Wissensproduktion in der frühen türkischen Republik spielte. Kata Moser untersucht, wie das Werk des libanesischen Philosophen Ê¿Ädil á¸Ähir eine allgemeingültige Theorie des Säkularismus zu begründen versucht. Anke von Kügelgen betrachtet das Denken verschiedener muslimischer Intellektueller der Neuzeit in Bezug auf das Verhältnis zwischen Philosophie, Naturwissenschaft, Religion und Politik, insbesondere in Bezug auf das Konzept des Säkularismus und die Vorstellung einer Dichotomie zwischen einem rationalen Westen und einem vergeistigten Osten. Rotraud Wielandt zeigt auf, wie sich die moderne und zeitgenössische islamische Theologie mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft auseinandersetzt. Reza Hajatpour reflektiert über die Geschichte und den gegenwärtigen Stand des Islambildes in Europa. In Form einer imaginären Podiumsdiskussion zwischen Vertretern der europäischen Geistesgeschichte, der Islamwissenschaft und der christlichen Theologie nimmt Felix Körner schliesslich die zeitgenössischen Forderungen nach der Entwicklung eines europäischen Islam in Augenschein.
Der vierte Teil enthält Beiträge, die sich auf unterschiedliche Weise mit Handschriften und Editionen befassen. Mohammed Soori und Ammar Jomah Falahieh Zadeh legen die erste Edition von acht Fragmenten einiger Sufi-Texte aus dem achten und neunten Jahrhundert vor, die in einem Manuskript in der Parlamentsbibliothek in Teheran erhalten sind. Christoph Riedweg und Emanuele Rovati analysieren die Vorrede zur Vita Aristotelis, die Ptolemäus âdem Fremdenâ zugeschrieben wird und nur in arabischer Sprache erhalten ist. Neben einer Edition und der ersten deutschen Ãbersetzung dieses Textteils fragen sie nach dem möglichen Wortlaut des griechischen Originals. Eva Orthmann bietet eine erste Edition und Untersuchung der im DustÅ«r al-munaǧǧimÄ«n erhaltenen Biographie von NizÄr, die kürzlich als ein Werk identifiziert wurde, das von der NizÄrÄ« IsmÄʿīliyya während der Zeit von Ḥasan aá¹£-á¹¢abbÄḥ, aber wahrscheinlich nach NizÄrs Tod verfasst wurde. Reza Pourjavady bietet die erste Edition und Analyse eines Teils einer Korrespondenz des Philosophen Quá¹baddÄ«n aÅ¡-Å Ä«rÄzÄ« aus dem vierzehnten Jahrhundert, die sich mit dem aktiven Intellekt befasst, als Antwort auf eine Frage eines gewissen FaḫraddÄ«n al-KÄšī zu diesem Thema, eine Frage, die er auch an Ibn KammÅ«na gestellt hatte. Henning Sievert untersucht die gelehrten Rivalitäten, die in einem unedierten Manuskript von ÄvÄrezÄde Muá¹£á¹afÄ Efendi, qÄá¸Ä« von Galata, aus dem frühen 17. Jahrhundert zum Vorschein kommen, in dem ÄvÄrezÄde einen Streit zwischen ihm und dem Mufti EbÅ« Saʿīd Muḥammed b. SaÊ¿deddÄ«n Efendi, der später ÅeyḫülislÄm werden sollte, über eine Entscheidung bezüglich einer orthodoxen christlichen Prozession in Yeñiköy. Schliesslich berichtet Andreas Kaplony über den heutigen Stand der Forschung in der arabischen Papyrologie.
Unser fünfter und letzter Teil versammelt Beiträge, die sich mit verschiedenen Aspekten der Begriffsgeschichte und Hermeneutik befassen. Katajun Amirpur untersucht das Schaffen des iranischen Gelehrten Moḥammad Moǧtahed Å abestarÄ« auf dem Gebiet der Koranhermeneutik. Sie erörtert zunächst Å abestarÄ«s intellektuelle Biographie anhand von Interviewmaterial, bevor sie sich seinem berühmten HermenÅ«tÄ«k, ketÄb va sonnat zuwendet und insbesondere seine Rezeption des hermeneutischen Denkens von Hans-Georg Gadamer diskutiert. Zakieh Azadani untersucht in ihrem Beitrag, wie Muḥammad Ḥusain NÄʾīnÄ« (1860â1936), ein einflussreicher schiitischer Theologe und Befürworter der iranischen Verfassungsbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, moderne philosophische Freiheitsbegriffe zusammen mit Positionen zur Willens- und Handlungsfreiheit aus der islamischen Geistesgeschichte diskutiert. Unter Rückgriff auf Joan Scotts Methode der analytischen Historisierung bietet Bettina Dennerlein eine Relektüre von Ê¿ÄʾiÅ¡a Ê¿Abd ar-RaḥmÄns Schriften zur islamischen Befreiung und untersucht die in diesem Kontext zum Ausdruck kommenden Konzepte der Frauenbefreiung. Regula Forster untersucht den QurʾÄn-Kommentar von AbÅ« l-Fayá¸-i Fayá¸Ä«, der in Form eines Lipogramms verfasst ist, in dem keine der gepunkteten Buchstaben des arabischen Alphabets verwendet werden. Nadja Germann untersucht das hermeneutische Konzept des bayÄn, wie es im BurhÄn fÄ« wuǧūh al-bayÄn von IsḥÄq b. IbrÄhÄ«m b. Wahb ausgeführt wird. Schliesslich tauschen James Weaver und Alexander Key eine Reihe von Fragen und Antworten über die Verwendung des Begriffs maÊ¿nÄ im klassischen kalÄm aus.
Die ersten Ãberlegungen zu dem Projekt, eine Festschrift für Ulrich Rudolph herauszugeben, gehen zurück auf das Jahr 2019, als sich mehrere seiner ehemaligen Doktoranden zusammenfanden und den Entschluss fassten, einen solchen Band zu Ehren ihres akademischen Lehrers, Förderers und Freundes zu initiieren. Die Pläne für dieses Vorhaben konkretisierten sich in den folgenden Monaten kontinuierlich, und sehr viele Persönlichkeiten aus dem Kreis der angefragten Fachleute sagten zu, einen Beitrag zum geplanten Werk beizusteuern. Die hier versammelten Beiträge wurden grösstenteils in den Jahren 2021 und 2022 verfasst und dem Herausgebergremium eingereicht. Durch einzelne verzögert eingetroffene Beiträge und weitere erschwerende Umstände verschiedenster Art dauerten die Arbeiten bis zur Fertigstellung des Bandes dann allerdings deutlich länger als anfänglich geplant. Aufgrund redaktioneller Einschränkungen ergab sich vor der definitiven Drucklegung leider auch nicht mehr die Möglichkeit, dass die Mitwirkenden ihre damals eingereichten Beiträge nochmals in grösserem Masse hätten umarbeiten oder aktualisieren können.
Das Herausgebergremium möchte an dieser Stelle allen Autorinnen und Autoren dieses Bandes ganz herzlich danken für ihren wertvollen Beitrag zum Zustandekommen unseres Projektes sowie auch für ihre Geduld und die gute Zusammenarbeit auf dem gemeinsamen Weg bis zur Publikation des nun vorliegenden Bandes. Unser Dank gilt auch Anna Akasoy, Emilie Savage-Smith und Ayman Shihadeh, die diesen Band in die Reihe âIslamic Philosophy, Theology and Science. Texts and Studiesâ aufgenommen haben, sowie allen Beteiligten bei Brill, die dieses Buch durch den Publikationsprozess begleitet haben.